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Foto nordische Landschaft

24. April 2011

Kichernde Elfen: Rökurró in Frankfurt

Irgendwann, eines Tages, wenn die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern unter tätiger Mithilfe der Frauenquote endlich hergestellt ist, könnte ein entspanntes Miteinander von Männern und Frauen ungefähr so aussehen wie bei Rökurró auf der Bühne des Frankfurter Sinkkastens: Der Schlagzeuger übernimmt die Gitarre, die Keyboarderin das Schlagwerk, und alle stehen immer wieder anderswo und bedienen unterschiedliche Instrumente. Ganz selbstverständlich und ohne irgendwelche Eitelkeiten. Singen tun sie alle in unterschiedlicher Intensität. Dass die zarte Hildur Kristín Stefánsdóttir die stimmliche Hauptarbeit übernimmt, ist einfach Tatsache. Ihr silberheller Sopran entspricht der elfenhaft flüchtigen Schönheit des Rökurró-Sounds am ehesten. Und wie sie kichern können, diese Luftwesen! Zwischendurch können sie vor lauter Gickern kaum weiterspielen. Irgendeiner hat den Einsatz verpasst und ist schon beim übernächsten Song, ein isländisches Scherzwort gibt das nächste, und dann brechen sie alle wieder in prustendes Gelächter aus. Leichtigkeit, Entspanntheit und Respekt heißen die Zauberwörter. Dann entsteht eine übermütige Form der Magie zwischen den Geschlechtern.

Dabei hätten die sechs Isländer an diesem Frühlingsabend kurz vor Ostern keinen großen Grund zur Euphorie. Das Konzert im traditionsreichen Club Sinkkasten, der neuerdings wieder mit anspruchsvollem Programm glänzt, findet vor gerade einer Handvoll Zuhörern statt. Die Ferien und das schöne Wetter: Alles nur lahme Entschuldigungen, denn Rökurró spielen auf der Tour zum neuen Album »Í ANNAN HEIM« (In einer anderen Welt) überhaupt nur zwei Konzerte in Deutschland. Mit dem neuen Longplayer bricht die Großgruppe (Isländer kommen interessanterweise häufig im halben Dutzend daher!) ins Ungewisse auf. Lässt die elfenhaften Zartklänge hinter sich und wagt sich mit großen Augen und offenen Herzen auf ins bislang unbekannte Land lauterer, durchaus rockigerer Klänge und größerer Emotionen. Temperament, schau einer an! Produziert hat übrigens Alex Somers, der Lebensgefährte von Sigur-Rós-Sänger Jónsi. Ein Brise Aufruhr streift durchs Traumland, und die ist durchaus erfrischend.

Rökkurró by vas_bxl.

Heiterkeit ist es, was Rökurró an diesem Abend wie ein Banner vor sich hertragen. Es liegt ein Lächeln in der Luft. Diese Sechs schaffen temperamentvolle Gegenwelten, die sich voller Sanftheit immer wieder der einfachen Interpretation entziehen und in flüchtiger Schönheit entschwinden. Klar, die Traumverlorenheit und die sanften Celloklänge dominieren, aber das heißt nicht, dass hier langweilige Betulichkeit herrscht. Eher eine sehr irdische Lachbereitschaft. Hildur Kristín erzählt drollig, dass die Band das zweite Mal in Frankfurt auftritt und das zweite Mal in einen Großeinsatz der Polizei gerät (es ist alldieweil ein umstrittener Aufritt von deutschen Islamisten am Römer, den die deutsche Staatsgewalt hier schützt). »Wir haben schon gestaunt: So viele Polizeiautos, wie wir heute gesehen haben, gibt es in ganz Island nicht«, wundert sich die Sängerin mit feiner Ironie. Hildur Kristín, ganz ehrlich, wir staunen und lächeln an diesem Abend eher über Euch!

Rökkurró – Sólin mun skína from Rökkurró on Vimeo.

(Fotos: Florian Trykowski). Vielen Dank, dass ich Deine schönen Fotos vom Konzert verwenden darf!

21. April 2011

Wir geben gerne! Made In Iceland IV

Wenn es um das Bezahlen von Schulden geht, die andere Leute gemacht haben, sind die Isländer ganz schön eigensinnig: Sie haben es kürzlich per Volksabstimmung erneut mit großer Mehrheit abgelehnt, für die Milliardensummen geradezustehen, die völlig außer Kontrolle geratene heimische Banker zu Zeiten der Finanzkrise verursacht haben. Nicht mit uns!

Wenn es aber darum geht, den musikalischen Reichtum der Vulkaninsel zu teilen, sind die Isländer sehr großzügig. So hat die rührige Musikförderorganisation Iceland Music Export ebenfalls dieser Tage die Compilation»MADE IN ICELAND IV« veröffentlicht. Dort sind 19 Künstler versammelt, die zum größten Teil den aufstrebenden Nachwuchs repräsentieren. Um die musikalische Zukunft der einheimischen Jugend muss man sich angesichts der hier geballt versammelten Kreativität unterschiedlicher Stilrichtungen keine Sorgen machen!

Neben den in Resteuropa bereits etwas bekannteren Akteuren wie FM Belfast, Who Knew oder Hafdís Huld gibt es hier per Stream weitere Entdeckungen zu machen, wie die putzmunteren Of Monsters and Men, die schon beim letztjährigen Iceland-Airwaves-Festival in Reykjavik nachhaltig durch funkelnd-folkige Boy-Girl-Dynamics positiv überraschten. Die vierköpfige Gute-Laune-Truppe, die im vergangenen Jahr einen wichtigen isländischen Bandwettbewerb gewann, werkelt gerade ihrem Debütalbum.

Klassisch-gefühligen Singer-Songwriterpop hat sich der Neu-Herzensbrecher Snorri Helgason vorgenommen, mit tätiger Unterstützung souliger Uhuuu-Gesänge. Himmel hilf, dieser Barde trägt dick auf, aber gut so, wenn Frauenherzen hier auf die allerschönste Weise willig brechen.

Ebenfalls positiv aufgefallen sind Útidúr, ein wuselndes Großgruppenkollektiv, das auf sehr lebhafte Weise Seemansgarn spinnt. Die Zwölf zeigen auf eine sehr charmante Weise, dass Folkpop keine langweilige Angelegenheit von Zopfträgerinnen in Gesundheitslatschen ist, sondern eine temperamentvolle, ironische, vor Lebendigkeit funkelnde Herzenssache. Erfreulicherweise macht sich das lustige Dutzend in diesem Sommer erstmals gen Kontinent auf und spielt unter anderem im Juni auf dem wunderbaren Würzburger Umsonst&Draußen-Festival. Ein Grund mehr, sich an einem hoffentlich lauen Sommerabend zu den fränkischen Lederhosen ans Mainufer zu begeben und Spaß zu haben!

17. April 2011

Wahre Finnen? Dann lieber Eleanoora Rosenholm!

Die finnischen Freunde sind via Twitter und Facebook zutiefst depremiert an diesem Abend. Abgestoßen von ihrem eigenen Land. Bei den Parlamentswahlen haben die »Wahren Finnen«, ein absonderlicher Verein von Euro-Skeptikern, Abtreibungsgegnern und Ausländerpolitiks-verschärfern, an die 20 Prozent der Stimmen geholt. Für das Land moderater Töne ein Schock. Man schaut aus dem Fenster und erkennt die Welt nicht mehr. Die Anti-Wahre-Finnenfanpage auf Facebook ist binnen Stundenfrist auf 30.000 Fans hochgeschnellt. Was auch etwas bedeutet. Bei fünf Millionen Einwohnern. Ein Land im Schock.

Was tun in dieser Stunde, in der die Nachbarn plötzlich gar nicht mehr so harmlos aussehen, sondern wie sinistere Charaktere? Die es richtig gut fänden, wenn Finnland so täte, als sei es allein auf der Welt? Schotten schließen und raus aus dem Euro und den indiskutablen Portugiesen und Griechen den Stinkefinger zeigen? Weil wir ach so ordentlich sind und richtig rechnen können? Ist das die Lösung?

Man schaut auf diesen Abend und denkt: Hier passiert etwas Grundsätzliches. Eine Positionsbestimmung. Ein Blick auf das, was wir sind. Oder denken was wir sind. Es mag nicht schmeichelhaft sein. Aber bisher war Finnland weitgehend eine höfliche und respektvolle Konsensgesellschaft. Das ist vorbei. Im Guten wie im Schlechten. Was nun kommt, wird anders sein. Man wird Position beziehen müssen. Sagen müssen: Hier stehe ich, und ich kann nicht anders.

Was passt als Antithese zu diesem Abend besser als das Fonal-Label? Offen für das Absonderliche in all seinen grauzarten Schattierungen. Ein Lied über das Ende der Welt? Eleanoora Rosenholm haben es. Ende und Anfang. Die Traumtänzer des magischen Realismus im Pop haben ausgerechnet dieser Tage ein neues, eigenwilliges Album mit dem schönen Titel »HYVÄILE MINUA PIMEA TÄHTI« vorgelegt (übersetzt etwa: Kuschele mich in den dunklen Stern). Nachdenklich. Experimentell. Anders. Auf keinen Fall eindimensional. So soll es sein.

Eleanoora Rosenholm: Valo kaasumeren hämärässä from Sami Sänpäkkilä on Vimeo.

14. April 2011

Paganfest 2011: »Heidenspaß« mit Korpiklaani

Im Frühjahr touren die Heiden vereint unter dem Namen »Paganfest« durch die Lande, einige Bands wie Varg (Deutschland) oder Eluveitie (Schweiz) kennt der Besucher noch vom vergangenen Besuch im LKA Longhorn.
Am 25. März 2011 gibt es in Stuttgart wie auch im Vorjahr eine »extended show« mit Extra-Bands – Eluveitie und Heidevolk. Von Bands ist allerdings um halb vier, eine Viertelstunde bevor Kivimetsän Druidi (Finnland) anfangen sollen, weit und breit nichts zu sehen. Die Türen sind noch geschlossen.

Um den Fans die Wartezeit zu verkürzen, liefern sich zwei Autofahrer ein kleines Duell: Aus entgegengesetzten Richtungen bahnen sie sich einen Weg durch überall am Straßenrand stehende Tourbusse und hunderte schwarzgekleidete Metaller. Mit wenigen Metern Abstand stehen sich dann ein Kleinwagen und ein BMW gegenüber, keiner der Fahrer ist bereit nur einen Millimeter zu weichen. Mittlerweile findet die Menge Spaß an dem Spektakel, gekrönt von dem Ausruf: »Wall Of Death!«

Wir hätten stundenlang zusehen können, hätte sich nicht ein Polizeibus genähert und das Schauspiel dadurch zugunsten der nun auf zwei Fahrzeuge angewachsenen Partei beendet.

Jetzt öffnen sich endlich die Pforten und Obscurity (Deutschland) eröffnen das Paganfest. Den undankbaren Platz als erste Kapelle meistern die Jungs um Agalaz ganz gut, der Club ist verhältnismäßig voll – was wohl an der einstündigen Verspätung liegt und den Deutschen einige Zuschauer mehr beschert.

Kompletten Beitrag lesen …

13. April 2011

Samae Koskinen, eine ganz leise Liebeserklärung

Kann man es mit dem Namen Samae Koskinen in der etablierten Popwelt irgendwohin bringen? Wenn man finnisch singt und damit für 99,8% der resteuropäischen Bevölkerung unverständlich bleibt? Und dazu noch eher vierschrötig und so gar nicht kamerafreundlich aussieht? Und noch niemals über die finnischen Landesgrenzen hinausgekommen ist, weder als Solokünstler, noch mit der seit fast einem Jahrzehnt aktiven Band Sister Flo? Die übrigens wundervoll ist und mit »White Noise« einen der Songs geschrieben hat, die bei jeder Bestenliste finnischer Poptitel ganz vorne liegen müssten?

Nein, nein, nein, das kann nichts werden, lauten die Antworten, und sie sind grundfalsch. Weil Samae Koskinen sehr eigensinnig seinen eigenen Weg gegangen ist, sich in seinen kleinen Kreisen zwischen Tampere, Turku, Helsinki und Hyvinkää bewegt. Sich von Moden abkoppelt und lieber feine, abgründige Geschichten erzählt, die gleichwohl von einer untergründig hymnischen Heiterkeit sind, wenn man ganz genau hinhört. Samae bewegt sich gerne im Kuriositätenkabinett. Hat mit und ohne Sister Flo das ganz eigene Genre des Nekropop begründet und singt Songs über Würmer, Leichen und den Tod sowieso, ohne dass uns das in irgendeiner Weise niederdrücken müsste. Die helleren Seiten der Dunkelheit entdecken. Ein höchst ehrenwertes, wenngleich völlig uncooles Unterfangen. Ist doch völlig egal!

Samae Koskinen vor Jahren ein einziges Mal live erlebt, zu sehr später Stunde im Turkuer Klubi. Ein eher zur körperlichen Fülle neigender Barde, der im Anzug und barfuß auf die Bühne kommt und so wunderbar ungelenk tanzt, dass man sich vertrauensvoll bei ihm einhängen möchte. Und trotzdem eine sich um keinerlei Konventionen kümmernde Souveränit ausstrahlt, ein In-Sich-Ruhen, mit allen Widersprüchlichkeiten. Wobei das Fehlen jeglicher Anbiederung an den Massengeschmack genau das ist, was Samae Koskinen ausmacht. Ein Leichtigkeit in der Schwere. Eine unerwartete Tiefe in scheinbar flinkfüßigem Tempo. Ein untergründiges Bekenntnis zum Verlieren und Wiederaufstehn. Sind das nicht einige der Hauptingredienzen, die den Pop auch ausmachen? Den Pop, der uns in allem fluffigen Ungestüm den Boden unter den Füßen wegzieht?

Samae Koskinen hat dieser Tage sein drittes Soloalbum vorgelegt, und ja, das ist eine leise Liebeserklärung an den Mann aus Hyvinkää und die kleinen Dinge und die Kraft, die in ihnen steckt. »En Anna Periks« heißt die die erste Single, was übersetzt etwa heißt »ich gebe auf«. Nichts da, ganz das Gegenteil. Und der Albumtitel »KUULUUKO, KUUNTELEN« ist sowieso eine unmissverständliche Aufforderung zum Hereinkommen und Zuhören.

Samae Koskinen – En Anna Periks from Ivo Corda on Vimeo.

 
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