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Foto nordische Landschaft

25. Januar 2010

Eurosonic, 2010: Redselige Finnen, tanzwütige Isländer

Wer immer das Vorurteil in die Welt gesetzt hat, dass die Finnen ein Volk von Schweigern sind, hat noch nicht Bekanntschaft mit Jaakko & Jay geschlossen. Das anarchische Duo aus Tampere redet mit einer Geschwindigkeit, dass selbst dem italienischen Meister des intelligenten Schnellsprechens, Signore Roberto Benigni, schier schwindlig werden könnte. jaakkoDie beiden werfen sich die Stichworte zu wie Pingpongbälle, zählen bis drei und punkrocken dann mit minimalsten Mitteln los, das einem Hören und Sehen vergeht. Gitarre, ein auf das Wesentliche reduziertes Schlagzeug, sonst nichts. Die reine Kraft der Rebellion lodert bei diesen beiden wie ein Großbrand. Eine unwiderstehliche Live-Band, die einen gesamten Groninger Club binnen Minutenfrist zum Tanzen bringt. Bitte bald nochmal nach Deutschland auf Tour kommen!

Wieder einer dieser holländischen Winterabende, an dem sich die gesamte Groninger Innenstadt in eine einzige Clubmeile verwandelt. Man schliddert durch den Schnee, trifft zwischendurch immer wieder Bekannte, tauscht Tipps aus, steht an vor dem nächsten Konzertsaal, den Faltzettel mit den Bands des Abends immer fest in der Hand.

Einen Schwall eiskalter Atlantikluft bringen Orka von den Faröer Inseln mit. Musizieren hauptsächlich mit selbstgebauten Instrumenten, der Fama nach in einer Scheune zusammengebastelt. Gewalttätige, hypnotisch in den Bann ziehende Songs, durch die unsichtbare Inselgespenster wabern, gefährlich!Grobe, ursprüngliche Kraft, und Blixa Bargeld ist hier der präsente Pate. Im Line-up muss es Veränderungen gegeben habe, die Morticia-Doppelgängerin als Sängerin ist wohl neu an Bord auf dem Orka-Fischkutter. Schleift die rauhesten Kanten ab, mögen wir das wirklich? Das Minus an männlicher Seemansgarn-Härte? Hmmm. Veränderung, gewöhnungsbedürftig.

Viel, viel stylisher wird es bei Serena Maneesh. Die mit Verspätung starten, weil es endlose Probleme mit dem Sound gibt. Leichter Unmut im Publikum, die unausgesprochene Frage. »Wie stellen die sich denn an, die anderen Bands müssen sich im Rahmen eines Festivals doch auch exakt an den Zeitplan halten.« serenaÜberkandidelt? Der Eindruck verstärkt sich noch während des Gigs. Sicher, die Norweger entwerfen gewalttätige, repetitive Soundwände in bester Tradition von My Bloody Valentine & Sonic Youth. Aber dem Sänger scheint der Sitz des Stirnbands auf der dunklen Wallemähne mindestens ebenso wichtig zu sein wie die Töne, die er auf der Gitarre spielt. Entschuldigung: Den Gitarren, denn er wechseltim Laufe einer halben Stunde  gefühlte ein Dutzend Mal das Instrument. Nicht dass ein großer Unterschied zu hören wäre. Es scheint hier die Pose zu sein, die zählt. Und dieses Phänomen beeinträchtigt den Musikgenuss dann doch erheblich. Toni Ritonen von der finnischen Fullsteam Agency fasst es nach dem Gig treffend zusammen. »They have the songs, but they lack the attitude«. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Harmloser wird es bei den norwegischen Landsleuten von Donkeyboy, die sich mit vielstimmigen Falsettgesang anschicken, in die großen Fußstapfen von A-ha zu treten. Suhlen sich wohllüstig im fetten 80ies-Popsongbonbonrosahimmel und sind angenehm anzuhören & anzusehen. Etwa so wie die Teddybärsammlung auf einem Jungmädchenbett. Nett, ausbaufähig.

Für das zweite echte Glückserlebnis an diesem Abend sorgen FM Belfast. Dass die Isländer einfach nie, nie mit nur zwei, drei musikalischen Protagonisten auftreten können, sondern immer gleich in der Stärke einer halben Vorschulklasse antreten müssen! Auf der Bühne herrscht ein unübersichtliches Gewusel, und schnell ist klar: fm-belfastHier wird tiefatlantischer, elektronischer, zutiefst ironischer Karneval zelebriert! Mit bewusst naiver, selbstbewusster Attitüde wollen diese Nerds mit modischer Fliege einen solchen Spaß haben, dass selbst Cyndi Lauper dagegen wie ein Trauerkloß wirkt. Die Mittel sind einfach, der Effekt unwiderstehlich ungeheuer. Die machen irgendwie intelligente Tanzschlagermusik, denkt man lächelnd, mit einfachsten Mitteln, und es funktioniert! Den scheinbar albernen Song über die Wonnen des Karibikurlaubs summt man noch Tage später unwillkürlich vor sich hin. Zum Abschluss springen noch die isländischen Landsleute von Seabear halbnackig als Verstärkung auf die Bühne, und in dem ohnehin schon völlig überfüllten Club gibt es kein Halten mehr, alles tanzt ausgelassen.

(Foto Serena Maneesh: Morten Andersen).

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