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Foto nordische Landschaft

14. November 2010

Nóra, Indiepop mit Honigglasur

Von wegen, die Leute kaufen keine Alben mehr. Ich kaufe noch Alben! Am allerliebsten in Reykjavik mit den wohlsortierten Plattenläden plus freundlichstem, fachkundigsten Personal wie dem 12 Tónar. Wo man sich mit einer Tasse Kaffe aufs Sofa verkrümmeln und stundenlang in die interessantesten Neuescheinungen reinhören kann. Wenn denn während des Iceland Airwaves-Festival überhaupt dazu Zeit bleibt! Man kann einfach nicht widerstehen. Ich kann nicht widerstehen. Natürlich die isländische Musikwirtschaft gerne unterstützt und mit einem mittelgroßen Plattenstapel in die hessische Provinz zurückgekehrt, in der es so etwas wie sympathische Plattenläden seit Jahren nicht mehr gibt.

Herbstliches Gruselwetter, Regen und Wind. Viel Zeit also, um in die neuen Scheiben endlich ausführlich hineinzuhören. Die positivste Überraschung bislang ist das Debütalbum des Popkollektivs Nóra, das seine Musik sehr treffend als »Indiepop mit Honigglasur« bezeichnet. »Er einhver að hlustaa«, oder übersetzt »Hört irgendjemand zu?« heißt das vom Titel her selbstronische Werk. Was für eine Frage! Natürlich!

Das Quintett um das Geschwisterpaar Auður und Egill pflegt das Multiinstrumentale, aber auf eine sehr warme und präzise Weise. Beiläufig melancholisch feiern sie gleichwohl das Leben. Selten klang Lo-Fi so satt und sanft und warm. Und keine Bange, langweilig wird es hier nicht: Nóra verstehen es, Spannung aufzubauen, aber sehr unauffällig, niemals effekthaschend. Irgendwelche Dummbacken haben die fünf Musiker in vorauseilendem Gehorsam zu den Reykjaviker Arcade Fire ausgerufen, und dabei Grundsätzliches nicht verstanden. Nóra sind keine gequälten Seelen, die mit Mitteln der Musik die Welt retten wollen. Nein, diese Band versucht nur einfach, einen Zipfel des Glücks einzufangen. Und die wunderbare Neuigkeit ist: Bisweilen erhaschen sie ihn sogar.