Home
Foto nordische Landschaft

14. September 2010

»Fyr laus«: Feuer frei für Rammsund

4. September 2010: Rammsund alias Staal im Rockefeller, Oslo

Rammsund ist Nynorsk* und heißt auf Deutsch Rammstein – der Name ist Programm: Musik von Rammstein mit Texten auf Nynorsk.
Damit erreichen sie, was fast keiner Band in Norwegen gelingt: Das Publikum bewegt sich – vom ersten Lied an! Bei dieser Show ist es geradezu unmöglich stillzustehen: Mit Klassikern wie »Du duftar godt« (du riechst so gut), »Ikkje Lyst« (keine Lust) und »Engel« beginnt die Show und geht genauso temporeich weiter. Bei »Te Quiero Puta!« unterstützen sie zudem Trompeter, die endgültig für Tanzstimmung sorgen.

Die Pyroshow wirkt zwar zum Teil etwas improvisiert – »der Supermarktgrill dort vorne steht auch bei mir aufm Balkon« –, dafür sind die Feuerkanonen und Nebel-Maschinengewehre wirklich beeindruckend. Es wird so heiß, dass ein »Feuerwehrmann« auf die Bühne stürmt und sich beschwert. Diesen begießt die Band unter Jubel der Zuschauer kurzerhand mit »Benzin«, zündet ihn an und führt ihn mit dem Kommentar »For ein Pussy!« (»was für ne Pussy«) ab.

Kompletten Beitrag lesen …

11. September 2010

Disco Ensemble plus Jaakko & Jay: Finnen für den Weltfrieden

Dass man so viel Lärm veranstalten muss, um simple Gutmenschen-Botschaften zu zu verbreiten: Seid nett zueinander, tut euch nicht weh, genießt das Leben, denn ihr habt nur eines. Warum auch nicht? Und dass die Finnen sich für den Weltfrieden unter höchster Schweißabsonderung einsetzen, ist irgendwie folgerichtig. Das sind ganz liebe Jungs. Und sie reden entgegen aller vorherrschenden Stereotypen sogar. Im Fall von Jaakko & Jay sogar zu viel, und das ist vielleicht hier das eigentlich Erstaunliche. Und dass die Vorgruppe den Hauptact in Sachen künstlerischer Abenteuerlust eindeutig an die Wand spielt.

Pogotanzen wird unter 14jährigen als Instrument des körperbetonten Aufbegehrens wohl nie außer Mode kommen, wie im Café Central im beschaulichen badischen Städtchen Weinheim bestens zu beobachten ist. Weinheimer Muttis, wisst ihr eigentlich, was eure Sprößling abends um zehn im Jugendclub treiben? Mit sicherlich trinkfesten finnischen Rabauken abhotten! Tss tsss.

Jaakko & Jay sind zwei erwachsene Kindsköpfe, zwei männliche Pippi-Langstrumpferiche aus Tampere, die eigensinnig gegen die Erwachsenenwelt aufgebehren. Mit minimalsten musikalischen Ausrüstungsgegenständen: Eine Akustikgitarre und ein aufs Allerwesentlichste reduzierten Schlagzeug. Aber was für ein anarchisch knisterndes Feuerchen diese beiden Querköpfe entfachen! Eine simple, aber effektive Mischung aus Punkrock und handgemachter Rebellion mit Folk-Touch und einer nicht völlig abzustreitenden (Pop)-Sensibilität. Stillgestanden wird hier nicht.

Irgendwie sind Jaakko & Jay wie ein altes Ehepaar, dass sich mit eingeschliffener Routine die Tischtennisbälle um den Kopf haut, sich ins Wort fällt und ergänzt und nicht ohne einander sein kann. Allerliebst, diese Männerfreundschaft! Und nach dem Plappern singen sie sich wieder die Seele aus dem Leib für die nächsten drei Minuten, bis die albernen Drei-Viertel-Hobbits-Hosen, dies sie tragen, all den aus dem nassen T-Shirts abfließenden Schweiß nicht mehr absorbieren können. Sei´s drum. Hier geht es um Leidenschaft und Tempo und Verrücktsein. Um Energie. Und ums Lebendigsein, bis es schmerzt. Jaakko und Jay überrollen und überwältigen mit reiner Energie. Puuuuh!

Es ist das siebte Konzert in Folge. Jaako & Jay touren durch Deutschland. Leichte Erschöpfungsspuren in den Gesichtern. In ihrer Mission wanken sie nicht. Hören nicht auf, die Weinheimer Minderjährigen zur Rebellion aufzurufen: Tut das, was euch Spaß macht, und seid friedlich und freundlich dabei. Und trinkt vielleicht das eine oder andere Bier dazu, wenn ihr denn dürft!

Jaakko & Jay – Better Than… from Tomi Tirkkonen on Vimeo.

Disco Ensemble sind der Hauptact an diesem Abend. Mit ihrem neuen Album »THE ISLAND OF DISCO ENSEMBLE« im Reisegepäck. Was auf den Postern stand, die die Mädels in der ersten Reihe gleich zu Beginn in die Lüfte reckten, dass werden wir nicht mehr erfahren, der Kollege vom Mannheimer Morgen und ich. Zeit zum Atemholen bleibt nicht. Disco Ensemble sind fleißige Arbeiter im Steinbruch des Punkrock mit leichten Elektronik-Anleihen und sehnenden Blicken Richtung US-Indierock. Den Pfad des aufrechten Rockreckenrebellentums verlassen sie nie wirklich. Die Stimme von Sänger Miikka Koivisto kippt ins Schreien, weil das nuancierte Singen belastungshalber nicht mehr hinhaut.

Brav. Aufrecht. Aber in der Summe wenig inspirierend. Disco Ensemble stagnieren auf achtbarem Niveau. Sind die gutmenschelnden Cousins der Toten Hosen. Die langweiligeren Neffen von Weezer. Um es mal in aller Deutlichkeit zu sagen. Aber keine Frage: Dem Weinheimer Publikum gefallen sie, diese vertrauten und weitgehend überraschungsfreien Töne. Bloß keine Experimente! Schwitzen und Abrocken machen froh, zu gewissen Teilen. Und die Band ackert wacker. Aber irgendwie fragt man sich, wie lange er noch währen wird, dieser lächelnd-schwitzige Konsens zwischen Band und Publikum in einer immer schnelllebigeren Welt. In der wir, natürlich, am Vertrauten festhalten. Aber trotzdem fühlen, dass es das nicht gewesen sein kann. »Don´t hurt anybody«, postulieren Disco Ensemble. Nein, das wollen wir natürlich nicht. Aber sind da nicht noch andere, inspirierendere Ideen da draußen? Soll es das schon gewesen sein?

Disco Ensemble: Protector from Fullsteam Records on Vimeo.

Foto: Tolski Pannahinen

08. September 2010

Seabear: Wir zünden ein Feuerchen an

Es muss Elfenmagie im Spiel gewesen sein. Denn anders ist es nicht zu erklären, wie eine Band das weithin als extrem stoffelig bekannte Frankfurter Publikum zum Singen verleiten kann. Und das ohne Zwang und Peinlichkeit. Noch nie dagewesen, das. Danke, Seabear!

Es scheint, dass isländische Bands am liebsten in der Großgruppe auftreten. Muss man möglichst viele Landsleute um sich scharen, wenn sich knapp 300.000 Einwohner auf dem zweitgrößten Inselstaat Europas zu verlieren drohen? Wir haben Seabear, das musikalische Kollektiv rund um Sänger Sindri Már Sigfússon, diese Frage an diesem Abend in Frankfurt nicht gestellt. Sondern lieber mit wachsender Begeisterung verfolgt, wie der Musiker und seine Mitstreiter immer mehr auftauen und zugänglicher werden. Am Schluss sind alle aus Schüchternheit geformten Eiszapfen geschmolzen, und das Septett auf der Bühne hat das sonst so spröde Frankfurter Konzertgängervolk mindestens ebenso lieb wie umgekehrt.

Sehr handgemacht geht es in der Welt von Seabear zu. Mit Klavier, Klampfe, Geige und Blaswerk. Zunächst sehr vom Americana-Indiefolk beeinflusst. Aber Sigússon hat eine viel zu ausgeprägte Affinität zum samtfüßigen, verträumt-melancholischen Tagträumer-Indiepop, um sich in den Weiten der Prärie verlieren zu können. An Seabear-Tagen im Kalender muss es unbedingt sanft regnen, und dürfen wir uns in beim Aus-dem-Fenster-Schauen in blauen Gedanken verlieren. Und wenn nötig, auch mal in dicken Wollstrümpfen durchs Zimmer tanzen.

Sehr zärtlich geht es in der Welt von Seabear zu, und ihr jüngstes Album »WE BUILT A FIRE« schmust eindeutig mit den Lieblingsthemen junger, blasser Popbarden, die da sind : die unerfüllte Liebe, die schwierige Liebe und die zerbrochene Liebe. Das geht mächtig ans Herz!

Live bleiben diese Verhaltenheit und Zurückgenommenheit etwas auf der Strecke. Ein frischer Atlantikwindstoß fährt durch die Haare der Musiker auf der Bühne und dann heben sie temperamentvoll ab: Das Schlagzeug klingt plötzlich rockig, die Gitarren weichen lustvoll vom Weg der reinen Harmonielehre ab und der Sänger, ach der Sänger: Der zeigt ernsthafte Zeichen von Temperament und zündet ein Feuerchen an, wie in einem der vielleicht schönsten Seabear-Songs, »I´ll Built You A Fire« .

Dass an diesem Abend im Club das bett der Sound nicht vom Allerfeinsten war und die eine Instrumentengruppe mitunter im Vergleich zur anderen etwas unterging, wollen wir großzügig übersehen. Auch dass der Gesang von Pianistin Sóley Stefánsdóttir (die übrigens gerade ein sehr stimmiges musikalisches Debüt hingelegt hat) und Violinistin Guðbjörg Hlín Guðmundsdóttir nicht immer mit dem von Sindri Már Sigfússon harmonieren – geschenkt. Denn es geht, so kitschig das klingen mag, ums Schneeschmelzen und Erblühen hier, von Band und Publikum gleichermaßen.

(Foto: Lilja Birgisdóttir)

Seabear – I’ll Build You A Fire from seabear on Vimeo.

05. September 2010

Delay Trees: Können Ohren schmelzen?

Oooops, kleiner Nachschlag zu den Newcomern in der finnischen Popszene im Sommer 2010 nötig. Denn diese Tage eine kleine Mail vom finnischen Indielabel Johanna Kustannus im Postfach, die auf das anstehende Debüt von Delay Trees hinweist. Erscheinungstermin des selbstbetitelten Albums ist Ende September.

»Sanfte Popmusik, die deine Ohren schmelzen lässt«. So beschreibt das Quartett aus Helsinki und Hämeenlinna seine träumerischen, zurückhaltend daherkommenden Songs. Behutsam, geradezu bescheiden schreiten Delay Trees zu Werke. Lassen sich viel Zeit, um ihre schwelgerischen Miniaturen sich entwickeln zu lassen. Es geht hier ums Festhalten an den eigenen Träumen in einer viel zu kalten Erwachsenenwelt. Um Enttäuschungen in Liebesdingen. Darum, den Kopf über Wasser zu halten, mit zarter und zärtlicher Entschlossenheit. Die Grundstimmung ist melancholisch, aber niemals wehleidig. Von naiver Ernsthaftigkeit. Von ruhiger Schönheit.

Tastende Gitarren und schüchterne Harmoniegesänge. Niemals laut, aber immer hellwach. Hier wird die schnelle Welt endlich auf ein erträgliches Tempo heruntergebrochen. Aufmerksames Zuhören eingefordert. Vielleicht rufen wir danach spontan einen alten Freund oder eine alte Flamme an und sagen, dass wir uns endlich mal wieder sehen sollten, um über alte und neue Zeiten zu sprechen. Oder nehmen uns einfach die Zeit, um eine Viertelstunde träumend aus dem Fenster zu schauen.

Um neugierig auf das neue Album zu machen, haben Delay Trees bereits zwei Songs vom neuen Album als freie Downloads zur Verfügung gestellt. In »Cassette 2012« beschwören sie uns eindringlich, bloß nie unseren Glauben an das Gute und uns selbst zu verlieren. Und an die geliebte Person. Die wir vielleicht im Jahr 2012 wiedersehen werden, und dann bringen wir eine Kassette mit Lieblingsliedern mit. Und aktuell, »About Brothers«, einen Song, der für Delay-Trees-Verhältnisse geradezu lebhaft daherkommt. Wie sollen wir fühlen, wenn sich andere verändern, oder wir uns einfach auseinanderentwickeln? Wenn wir uns mit jemandem nicht mehr wohlfühlen und der eigene Bruder plötzlich zu Stahl geworden ist und wir das irgendwie immer gewusst haben? Große Fragen. Delay Trees wissen, dass es darauf keine einfache Antworten gibt.

Delay Trees: Desert Island Song – M1-studio (Live) from Sami Korhonen on Vimeo.

 
Seite 2 von 212