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Foto nordische Landschaft

24. November 2010

Alle Jahre wieder: Nordische Weihnachten im »Süden« 2010

Lucia-Weihnachtsmarkt, Kulturbrauerei (Berlin) © Foto: Jochen Loch

Wer nordische Weihnachten erleben will, hat auch im Jahr 2010 die Wahl zwischen dem Berliner Lucia-Weihnachtsmarkt und den bereits fest etablierten finnischen Weihnachtsdörfern in  Stuttgart, Hannover, Leipzig oder Linz. Ferner gibt es diverse mehrtägige nordische Weihnachtsbasare, wie in Frankfurt oder Hamburg.

Lucia Weihnachtsmarkt in Berlin

Zum 10. Mal findet der Lucia Weihnachtsmarkt von Montag, dem 22. November bis Sonntag, dem 22. Dezember 2010 in der Kulturbrauerei in Berlin Prenzlauer Berg statt. Das burgartige Bauensemble der Kulturbrauerei mit seinen Höfen ist die malerische Kulisse für eine kleine weihnachtliche Welt inmitten der Großstadt Berlin. Der Lucia Weihnachtsmarkt präsentiert täglich ein kulturelles Programm.

Frierende Besucher können heißen Glöggi trinken, sich am Schwedenfeuer wärmen oder am  Kunstobjekt »Open-Air- Mantel-Heizung«: Fünf Aufwärmplätze wurden eingerichtet, für die Wärmezufuhr sorgt ein nostalgisch anmutender Holzofen.  Leise nordisch-skandinavische Musik rundet das Erlebnis ab.

An den Ständen findet ihr beispielsweise: Finnische Naturtextilien & Kunsthandwerk, Elchgulasch, Finnische Honig- und Wildkonserven, Finnischer Glühwein, Wein, Likör, Branntweine aus Beeren, Glöggi, finnische Biere und Spirituosen, Lakritze, Schwedische Süßigkeiten, Elchbratwurst, Elchschnaps,…

Am Sonntag, den 12. Dezember, findet von 18 bis 19 Uhr der Lucia-Umzug statt, gewidmet der Namensgeberin des Lucia Weihnachtsmarkts. Er startet auf dem Hof1 der Kulturbrauerei und schreitet zum Hof 2 unter den Weihnachtsbaum. In der Alten Kantine wird der »Luciakör« (Luciachor) schwedische Lucia- und Weihnachtslieder singen.

Öffnungszeiten:
Montag bis Freitag: 15 bis 22 Uhr
Samstag und Sonntag: 13 bis 22 Uhr

Finnische Weihnachtsdörfer in Deutschland und Österreich

Kalevala-Spirit lockt auch 2010 mit finnischer Weihnacht in seinen finnischen Weihnachtsdörfern: Über stimmungsvolle Holzhäuschen und Lappenzelten zieht der Duft der typischen Spezialitäten.
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21. November 2010

Le Futur Pompiste: Langes Warten auf 500 Herzschläge

Es hat ja nur sechs Jahre gedauert. Bis wir uns endlich wieder darin bestätigt sehen können, dass nicht nur Schweden feinen Tweepop machen. Das können die Finnlandschweden genauso gut. In diesen Tagen ist das selbst betitelte zweite Album von Le Futur Pompiste erschienen, und kommt so sanft dahergesegelt wie die ersten Schneeflocken des Winters.

Ein gewisser 60ies-Retro-Charme liegt über diesen Songs mit den beseelten Keyboards und der warmen, gleichwohl zurückgenommenen Stimme von Jessika Rapo. Die Carnaby Street könnte um die Ecke liegen und die Girls mit den vielen falschen Wimpern gegen den Regen quietschbunte knielanger Kunstledermäntel tragen. Coole Eleganz, aber mit Herz. Dazu lässt sich wunderbar tagträumen oder Regentropfen beobachten, die die Scheiben herunterrollen. Von der scheinbar eingängigen Dahinflaniererei nicht täuschen lassen: Diese Songs sind so elaborat herausgearbeitet wie eine komplizierte Stufentorte in der Konditorei.

Warum sechs Jahre Schweigen? Weil es die sechs Pompisten aus dem heimatlichen Vaasa nach Turku, Helsinki und Stockholm verschlagen hat. Weil alle möglichen Stationen des Erwachsenwerdens absolviert werden mussten. Und weil jede Menge Neben- und Hauptprojekte anstanden. Jessika Rapo ist noch beim Duo Burning Hearts aktiv und frönt dem samtäugig-melancholischen Indiepop. Drummer Ville Hopponen bedient ansonsten bei unseren liebsten Smiths-Epigonen Cats On Fire die Trommelstöcke.

Nun denn, sechs Jahre Warten seit dem wunderbar leichtfüssigen Erstlingswerk »YOUR STORIES AND YOUR THOUGHTS« haben sich gelohnt. Im Song »Five Hundred Heartbeats« gehts es ums Zurückkehren nach langer Abwesenheit. Großäuigig, melancholisch, wach.

Five Hundred Heartbeats

17. November 2010

The Tallest Man On Earth: Ein Hoch auf die altmodischen Werte

Er trägt natürlich ein kariertes Hemd. Und Jeans. Steht alleine auf der Bühne. Nur die Gitarre und er. Entschuldigt sich ständig dafür, dass er sein Instrument umstimmen muss. Bedankt sich höflich mit stets den gleichen Worten für Applaus. »Thank you so much«. Versucht sich artig an Zwischenansagen, kommt aber etwas bemüht daher. Ist sympathisch. Aber auf den ersten Blick unauffällig. Dieser Mann bringt es fertig, im traditionell popmusikschofeligen Frankfurt einen mittelgroßen Club wie das bett bereits Wochen vorher auszuverkaufen. Wie schafft er das bloß?

Kristian Matsson alias The Tallest Man On Earth schafft das mit altmodischen Werten. Mit Ehrlichkeit, Gradlinigkeit und der Konzentration aufs Wesentliche. Und mit einer guten Portion gesundem männlichem Selbstbewusstsein und guten Ansätzen zur Selbstironie. Perfekt muss hier nichts sein. Nicht jeder Akkord sitzt. Aber das Gefühl stimmt. Das Leben und die Frauen fassen uns nicht immer mit Wollfäustlingen an. Manchmal landen wir mit der Nase voran im Tiefschnee. Es kommt aber darauf an, sich wieder aufzurappeln. Kristian Matsson ist ein lächelnder Aufsteher. Fein beobachten, nicht gegen Unvermeidliches herumwüten. Darüber ein Lied schreiben und den eigenen Weg weitergehen.

Dass er von Stimme und Folkmusikverwurzeltsein an den frühen Bob Dylan erinnert, hat der schmächtige, blasse Musiker sicherlich schon oft gehört. Ist ja auch nicht völlig von der Hand zu weisen, der Vergleich. Aber nach drei, vier Songs hört man einfach auf, an den spröden alten Mann zu denken. Konzentriert sich lieber auf die einfachen, aber wirksamen Songstrukturen und das ehrliche Leiden des jungen Schweden. Der mit Reduziertheit überzeugt. Und viel Herz. Paare kuscheln. Fremde lächeln einander an. Schweiß fließt. Ganz zum Schluss kommt die seelenverwandte Sängerin Idiot Wind mit auf die Bühne , die auf der aktuellen Tour von The Tallest Man On Earth die Vorband gibt. Ein emotional so intensives Duett. Bei dem die beiden Musiker sich so nah kommen, das man sich wünscht, sie mögen sich endlich küssen.

The Tallest Man On Earth – The Gardener from R. Gage on Vimeo.

Foto: Johan Stolpe

14. November 2010

Nóra, Indiepop mit Honigglasur

Von wegen, die Leute kaufen keine Alben mehr. Ich kaufe noch Alben! Am allerliebsten in Reykjavik mit den wohlsortierten Plattenläden plus freundlichstem, fachkundigsten Personal wie dem 12 Tónar. Wo man sich mit einer Tasse Kaffe aufs Sofa verkrümmeln und stundenlang in die interessantesten Neuescheinungen reinhören kann. Wenn denn während des Iceland Airwaves-Festival überhaupt dazu Zeit bleibt! Man kann einfach nicht widerstehen. Ich kann nicht widerstehen. Natürlich die isländische Musikwirtschaft gerne unterstützt und mit einem mittelgroßen Plattenstapel in die hessische Provinz zurückgekehrt, in der es so etwas wie sympathische Plattenläden seit Jahren nicht mehr gibt.

Herbstliches Gruselwetter, Regen und Wind. Viel Zeit also, um in die neuen Scheiben endlich ausführlich hineinzuhören. Die positivste Überraschung bislang ist das Debütalbum des Popkollektivs Nóra, das seine Musik sehr treffend als »Indiepop mit Honigglasur« bezeichnet. »Er einhver að hlustaa«, oder übersetzt »Hört irgendjemand zu?« heißt das vom Titel her selbstronische Werk. Was für eine Frage! Natürlich!

Das Quintett um das Geschwisterpaar Auður und Egill pflegt das Multiinstrumentale, aber auf eine sehr warme und präzise Weise. Beiläufig melancholisch feiern sie gleichwohl das Leben. Selten klang Lo-Fi so satt und sanft und warm. Und keine Bange, langweilig wird es hier nicht: Nóra verstehen es, Spannung aufzubauen, aber sehr unauffällig, niemals effekthaschend. Irgendwelche Dummbacken haben die fünf Musiker in vorauseilendem Gehorsam zu den Reykjaviker Arcade Fire ausgerufen, und dabei Grundsätzliches nicht verstanden. Nóra sind keine gequälten Seelen, die mit Mitteln der Musik die Welt retten wollen. Nein, diese Band versucht nur einfach, einen Zipfel des Glücks einzufangen. Und die wunderbare Neuigkeit ist: Bisweilen erhaschen sie ihn sogar.

06. November 2010

Agnes Obél, kraftvoll verhuscht

Eine junge Frau im kurzen schwarzen Hängerkleidchen. Blond, zart, klein, blass. Weckt in jedem männlichen Konzertbesucher an diesem nachtschwarzen Abend in der Frankfurter Brotfabrik sicherlich Beschützerinstinkte. Die junge dänische Sängerin und Pianistin Agnes Obél ist als Vorband von I Am Kloot unterwegs, der wunderbaren Gutmenschen aus Manchester. Schüchtern, konzentriert und kraftvoll verhuscht präsentiert sich die Chanteuse hinter ihrem Piano, einfühlsam unterstützt von ihrer Tourbegleiterin und Cellistin Anne Ostsee. Die gerne deutsche Übersetzungsarbeit leistet, wenn es um komplizierte Vokabeln wie »Umbaupause« geht.

Akkorde, dahingetupft wie Schäfchenwolken. Die zurückgenommene, verträumte Stimme. Die uns sanft hinwegweht in Gegenwelten, in denen wir uns vertrauensvoll treiben lassen, lächelnd erwarten, was unverhofft des Weges kommen mag. Vielleicht ist heute der Tag, vielleicht auch nicht. Erik Satie nickt aus seinem taubengrau verregneten Eckchen Himmel zustimmend dazu. Tori Amos könnte sich mit hinter das Piano stellen, wenn sie eine ihrer glücklicheren Phasen hat und ihre Hexenhaftigkeit mal kurz vergisst. Zaubern kann heute auch mal anders. Gute Dinge hexen, nicht nur vertrackte rätselhafte Wütereien.

Agnes Obél flirtet verhalten mit dem Publikum. Könnte harmlos wirken, aber nur auf den ersten Blick. Die Dänin ist mutig. Sich an John-Cale-Cover heranzutrauen und dem Klassiker »Riverside« einen Walzerrhtythmus unterzujubeln. Brav ist anders. Diese Wasser sind tiefer, als der erste Blick vermuten lässt.

Dabei sind die beiden jungen Damen auf der Bühne noch halbe Teenager. Gickern auch mal, wie es sich für junge Hühner gehört. Stolpern charmant. Bitte noch lange nicht erwachsen und wirklich ernsthaft werden!

Agnes Obel Riverside music video from porkfish on Vimeo.

 
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