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Foto nordische Landschaft

20. September 2010

Summer Breeze 2010, Freitag: Hypocrisy – »Ich hatte gerade einen Orgasmus«


Auf eine kalte Nacht im Zelt folgt das Gothic-Paket Deadstar Assembly (USA) und Mono Inc. (D) am (für mich) zweiten Tag des Summer Breeze 2010. Allerdings können mich weder die Amis noch ihr deutscher Gegenpart mit ihrem Durchschnitts-Industrial-Gothic-Sound aufs Festivalgelände locken.

Erst zu Fiddler’s Green (D) nähere ich mich den »Grabenschlampen« (so der phantastische Aufdruck auf den T-Shirts der Security). Die fröhliche, irisch-inspirierte Folktruppe hat das Hauptbühnen-Publikum von Anfang an in der Hand. Trotz beginnender Hitze und verhältnismäßig früher Uhrzeit schunkeln und tanzen die Fans ausdauernd. Und nicht nur das: Die Menge formiert sich zu einer Wall Of Death, pardon: Wall Of Folk. Mit spontan gebildeten Circle Pits verblüffen die Metaller den Gitarristen vollends; fassungslos stammelt er etwas wie: »Unglaublich, was auf dem Breeze alles möglich ist!«

Muss man nicht gesehen haben: The Black Dahlia Murder (USA). Wieso meinen Amis immer, je lauter, desto besser seien sie? Das hat schon bei Slipknot nicht funktioniert. Und TBDM sind einfach nur … laut. Und langweilig.

Weiter geht’s mit Ensiferum (FIN). Trotz der unglaublichen Hitze seit den frühen Morgenstunden, pilgern massenhaft Leute vor die Mainstage um einen der Topacts, Ensiferum, zu sehen.

Die Pagan Metaller absolvieren routiniert einen gelungenen Auftritt, reißen die Zuschauer mit, die trotz den Temperaturen euphorisch bangen und singen. Neben Klassikern wie »Into The Battle«, »Token Of Time« und »Deathbringer From The Sky« spielen die Finnen auch einige Lieder des aktuellen Albums »FROM AFAR« wie »Stone Cold Metal« oder »Smoking Ruins«. Der krönende Abschluss ist – wie immer – natürlich der Song »Iron« mit einem orchestralen »da da da daaa, da da da daaa«.

Den absoluten Kontrast dazu bilden die bedächtigen Anathema (GB), für waschechte Mosher langweilig – oder nett gesagt: Sie gönnen ihnen eine Verschnaufpause. Die eingefleischten Fans lauschen auch live den überlangen,
sphärischen, technischen Songs.

Wen die Briten erfolgreich ins Land der Träume befördert haben, der wird nun äußerst unsanft geweckt: Die Kultkapelle Cannibal Corpse (USA) packt die Death-Keule aus, drischt sie dem Publikum in Höchstgeschwindigkeit um die Ohren, metzelt alles in Grund und Boden: Laut, schnell, gnadenlos. Endlich geht auch die Sonne hinter der Mainstage unter, zu den Klängen von »I Will Kill You«. Wie passend. Fronter George Fisher fordert die Zuschauer wie gewohnt zum Nackenkreis-Duell heraus – das er souverän gewinnt. »Für alle Schlampen« spielt er den Track »Priests Of Sodom«, während »Hammer Smashed Face« vermutlich dem lauthals danach verlangenden, männliche Teil der Masse gewidmet ist. Nach diversen Wall Of Death und Pits in sämtlichen Größen, verpasst die Security den Metallern eine willkommene  Abkühlung mittels Wasserschlauchs, bis »Stripped, Raped And Strangled« das Set endgültig beendet.

Der Tag der Wechselduschen ist indes immer noch nicht vorbei: Nach Ensiferum (wilde Party), Anathema (entspannende Meditationsmusik) und Cannibal Corpse (unterhaltsames Massenmoshen) kommt mit End Of Green (D) wieder ein Vertreter der ruhigen Sorte auf die Bühne. Die Band um Sänger Michelle Darkness klingt wie immer: Eben gehört – schon vergessen. Dennoch ist Michelle Darkness solo / mit Band stetiger Begleiter des Breeze. Warum auch immer.

Glücklicherweise spielen hier auch mitreißenden Bands. Wie Hypocrisy (S). Die schwedischen Deather um Peter Tätgren gehen mit »Fractured Millenium« von der ersten Sekunde an in die Vollen – und halten gnadenlose 75 Minuten durch. Die spielfreudigen Nordmänner knallen den Fans einen Abriss ihrer 20-jährigen Bandgeschichte vor den Latz, verzichten auf jeglichen Firlefanz (großartige Pyroshow oder andere Spielereien), begeistern einfach mit ihren genialen Songs.
Die Zeit vergeht wie im Flug, schon verschwindet das Death-Urgestein nach »Warpath« von der Bühne – doch kehrt zurück, um die von den Fans geforderte Zugabe einzulösen. Nach »Roswell 47« verlässt die Band unter tosendem Beifall die Hauptbühne endgültig. Leider. Zitat Eins der verzückt zurückbleibenden Fans: »Noch besser als Unleashed«. Zitat Zwei: »Ich hatte gerade einen Orgasmus«.

Leider sind Gorgoroth (N) weder besser als Unleashed, noch bieten sie Höhepunkte irgendeiner Art. Mit zehnminütiger Verspätung betreten die Norweger um Infernus die Pain Stage, beginnen mit »Bergtrollets Hevn« und schaffen es, ihr ganzes Set wie ein einstündiges Lied wirken zu lassen – reife Leistung. Schlechter Sound, unmotivierte Musiker. Als »Gaygoroth« nach 40 Minuten die Bühne verlassen, vermisst sie nicht einmal der hartgesottenste Fan. Kein Zugabe-Ruf ist zu hören. Dennoch kommt die Band zurück – Jungs, das wäre mir an eurer Stelle einfach zu peinlich – um vor einem halbleeren Platz das letzte Stück zu spielen. Ein trauriger Auftritt.

Nun verlangt der (Sonnen)Tag seinen Tribut: Einmal beim Zelt angekommen, verleiten weder Heaven Shall Burn (D) noch Gwar (USA) zur Rückkehr aufs Festivalgelände: Sie klingen auch aus der Ferne gut.

Die komplette Fotogalerie findet ihr hier. Zum Samstag geht’s hier.

© Fotos / Text: natte

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