30. Januar 2011
Delay Trees, oder: Vom Lob der Bescheidenheit
Die Vorband? Wer kommt schon wegen der Vorband? Die Polarbloggerin zum Beispiel an diesem Sonntag, weil Delay Trees im vergangenen Jahr so unvermittelt aus der finnischen Provinz aufgetaucht sind und mit ihrem selbstbetitelten Debütalbum eines der zärtlichst tastenden Alben über die entscheidende Wegkreuzungen im Alter von Mitte 20 nund schwierige Entscheidungen über den künftigen Lebensweg vorgelegt haben. Mitlaufen oder nicht, das ist hier die Frage.
Und ach! Fast möchte man in der Frankfurter Brotfabrik lächeln über die traditionelle finnische Bescheidenheit. Man stelle sich vor: Ein gut gefüllter Saal mit Musikfans, die hauptsächlich wegen der britischen Indiepophelden Iliketrains ihren Weg in den Vorort Hausen gefunden haben. Und dann kommen diese schüchternen Finnen auf die Bühne und sagen nichts und spielen einfach ihre Songs, als sollten diese nur für sich sprechen. Was ja höchst ehrenwert ist. Aber dennoch: Außer auf finnisch zum Soundman gerichtete Ansagen erfährt man zunächst nichts von diesem so unprätentiös daherkommenden Youngsters, die doch den schwerelos melancholischen Verliererpop pflegen, dass einem geradezu warm ums Herz wird. »Speak to me in tongues. Or through fire alarms. Don´t lose your belief, not now, not now, no now«, verschwenden sie ihr Pulver bereits ganz am Anfang mit ihrem vielleicht schönsten Song »Cassette 2012« . Die Nackenhaare stellen sich auf, und die Menschen rundum haben ein gewisses verklärtes Lächeln auf den Gesichtern. Und die haben mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,8% noch nie von Delay Trees aus Helsinki und Hämeenlinna gehört.
So wenig Zeit! So viel zu sagen! Zu den Schmerzen des ernsthaften Erwachsenwerdens und dem zähen Festhalten an den Idealen, die man mit Anfang 20 hatte. Und das alles in seiner zerbrechligsten Form konstatieren und konservieren. Ganz zum Schluss sagt Sänger Rami Vierula endlich, dass die Band Delay Trees heißt und aus Finnland kommt. Wurde auch Zeit.
Iliketrains spielen später ein ordentliches und inspiriertes Set. Aber auch ein routiniertes, arriviertes Set. Die unbefangene Unfertigkeit und das tastende Unterwegssein von Delay Trees, die sind es, die von diesem Abend bleiben.
Delay Trees “Cassette 2012″ from James Martin | Vim & Vigor on Vimeo.



