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Foto nordische Landschaft

31. Dezember 2010

Die besten skandinavischen Gigs 2010

Es ist die gleiche Prozedur wie jedes Jahr. Über unseren Jahresbestenlisten für »Nordische Musik« grübeln wir noch, denn da gab es einige Last-Minute-Kandidaten, die unbedingt noch berücksichtigt werden müssen. Aber eine Liste ist bereits fertig: Die besten skandinavischen Konzerte aus Sicht der Polarbloggerin. Zu denken gibt, dass viele Gigs außerhalb von Rhein-Main stattfanden. Vielleicht sollte ich ernsthaft über ein Sabbatical in Reykjavik nachdenken. Vielleicht!

10. Svavar Knútur beim Iceland Airwaves-Festival in Reykjavik. Zufällig zu dem Singer-Songwriter hereingestolpert, weil ein anderes Konzert später begann. Was ein Glück! Denn der Barde ist ein Hexenmeister! Der das Publikum zum Lachen, Staunen und Mitsingen bringt. Und seine eigenwillige Interpretation von Leonard Cohens »Hallelujah« könnte sein amerikanischer Doppelgänger Jack Black nur mit viel Mühe so gut hinbekommen.

Svavar Knútur live in Hamburg from Anna-Lilja Häfele on Vimeo.

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26. Dezember 2010

The Nordic Music Prize unter besonderer Berücksichtigung der Außenseiter

Mit musikalischen Moden ist es so, dass sie kommen und gehen. Was heute cool ist, wirkt morgen peinlich. Was nicht zwingend mit der Qualität der Musik zusammenhängt. Es muss eben imer etwas Neues her! Skandinavische Musik war eine zeitlang extrem hip, heute ist das Interesse eher wohlwollend zu nennen. Aufmerksamkeit ist die neue Währung, und die lässt sich doch bestens durch einen Wettstreit herstellen. Dachten sich die Macher des norwegischen by:Larm-Festivals, des wichtigsten skandinavischen Musikbranchentreffs Anfang des Jahres. Und haben den Nordic Music Prize aus der Taufe gehoben. Gesucht wird das beste Album des Jahres 2010. Gewinnen kann nur einer. Vorbild ist der britische Mercury Prize.

“This is a serious project and one we’ll approach with an open mind. The jury is comprised of some of Europe’s most respected music lovers, who’ll look past the hype and examine the music from an entirely qualitative and creative perspective. This award is a first for the region and is unlike any other in any of the participant countries thus far. And it is fair to say that the cross border ambitions of the award are not only current and relevant but also almost political in an era of ever increasing nationalism and inward looking small mindedness. “

- Andres Lokko

Die Nominierungen sind schon heraus: Jeweils zehn Alben aus Dänemark, Norwegen, Schweden, Finnland und Island wurden von 300 Musikexperten gekürt. Zwölf davon werden es Anfang Januar in die engere Auswahl schaffen. Der/die Sieger werden während des By:Larm-Festivals Mitte Februar gekürt. Zu gewinnen gibt es außer der Ehre auch 20.000 Euro.

Über die getroffene Auswahl lässt sich natürlich trefflich streiten. Auch über das Fehlen derjenigen, die es nicht einmal auf die Liste der 50 Nominierten geschafft haben. Sagen wir mal wohlwollend: Völlig daneben liegen die Juroren nicht. Obwohl gerade bei Finnland zu denken gibt, dass auffallend viel Mainstream unter die besten zehn gewählt wurde. Sei´s drum! Picken wir uns doch als Freunde der Überraschung doch aus jedem Land einen Kandidaten heraus, der hierzulande noch ziemlich unbekannt ist, und drücken wir den Außenseitern die Daumen!

Aus Schweden kommen This Is Head mit ihrem Debütalbum »0001«, das übrigens Anfang Februar auch in Deutschland erscheint. Das Quartett aus Malmö pflegt eine sehr leichfüßige, urbane und elegante Mischung aus all dem, was im Intelligentsia-Zitatpop derzeit angesagt ist: Disco, Kraut und Electronics. Passt schon.

This Is Head – 0002 / Live at Studio Möllan from Jonatan Olin on Vimeo.

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Die Finnen sind bekannterweise entweder laut oder seltsam, und daher sind Minä Ja Ville Ahonen (Ich und Ville Ahonen) würdige Vetreter ihres Landes. Von der Freakseite her. Das Quintett aus Helsinki gerät auf seinem selbstbetiteln Erstling eigenwillig auf hinterwäldlerische Abwege. Handgemachte Melancholie und schräge Popharmonien, überraschend tanzbar. Irgendwie Doktor Schiwago trifft Loosing My Religion. Gefällt!

Minä ja Ville Ahonen: Sano from samuli laine on Vimeo.

Aus Island muss man natürlich die Jungspunde loben, die dort zuhauf gute Musik machen, wie die zwei 19jährigen Buben von Nolo, die in den hintersten Plattenschränken ihrer Eltern gewühlt haben müssen, und bei den psychedelisch-verzerrten Gitarrenexperimentalisten dermaßen Blut geleckt haben, dass sie unverschämt coole Retromucke machen, die funkelt wie Glitzerliedschatten. Nice, das Album »NO-LO-FI«!

Nolo from Icelandic Film School on Vimeo.

Da die Verfasserin dieser Zeilen sowieso eine unausrottbare Schwäche für gefühlsbetonten Melodrama-Pop hat, ist klar, dass Chimes And Bells hier als Vertreter Dänemarks herausgepickt werden. Turmhohe Emotionen, wunderbarste Harmoniegesänge, großäugige Ernsthaftigkeit dominieren das selbstbetitelte Debütalbum. Hach!

Brixton Sessions #003 – Chimes and Bells ‘Into Pieces of Wood’ from Blindeye | Films on Vimeo.

Bleiben noch die Norweger. Greifen wir doch mal Kråkesølv heraus, die eine leidenschaftlich-ernsthafte Mischung aus Depri-Shoegaze und Sprechgesang in der Landessprache kultivieren. Spaßig ist es nicht, das Debütalbum »BOMTUT TIL JORDA«, aber dafür von intensiv leuchtendem Grauschwarz. Meine Wärmflasche, bitte, mir ist kalt!

KRÅKESØLV – SKREDDER (Official Music Video) from Thor Erling Brenne on Vimeo.

19. Dezember 2010

Einar Stray: Lets make a big, bright fire

An Tagen wie diesen braucht man melodramatischen Trost. Südhessen verschwindet lange Stunden hinter ungeahntem Scheegestöber. Am Frankfurter Flughafen revoltieren die ersten Weihnachtsurlauber, die noch immer glauben, der Winter existiere nicht. Die Straßen sind so leer wie an den autofreien Sonntagen anno 1973, und kein prollig blinkendes Buntweihnachtslicht im Fenster schafft eine größere Sichtweite als drei Meter.

Wer könnte an diesem weiß-wirbeligen Tag, an dem man kaum einen Fuß vor die Türe setzen möchte und mit zunehmendem Behagen auf dem Sofa liegt und Arthur Conan Doyle liest, besser seelentrösten als ein junge Mann aus Norwegen? Einar Stray heißt der zu großen Gefühlen neigende 20jährige aus Oslo, der schon vor zwei Jahren beim by:Larm einigen Eindruck hinterließ. Mit dem Piano und der Romantik verbindet ihn eine inzestuöse Liebesbeziehung, die nur in Cinemascope und satten Pastellfarben vorstellbar ist. Und einem herzzereißend gutem Ende unter vielen Tränen.

Im Februar bringt der junge Barde beim respektierten Label Spoontrain sein Debütalbum »CHIAROSCURO« heraus. Und mit dem ersten Ausschnitt, der Neugier wecken soll, machen es sich Sänger und Label nicht leicht. Das Titelstück ist eine achtminütige Tour de Force durch schneestiebende Gefühlswelten. Mit einem liebestrunkenen Piano, majestätischen Streichern, aufbegehrenden Soundspielereien, Windharfen und einem Boy-Girl-Duett, bei dem empfindsame Naturen die Taschentücher ziehen müssen. Die Partnerin ist übrigens Silje Halstensen von den viel versprechenden Newcomern Cold Mailman. Ebenfalls als Freund und Kollaborateur mit an Bord: Der junge Singer-Songwriter Moddi, der beim Iceland Airwaves letztens ebenfalls live überzeugte.

Nein, und harmlos geht es hier nicht zu, um nur vor lauter Schneegestöber nicht in unkritische Großäugigkeit zu verfallen. Dieses Piano hat Stacheln, und die ersten Referenzgrößen, die spontan in den Sinn kommen, sind der ganz frühe Tiger Lou und die ganz jungen EF.

»Oh Lord, send me a child, so that I can make him Christ.« Na, wenn das nicht zu Weihnachten passt!

Einar Stray – Chiaroscuro by spoontrain

Foto: Hilde Mesics Kleven

14. Dezember 2010

Beep!Beep! Ja ist denn schon Weihnachten?

Die Musikkonzerne geben die Schlacht noch nicht verloren und setzen unverdrossen darauf, dass mit dem Verkauf von CDs oder MP3s noch Geld zu verdienen ist. Obwohl alle gängigen Prognosen zumTonträger-Absatz steil nach unten zeigen, will man diese Realität in den Chefetagen der Plattenfirmen immer noch nicht zur Gänze wahrnehmen. Einige Jahre lang wird das noch funktionieren, aber dann ist wohl endgültig Schluss. Vielleicht sollte man die Manager mal mit dem Arbeitsauftrag ins Ruhrgebiet schicken, sich die Geschichte der Kohlezechen in den vergangenen hundert Jahren anzuschauen. Vielleicht fällt der Groschen dann. Und der erste findige Chef macht ein Museum auf.

Vom Konzept der Geldvermehurng durch Silberlingverkauf hat sich das junge niederländische Label Beep!Beep! schon bei seiner Gründung verabschiedet. Das heißt: Alle Alben der bei den Utrechtern veröffentlichten Künstler stehen zum freien Download zur Verfügung. Der gesamte Katalog wird unter einer Creative-Commons-Lizenz sowohl in Stream- als auch in MP3-Format veröffentlicht und so völlig legal für lau unters Volk gebracht. Wer das physische Produkt totzdem nicht missen möchte, kann dies zu moderaten Preisen auch erwerben.

Sind diese Beep!Beep!-Käseköpfe unverbesserliche Gutmenschen? Nein, garnicht. Sie setzen nur mit bislang durchaus beachtenswerten Erfolg darauf, dass künstlerisch anspruchsvolle Alben zum Nulltarif eine wirkungsvolle Werbung für Bands darstellen, um neue Fans zu gewinnen. Die dann auch gerne zu Konzerten kommen. Und dort gerne den einen oder anderen Euro für Merchandise-Produkte ausgeben. Zugegebenermaßen wird man nicht reich dabei. Weder Band noch Label. Aber es ist zumindest eine Alternative, mit der Krise kreativ umzugehen und Bands in ihrem kreativen Schaffen zu unterstützen.

Als vorgezogenes Weihnachtsgeschenk ist bei Beep!Beep! aus skandinavischer Sicht das Debütalbum HOW IT’S DONE IN ITALY« der drei jungen Damen My Bubba & Mi zu empfehlen, die einen wunderbar traumverlorenen Folkpop pflegen. Die Dänin, die Isländerin und die Schwedin nutzen Hackbrett, Kontrabass, Banjo, Gitarre und innige Vokalharmonien, um einer bitterzarten Melancholie nachzuhängen. Nicht nur bei Schneefall, Eisglätte und Geschenkehatz auf wundersame Weise die blauen Seelenlandschaften streichelnd.


Apple spell video

My bubba & Mi | Myspace Music Videos

07. Dezember 2010

Mein Zweitprojekt! The Kissaway Trail und Sugarplum Fairy

Irgendwie scheinen sie unterfordert, die Indiemusiker hier und dort und sonstewo. Haben ein Plus an kreativen Energien. Oder halten sich ein zweites Türchen offen, sollte es mit dem Erstprojekt nicht ganz wie erhofft klappen. Ein Zweitprojekt mit einem etwas variierten musikalischen Hintergrund ist doch wie das Sahnehäubchen im Lebenslauf: Nicht nur einseitig fixiert, sondern vielseitig interessiert! Macht interessant, so was! Heißt es.

Auffällig ist in diesen Tagen, dass sich die Soloprojekte der Frontfiguren mittelmäßig erfolgreicher Bands häufen. Von Sugarplum Fairy, den kleinen Brüdern von Mando Diao, hat man seit der Veröffentlichung des Albums »FIRST ROUND FIRST MINUTE« im Jahr 2008 nichts Weltbewegendes mehr vernommen. Gut, da gab es zwischendurch den Ausflug von Victor Norén ins Filmgeschäft beim Uschi-Obermaier-Biopic »Das Wilde Leben«, wo der Sänger den jungen Mick Jagger mimte, aber keinen bleibenden Eindruck hinterließ. Zeit, aktiv zu werden, mag sich der blonde Bruder Carl Norén gedacht haben, und hat sich flugs auf den Solotrip begeben. An den 60ern ist der junge Mann nach wie vor interessiert, aber nicht mehr als wilder Rocker, sondern als nachdenklicher, blues-inspirierter Songwriter in der Tradition des ganz jungen Dylan und des zahmeren Neil Young. Das ist gut gemeint, das klingt angemessen angenehm, aber irgendwie auch ein bisschen angestrengt. Den braven, gutherzigen Naturburschen nimmt man ihm noch nicht so ganz ab, aber das kann ja noch werden.

Zugegebenermaßen viel versprechender fällt dagegen das neue Soloprojekt von The Kissaway-Trail-Sänger Søren B. Corneliuss, aus der sich als Einzelkünstler den wenig einprägsamen Namen The Pine Cone Cheer verpasst hat. Die anarchisch-symphonische Indierockverspieltheit der Hauptband des Dänen ist hier etwas in den Hintergrund gerückt, dafür tritt das Romantisch-Verschwurbelte selbstbewusst in den Vordergrund. Die erste Single hat »What Had Fallen Would Be Raised« ist eine Fingerübung in nachdenklicher Nerd-Sehnsucht mit hohem Empfindsamkeitsfaktor. Durchaus tröstlich wärmend an kalten Dezemberabenden. Da The Kissaway Trail in diesem Jahr bereits mit einem neuen Album herausgekommen sind und ausführlich getourt haben, bleibt Herrn Corneliuss wohl über die kalten Wintertage ausreichend Muße, um seinen tastendominierten Träumereien nachzuhängen. Entspannt bei der Sache ist er jedenfalls, und und von Selbstverwirklichungszwang ist hier nichts zu spüren. Man kann offenkundig mehr als nur eine Sache mit Leidenschaft betreiben.

What Had Fallen Would Be Raised by thepineconecheer

 
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