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Foto nordische Landschaft

14. Oktober 2010

A lot of colourful candy: Iceland Airwaves 2010

Es regnet grauschwarz grieselig. Natürlich. Es ist Oktober in Reykjavik, und über dem Atlantik toben die ersten Herbststürme. Dass Mütze, wasserdichtes Schuhwerk und nur auf den ersten Blick uncoole Regenjacke zur überlebensnotwendigen Grundausstattung beim Iceland Airwaves Festival gehören, muss sich bei einigen Neulingen erst noch herumsprechen. Die einheimische Damenwelt kümmert sich indessen wenig um Äußerlichkeiten wie fieskalte Windböen: Die Kleidchen sind kurz, die Strümpfe möglichst knallfarben, die Ausschnitte tief und mit Kunstperlenketten aus dem Fundus der Großtante dekoriert.

Was hat sich auf den ersten Blick in Reykjavik verändert seit der letztjährigen Ausgabe des Festivals? Etwas Zuversicht scheint in die Stadt zurückgekehrt. Am Großprojekt des Konzerthaus-Neubaus am Hafen sind Fortschritte zu verzeichnen. Vor zwölf Monaten ruhten die Arbeiten hier noch. Einige der leerstehenden und heruntergekommenen Gebäude entlang der Haupteinkaufstraße Lauguvegur werden renoviert. Ein gutes Dutzend neuer Cafés und Läden hat eröffnet. Islands Hauptstadt scheint sich von der Schockstarre nach der Wirtschaftskrise erholt zu haben. Es liegt eine gewisse kreative Aufbruchstimmung in der Luft. Viele junge Eltern mit Kleinkindern auf dem Arm besuchen die ruhigeren Off-Venue-Konzerte. Um die Zukunft scheint es den Isländerinnen im gebärfähigen Alter nicht bange zu sein.

Aber zur Musik! Kaum angekommen und vom Gästehaus zwei Schritte auf die Gasse getan, schon sind sanfte Folktöne aus der Nachbarschaft zu hören: Rökurró spielen unplugged im legendären Plattenladen 12 Tónar. Die Besucher stehen draußen vor der Tür, weil selbst bei gutem Willen keine Maus mehr in die Ladenräume passt, und lauschen lächelnd dem traumverlorenen, handgemachten Folkpop der vielköpfigen, frauendominierten Band um die Sängerin Hildur Stéfansdottir, die erst kürzlich ein neues Albumvorgelegt hat. Dass es nieselt, das stört hier keinen.

Sekúndur – Rökkurró from Hildur Stefánsdóttir on Vimeo.

Rockiger wird es auf der ersten Station des Abends mit Stafrænn Hákon. Postrockiger, um präzise zu sein. Wenn wir richtig gezählt haben, sind auf der Bühne fünf Gitarren versammelt. Die vielköpfige Männertruppe baut gewaltige Klangwände auf, die sich wie Dunkelheit nach Wintereinbruch mitleidlos ausbreiten. Große, ernste Gefühle, ehrliche Herzen. Da muss man erstmal durchatmen. Und schön, dass der Band auch eine gewisse Selbstironie eigen ist: Dem schon fast vergessenen US-Schauspieler Val Kilmer einen Song zu widmen zeugt von echter Treue zum Actionfilm der 80er Jahre.

Stafrænn Hakon – ThurrThurr from Adalsteinn on Vimeo.

Das Kontrastprogramm spielt im NASA und hat sich dem schwül-schwülstigen Vaudeville-Discopop verschieben. Lara Rúnars heißt die Chanteuse im Papageno-Phantasiekleidchen und der blonden Mireille-Matthieu-Frisur, die wie ein Storch über die Bühne stackst und mit ihrer übersprudelnden Lebensfreude zu den positivsten Entdeckungen am ersten Festivaltag gehört. Das Melodrama ist ihr Thema, das Überschwänglich-Plüschige ihr Lebenselixir. Kein Wunder, dass sie eine ganz eigene Version des Prince-Klassikers »Kiss« hinlegt, die man erst nach intensivem Hören als solche erkennt, und außerdem ihren lieben schwulen Freunden einen Song widmet. Freuen tun sich hier alle, und Fräulein Rúmars und ihre Band wohl am meisten.

Szenenwechsel rüber ins Venue, wo der Süßkram gleich weiter gepflegt wird, allerdings nur dem Namen nach. Prins Pólo heißt ein sehr überzuckerter Schokoriegel, der in Island an jedem Kiosk zu haben ist. Prins Pólo ist auch der Name einer der viel versprechensten Newcomer-Bands der Reykjavik-Szene, die den fröhlichen Powerpop mit leichtem Country-Einschlag pfleg. Zu diesem temperamentvollen, wunderbar selbstironischen Gitarrrenpop muss man einfach tanzen! Die Band selbst bringt das, was sie ausmacht, auf schöne Weise in einem Songtitel auf den Punkt:»A lot of colourful candy«. Besser kann man diese leichtfüßige Verführung nicht beschreiben.

Dass sich hinter Miri keine Frauen, sondern eine Handvoll männlicher Indierocker mit Hang zum Ausufernd-Experimentellen verbergen, war uns bislang auch unbekannt. Der Club Venue ist so rappelvoll, dass man sich fast schon Sorgen zu machen beginnt, aber der Begeisterung für die Band tut das keinen Abbruch. Hypnotisch einlullende Gitarrensounds, durch die durchaus ein Hauch südlichen Flirrens zieht. Und das unter grauem atlantischem Himmel, Respekt. Intensiver in das musikalische Schaffen dieser Herren hineinhören, und lieber Geld für Platten statt für grotesk überteuertes Bier in Clubs ausgeben, nimmt sich die Polarbloggerin vor.

Zum Abschluss müssen natürlich die legendären Lokalhelden Bloodgroup hören, die Idole der tanzwütigen lokalen Elektrop-Jugend. Zu sagen, dass diese Jungs und das Mädel Synthesizer lieben, wäre maßlos untertrieben. Bloodgroup nehmen ihre Synthies wahrscheinlich nachts mit ins Bett. Ausstaffiert haben sie sich heute mit Indianer-Kriegsbemalung im Gesicht wie weiland Adam Ant. Die Gesten sind groß, die Töne ungeheuer, die Sahne trieft aus allen Lautsprechern und die Theatralik erreicht Spitzenwerte. Zu bemäkeln gibt es hier nur, dass die Sängerin nicht tanzen kann, ansonsten: Großes Kino.

Bloodgroup @ Iceland Airwaves 07 from bertr2nd on Vimeo.

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2 Kommentare

1. Lino schrieb am 15. Oktober 2010 um 09:51

sehr schöner, ausführlicher Bericht, wow!
Wir haben ja gerade auch paar Korrespondenten, die sich dort rumtreiben;-)
http://www.gig-blog.net/2010/10/14/iceland-airwaves-day-1-13-10-2010-reykjavik/

2. Eva-Maria Vochazer schrieb am 15. Oktober 2010 um 12:09

Danke für den netten Kommentar! Ob diese Ausführlichkeit fünf Tage lang durchgehalten werden kann, bleibt abzuwarten. War spät gestern! :)

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