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Foto nordische Landschaft

17. Oktober 2010

I will never love a young boy again: Iceland Airwaves 2010

Ist für die Nicht-Isländerin im Straßenbild von Reykjavik irgendetwas vom Beinahe-Staatsbankrott zu sehen, an dem die Insel vor zwei Jahren knapp vorbeigeschrammt ist? Die Antwort lautet zunächst: nein. Aber in Gesprächen mit völlig gutbürgerlich daherkommenden Isländern blitzt dann doch etwas auf, was nur als ernste Kapitalismuskritik zu interpretieren ist. In der isländischen Nationalgalerie sind eindrucksvolle Fotografien von Pétur Thomsen ausgestellt, die den Bau eines riesigen Staudamms im Osten Islands künstlerisch dokumentieren. Thomsen interpretiert diese massive Zerstörung der bislang unberührten Landschaft in Fotos voller archaischer Kraft, die nachdrücklicher wirken als jedes Protestplakat. Der Staudamm wurde nur gebaut, um die Stromversorgung eines gigantischen Aluminiumwerkes zu sichern, das der US-Konzern Alcoa auf Island errichtet. Die gepflegte Dame, die in der Nationalgalerie die Besucher empfängt, spricht auf Nachfrage der Polarbloggerin den Namen Alcoa so aus wie ein schlimmes Schimpfwort. Berichtet vom Widerstand der Bevölkerung gegen das Mammutprojekt und von der Beschränktheit der Politiker, die es genehmigten. Von diesen ist heute keiner mehr im Amt. »Diese Politiker sehen aus heutiger Sicht sehr dumm aus, wenn man sich daran erinnert, wie sie zur Grundsteinlegung mit den Alcoa-Leuten Händchen gehalten haben« , sagt die Dame trocken, ummissverständlich wütend. Über den Protest gegen die Zerstörung hat der isländische Autor Andri Snaer Magnason übrigens einen Film gedreht, der in Deutschland leider noch nicht zu sehen war.

Aber zurück zur Musik! Im Nordic House spielen drei junge Damen aus Island, Dänemark und Schweden mit Gitarre, Kontrabass und Banjo und kommen charmanterweise daher wie eine Mischung aus Mary-Ellen Walton und den Puppini Sisters: My Bubba & Mi. Sehr mädchenhaft, aber gleichwohl selbstbewusst erzählen sie, dass Singen beim Geschirrspülen in der WG in Kopenhagen die Initialzündung zur Gründung des Trios war. My Bubba & Mi schaffen eine altmodische, ernsthafte, nostalgische, aber niemals langweilige Stimmung. Wunderbare, fragile Harmoniegesänge und eine feministische Unabhängigkeitserklärung, die so gar nicht kämpferisch daherkommt: »I will never love a young boy again« singen sie mit herzerweichender Tapferkeit. Wir glauben es ihnen beinahe.

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