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Foto nordische Landschaft

13. April 2011

Samae Koskinen, eine ganz leise Liebeserklärung

Kann man es mit dem Namen Samae Koskinen in der etablierten Popwelt irgendwohin bringen? Wenn man finnisch singt und damit für 99,8% der resteuropäischen Bevölkerung unverständlich bleibt? Und dazu noch eher vierschrötig und so gar nicht kamerafreundlich aussieht? Und noch niemals über die finnischen Landesgrenzen hinausgekommen ist, weder als Solokünstler, noch mit der seit fast einem Jahrzehnt aktiven Band Sister Flo? Die übrigens wundervoll ist und mit »White Noise« einen der Songs geschrieben hat, die bei jeder Bestenliste finnischer Poptitel ganz vorne liegen müssten?

Nein, nein, nein, das kann nichts werden, lauten die Antworten, und sie sind grundfalsch. Weil Samae Koskinen sehr eigensinnig seinen eigenen Weg gegangen ist, sich in seinen kleinen Kreisen zwischen Tampere, Turku, Helsinki und Hyvinkää bewegt. Sich von Moden abkoppelt und lieber feine, abgründige Geschichten erzählt, die gleichwohl von einer untergründig hymnischen Heiterkeit sind, wenn man ganz genau hinhört. Samae bewegt sich gerne im Kuriositätenkabinett. Hat mit und ohne Sister Flo das ganz eigene Genre des Nekropop begründet und singt Songs über Würmer, Leichen und den Tod sowieso, ohne dass uns das in irgendeiner Weise niederdrücken müsste. Die helleren Seiten der Dunkelheit entdecken. Ein höchst ehrenwertes, wenngleich völlig uncooles Unterfangen. Ist doch völlig egal!

Samae Koskinen vor Jahren ein einziges Mal live erlebt, zu sehr später Stunde im Turkuer Klubi. Ein eher zur körperlichen Fülle neigender Barde, der im Anzug und barfuß auf die Bühne kommt und so wunderbar ungelenk tanzt, dass man sich vertrauensvoll bei ihm einhängen möchte. Und trotzdem eine sich um keinerlei Konventionen kümmernde Souveränit ausstrahlt, ein In-Sich-Ruhen, mit allen Widersprüchlichkeiten. Wobei das Fehlen jeglicher Anbiederung an den Massengeschmack genau das ist, was Samae Koskinen ausmacht. Ein Leichtigkeit in der Schwere. Eine unerwartete Tiefe in scheinbar flinkfüßigem Tempo. Ein untergründiges Bekenntnis zum Verlieren und Wiederaufstehn. Sind das nicht einige der Hauptingredienzen, die den Pop auch ausmachen? Den Pop, der uns in allem fluffigen Ungestüm den Boden unter den Füßen wegzieht?

Samae Koskinen hat dieser Tage sein drittes Soloalbum vorgelegt, und ja, das ist eine leise Liebeserklärung an den Mann aus Hyvinkää und die kleinen Dinge und die Kraft, die in ihnen steckt. »En Anna Periks« heißt die die erste Single, was übersetzt etwa heißt »ich gebe auf«. Nichts da, ganz das Gegenteil. Und der Albumtitel »KUULUUKO, KUUNTELEN« ist sowieso eine unmissverständliche Aufforderung zum Hereinkommen und Zuhören.

Samae Koskinen – En Anna Periks from Ivo Corda on Vimeo.