Home
Foto nordische Landschaft

26. Dezember 2010

The Nordic Music Prize unter besonderer Berücksichtigung der Außenseiter

Mit musikalischen Moden ist es so, dass sie kommen und gehen. Was heute cool ist, wirkt morgen peinlich. Was nicht zwingend mit der Qualität der Musik zusammenhängt. Es muss eben imer etwas Neues her! Skandinavische Musik war eine zeitlang extrem hip, heute ist das Interesse eher wohlwollend zu nennen. Aufmerksamkeit ist die neue Währung, und die lässt sich doch bestens durch einen Wettstreit herstellen. Dachten sich die Macher des norwegischen by:Larm-Festivals, des wichtigsten skandinavischen Musikbranchentreffs Anfang des Jahres. Und haben den Nordic Music Prize aus der Taufe gehoben. Gesucht wird das beste Album des Jahres 2010. Gewinnen kann nur einer. Vorbild ist der britische Mercury Prize.

“This is a serious project and one we’ll approach with an open mind. The jury is comprised of some of Europe’s most respected music lovers, who’ll look past the hype and examine the music from an entirely qualitative and creative perspective. This award is a first for the region and is unlike any other in any of the participant countries thus far. And it is fair to say that the cross border ambitions of the award are not only current and relevant but also almost political in an era of ever increasing nationalism and inward looking small mindedness. “

- Andres Lokko

Die Nominierungen sind schon heraus: Jeweils zehn Alben aus Dänemark, Norwegen, Schweden, Finnland und Island wurden von 300 Musikexperten gekürt. Zwölf davon werden es Anfang Januar in die engere Auswahl schaffen. Der/die Sieger werden während des By:Larm-Festivals Mitte Februar gekürt. Zu gewinnen gibt es außer der Ehre auch 20.000 Euro.

Über die getroffene Auswahl lässt sich natürlich trefflich streiten. Auch über das Fehlen derjenigen, die es nicht einmal auf die Liste der 50 Nominierten geschafft haben. Sagen wir mal wohlwollend: Völlig daneben liegen die Juroren nicht. Obwohl gerade bei Finnland zu denken gibt, dass auffallend viel Mainstream unter die besten zehn gewählt wurde. Sei´s drum! Picken wir uns doch als Freunde der Überraschung doch aus jedem Land einen Kandidaten heraus, der hierzulande noch ziemlich unbekannt ist, und drücken wir den Außenseitern die Daumen!

Aus Schweden kommen This Is Head mit ihrem Debütalbum »0001«, das übrigens Anfang Februar auch in Deutschland erscheint. Das Quartett aus Malmö pflegt eine sehr leichfüßige, urbane und elegante Mischung aus all dem, was im Intelligentsia-Zitatpop derzeit angesagt ist: Disco, Kraut und Electronics. Passt schon.

This Is Head – 0002 / Live at Studio Möllan from Jonatan Olin on Vimeo.

.

Die Finnen sind bekannterweise entweder laut oder seltsam, und daher sind Minä Ja Ville Ahonen (Ich und Ville Ahonen) würdige Vetreter ihres Landes. Von der Freakseite her. Das Quintett aus Helsinki gerät auf seinem selbstbetiteln Erstling eigenwillig auf hinterwäldlerische Abwege. Handgemachte Melancholie und schräge Popharmonien, überraschend tanzbar. Irgendwie Doktor Schiwago trifft Loosing My Religion. Gefällt!

Minä ja Ville Ahonen: Sano from samuli laine on Vimeo.

Aus Island muss man natürlich die Jungspunde loben, die dort zuhauf gute Musik machen, wie die zwei 19jährigen Buben von Nolo, die in den hintersten Plattenschränken ihrer Eltern gewühlt haben müssen, und bei den psychedelisch-verzerrten Gitarrenexperimentalisten dermaßen Blut geleckt haben, dass sie unverschämt coole Retromucke machen, die funkelt wie Glitzerliedschatten. Nice, das Album »NO-LO-FI«!

Nolo from Icelandic Film School on Vimeo.

Da die Verfasserin dieser Zeilen sowieso eine unausrottbare Schwäche für gefühlsbetonten Melodrama-Pop hat, ist klar, dass Chimes And Bells hier als Vertreter Dänemarks herausgepickt werden. Turmhohe Emotionen, wunderbarste Harmoniegesänge, großäugige Ernsthaftigkeit dominieren das selbstbetitelte Debütalbum. Hach!

Brixton Sessions #003 – Chimes and Bells ‘Into Pieces of Wood’ from Blindeye | Films on Vimeo.

Bleiben noch die Norweger. Greifen wir doch mal Kråkesølv heraus, die eine leidenschaftlich-ernsthafte Mischung aus Depri-Shoegaze und Sprechgesang in der Landessprache kultivieren. Spaßig ist es nicht, das Debütalbum »BOMTUT TIL JORDA«, aber dafür von intensiv leuchtendem Grauschwarz. Meine Wärmflasche, bitte, mir ist kalt!

KRÅKESØLV – SKREDDER (Official Music Video) from Thor Erling Brenne on Vimeo.