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Foto nordische Landschaft

15. Oktober 2010

I love my mistakes: Iceland Airwaves 2010

Irgendwann kommt sogar die Sonne heraus in Reykjavik. Erstaunlich. Man kann schlenkernden Gangs durch Islands Hauptstadt spazieren, den Enten auf dem See hinterm Parlamentsgebäude beim Paddeln zusehen, im Kunstmuseum die leicht beunruhigenden Gemälde von Magnús Helgason goutieren und den eindrucksvollen Blick auf den Hafen bewundern. Und natürlich mindestens einen der legendären Hot Dogs »mit allem« im Büdchen am Hafen futtern. Um Kräfte für den langen Nachmittag mit den vielen Off-Venue-Konzerten und den noch viel längeren Abend zu sammeln. Und überall sind Menschen eiligen Schrittes unterwegs, die Gitarre über die Schulter geschwungen: Alles Musiker auf dem Weg zum nächsten Konzert!

Wer glaubt, dass Iceland Airwaves eine Domäne der isländischen Jugend und der ausländischen Hipster-Gäste ist, der hat sich getäuscht. In der neuen Galerie Havarí , die nebenbei noch als Indieplattenladen fungiert und von den Musikern um Prins Pólo betrieben wird, spielen an diesem Nachmittag die isländischen Veteranen S.H. Draumur ihren erdigen, schweißtreibenden Bluesrock, der dampft wie frisch aufgeschütterter Teer. Im Publikum: Eine disparate Mischung aus Jung und Älter, wobei die gestandenen Mannsbilder so aussehen, als ob sie gerade von der harten Brotarbeit als Fischer wieder an Land gekommen seien. Andere umklammern Aktentaschen. Auf dem Arrm hat einer dieser Recken seinen rosa gekleideten weiblichen Nachwuchs. Und das Erstaunliche ist: Es passt!

Die Souveränität und das ruhige Selbstbewusstsein der alten Männer: An diesem Nachmittag geben der wohl bekannteste isländische Filmkomponist Hilmar Örn Hilmarsson (bekannt vor alllem durch seinen Soundtrack für »Children Of Nature«) und der Folksänger Steindór Andersen (er hat wiederholt mit Sigur Rós zusammengearbeitet) ein exklusives Konzert im völlig überfüllten 12 Tónar-Plattenladen. Beide Musiker entwerfen mit größter Bescheidenheit und Zurückhaltung karge Klanglandschaften, durch die elektronische Nebelfetzen wallen und in denen die raue Stimme Andersen die einzige Wärme spendet. Unwilllkürlich zieht man den Schal enger um den Hals. In diesen Tönen tobt ein verhaltener Sturm.

Steindór Andersen, Hilmir Örn Hilmarsson, Páll á Húsafelli from Inspired By Iceland on Vimeo.

Dass isländische Musiker dann beliebig werden, wenn sie versuchen wie der Mainstream zu klingen, wird bei den ersten beiden Gigs des zweiten Airwaves-Abends deutlich: Múgsefjun sind kreuzbrave Burschen, die dem gepflegten Countrypop zu Schifferklavierbegleitung frönen und dabei mitunter so klingen wie Sailor zu Beginn der guten, alten 70er Jahre. Der blonde Sänger könnte unbenommen Reklame für Brandt-Zwieback für Erwachsene machen. Nicht viel anders sieht es aus bei Biggi Bix, der mit viel Verve dem formatradiotauglichen Herzschmerz-Popsong frönt. Snow Patrol könnten bei so viel Gefühl schon fast neidisch werden. Aber: Innovativ oder gar mutig ist es nicht, was der junge Barde plus Band seinem Publikum kredenzt.

Vorm Kunstmuseum stehen die Leute schon Schlange. Kein Wunder, spielen doch Efterklang und Amiina und damit zwei der großen Headliner an diesem stürmischen Abend. Da die Konzerte mit Verspätung starten, ist Zeit genug, um neugierig auf die andere Straßenseite zu wechseln. Den merke: Sich strikt an Pläne halten ist auf dem Airwaves-Festival höchst kontraproduktiv! So kommt es, dass man zu Svavar Knútur hereinstolpert, dem Sänger der Reykjaviker Folkband Hraun. Und es wäre schade, wenn man dieses komödiantische Naturtalent verpasst hätte. Der nicht ganz schlanke Singer-Songwriter steht mit der Kindergitarre auf der Bühne und erzählt selbstironische Schwänke aus seinem (Liebes)Leben. Bringt alle dazu, daran zu glauben, dass Fehler eigentlich zu den schönsten Dingen im Leben gehören und dass man sie unbedingt lieben muss. Berichtet glaubhaft, dass der junge Isländer seine romantischem Gefühle zeigt, indem er die Angebete in eine Schneewehe wirft und kräftig einseift. Wir lachen viel. Wir singen mit. Wir könnten noch stundenlang weiter zuhören. Der Sänger strahlt. Wir strahlen mit.

Zur Musik von Amiina kann der Regen draußen ruhig weiter prasseln. Die Lichter im Museum sind gedämpft, die Sängerinnen in ihre besten kleinen Schwarzen gehüllt. Eine unaufgeregte, fragile Schönheit entsteht, die eine sanfte, aber gleichzeitig kraftvolle Dynamik entwickelt. Zum Klang dieser Violinen möchte man schwören, dass man in Zukunft nur noch gut zu Mensch, Tier und Umwelt sein will. Das finden offenkundig auch die dänischen Jungs von Efterklang, die für einen Song mit auf die Bühne kommen. Und dann wird die Magie sogar elegant.

amiina Kippi og vinir í Undralandi from amiina on Vimeo.

Auf der anderen Straßenseite wartet dagegen unversehens eine kleine Entdeckung: Of Monsters and Men heißt die Großgruppe blutjunger Isländer, die die Fahne des sanften Americana-Folkpop wie ein Banner vor sich tragen. Traumhafte Harmoniegesänge hätten wir von dem jungen Mann, der aussieht wie ein Metzgerlehrling, und der Nachwuchs-Elfe, die daherkommt wie Lisbeth Salander in glücklichem Zustand, nun zuallerletzt erwartet. Bätsch, Überraschung! Temperamentvoll, innig und von unerwarteter emotionaler Tiefe kommt diese U-18 Truppe daher. Große Gefühle sind nicht nur für Erwachsene!

Bei Efterklang ist es erwartungsgemäß so voll, dass zum Tanzen kaum noch Platz bleibt. Elegant, überlegen, technisch perfekt. Elektronische Coolness, die keine Ansage nötig hat. Die Polarbloggerin mäkelt, dass die Dänen schon fast zu vollkommen sind. Und dazu noch offenkundige Gutmenschen. Fließt hier überhaupt ein Tropfen Schweiß?

Efterklang & The Danish National Chamber Orchestra – Cutting Ice To Snow (live) from Leaf Label on Vimeo.

Ganz zum Schluss, leichte Müdigkeit macht sich breit, der Mundpropaganda folgen und die norwegischen Düster-Waver Harry´s Gym hören, die musikalisch den Eindruck vermitteln, als hausten sie in gefährlichen Parallelwelten im Wald. Achtung, hinter diesen dichten Bäumen könnten Unheil lauern! Die Gitarren beißen schon wie zornige Hummeln. Die Sängerin im ach so harmlosen weißen Blüschen ist in Wirklichkeit eine Hexe, die die besten Charakerzüge von Dolores o´Riordon und Loreena MacKennit übernommen hat und ihre eigene Heftigkeit dazu addiert. Fast könnten uns unheimlich werden. Aber nur fast. Denn diese Grenzgänger tun zu konkret weh.

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