Home
Foto nordische Landschaft

26. September 2010

Es ist gut, kreativ zu sein: Olöf Arnalds und Timo Räisänen @ Reeperbahn Festival 2010

»It is good to be creative«. Schüchtern gehauchte Worte von der Frau mit den auberginefarbensten Strümpfen und dem kürzesten Kleid des Abends. Die es aber gleichwohl schafft, ein wenig wie die Unschuld vom Lande zu wirken. Ólöf Arnalds ist die Kusine von Ólafur Arnalds, dem isländischen Kammermusik-Romantiker, aber damit endet die Ähnlichkeit. Kusine mag das Erdige, Handgemachte, nicht das Schwebende. Die Klampfe und die Ukulele. Pflegt die verhalten freakfolkige Eigenwilligkeit und die leisen Töne, selbstverständlich. Es ist der erste Abend des Reeperbahn Festivals 2010, und die Befürchtung, die Clubs könnten hoffnungslos überfüllt sein, erweisen sich als grundlos. Das Imperial Theater an der Reeperbahn in seinem 50er-Jahre-Schick, wo abends Stücke wie »Die Seltsame Gräfin« aufgeführt werden, bildet den perfekten Rahmen für die junge Isländerin. Die allerliebst ihre Zwischenansagen auf deutsch macht und mühelos zwischen den Jahrzehnten umherhüpft. Die drei Coversongs, die sie an diesem Abend interpretiert, reichen vom Frühwerk von Meister Bob Dylan über Cayetano Veloso bis zu zum Titelsong der 60er-Jahre Kultfernsehserie »Tammy, das Mädchen vom Hausboot«. Trotzdem: Wir können uns kaum vorstellen, dass Fräulein Arnalds so harmlos ist wie Doris Day.

Ólöf Arnalds – Crazy Car from One Little Indian Records on Vimeo.

Die allerschrecklichste Jeans des Abends, bedruckt mit albernen Union Jacks, die trägt Timo Räisänen, dessen neues Album »THE ANATOMY OF TIMO« vom Team von Nordische Musik zur CD des Monats September gewählt wurde. Damit ist der einzige Schwachpunkt dieses Auftritts auch schon abgehandelt. Es ist, wenn man dem schwedischen Sänger glauben mag, sein erster Auftritt in Deutschland überhaupt. Und der findet ausgerechnet in einer Table-Dance-Bar statt, in der sich ansonsten gut aussehende Damen um Stangen winden. Irgendjemand im Publikum will gehört haben, dass sich Timo Räisänen bei seinen Auftritten gerne frei macht, aber die vielen Kunstwerke nackter Nymphen an den Wänden des Etablissements scheinen ihm dann doch einen gewissen Respekt einzuflößen. Herr R. und seine Jeans bleiben brav züchtig.

Kompletten Beitrag lesen …