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Foto nordische Landschaft

29. Mai 2011

Der talentierte Mr. Jones

Unangenehme Dinge wie Fensterputzen, den Kühlschrank abtauen oder endlich auf den letzten Drücker die Steuererklärung ausfüllen, die erledige ich diese Tage nur mit tätiger musikalischer Unterstützung der Lieblingsfrühlingsplatte, und zwar von »HEST» von den putzmunteren Spaßpoppern Kakkmaddafakka aus Bergen. Lauthals mitsingen und dabei den Essigreiniger großflächig über die Küche verteilen. Soll man ja sowieso verstärkt tun in Zeiten von EHEC, sagt ein Professor, der es genau wissen muss, heute in der FAS.

Dass die »Kakks» keine schrammelnden Dilettanten sind, sondern klassisch ausgebildete Könner an ihren Instrumenenten, das verstecken sie gerne hinter viel Albernheit. Der Begabteste in der ganzen bunten Truppe ist eindeutig der anarchische Pianist Jonas »Mr. Jones« Nielsen, der ein Entertainer von hohen Gnaden ist. Der sich auf Konzerten gerne auszieht und halbnackig auf dem Klavierstuhl herumhampelt und dabei auch nach dem dreizehnten Bier mit untrüglicher Sicherheit die richtigen Tasten trifft. Beim wunderbaren Konzert in Heidelberg letztens kam Jones zur letzten Zugabe ganz allein heraus (der Rest der Truppe konnte wohl nicht mehr). Spielte ein funkelndes improvisiertes Feuerwerk am Klavier ab, bis einem die Ohren glühten und die Füße endlich müdegetanzt waren. Respekt! Singen kann der junge Herr übrigens auch noch.

Ein bisschen Recherche ergibt, dass Jones auch mit eigenen Songs aktiv ist, und die blubbern! Und sitzen! Voller Melodramen, großer Gefühle, reichlich Selbstironie und irgendwo angesiedelt im Niemandsland zwischen Jerry Lee Lewis, Elton John und Liberace. Irgendwie auf sehr konkrete Weise handfest dekadent. Im Berlin der späten 1920er hätten ihm die Charleston-Girls aus der Hand gefressen!

Also Jones, auch wenn deine letzten Solo-Aktivitäten auf Youtube aus dem Jahr 2009 stammen, du kannst gerne auch solo auf Tour zurückkommen. Es wäre jammerschade, wenn ein rotzfreches Naturtalent wie du nur noch als Teil des Kollektivs aktiv wäre. Ganz allein spielst du ein Dutzend Schlaffi-Bands an die Wand!

22. Mai 2011

Except the rats and mice: Mimas, sonderbar, wunderbar

Ich möchte gerne Milliardärin sein und Gutes tun. Natürlich würde ich wie Bill Gates die Malaria in Afrika bekämpfen. Nein, das ist gelogen. Ich würde überall in den armen Dörfern Büchereien einrichten, damit die Menschen – und vor allem die Kinder! – eine ganze neue Welt entdecken können. Bevölkert von Charakteren wie Hermine, den Brüdern Löwenherz und der kleinen Hexe. Jawohl. Aber als allererstes würde ich im nördlichen Europa wohltäterinnenhaft aktiv werden und den wunderbaren Mimas aus Dänemark ein Klavier spendieren, das sie auf Tour mitnehmen können. Damit sie ihren mit solch fein-ironischer Verzweiflung getragenen Song »Relationship« auch live vortragen können. Beim Konzert im Hafen2 in Offenbach improvisierten die merkwürdigen Vier als Zugabe mit einer Gitarren-Version dieses emotionalen Durchschüttlers über kaputte Beziehungen, bei denen das Schiff auf Grund läuft und nur die Mäuse und die Ratten überleben. Ein Piano, ein Piano muss her! Dann klappt es vielleicht auch mit der Cover-Version von Metallicas »Enter Sandman«, an der die Dänen unter großem Gelächter scheitern.

Mimas – Relationship by Sinnbus

Man muss sie lieben, diese merkwürdigen Vier, allein deswegen, weil der Drummer so aussieht Pumuckl als Erwachsener und der Gitarrist ein Ungetüm von Mann ist, auf den das schöne altmodische Wort »ungeschlacht« bestens passt. Und weil sie weiterhin ihre lächerlichen neonfarbenen Hoodies tragen, auf deren Vorderseite gebrochene Herzen und theatralische Bluttropfen appliziert sind. Und weil sie superlebendig sind und große Herzen haben und ungehemmt in wilde Harmoniegesänge ausbrechen, wobei die Harmonie klein- und die Leidenschaft und unbedingte Hingabe groß geschrieben werden.

Mimas sind an diesem Tag von Berlin nach Offenbach getuckert, delektieren sich am legendär leckeren Kuchen dieser Location und freuen sich, ein zweites Mal vor Ort zu sein. Am Vorabend haben sie dem hauptstädtischen Bier wohl reichlich zugesprochen, denn die Pointen in den gewohnt anarchisch-ausufernden Zwischenaussagen sitzen nicht zu hundert Prozent. Egal, dafür können sie herzlich mit dem Publikum lachen, das auf die Frage, was man denn in Offenbach unbedingt noch sehen müsse, unisono antwortet. »Über den Fluss rüber nach Frankfurt fahren!«

Das Quartett bringt in diesen Tagen sein zweites Album »LIFEJACKETS« beim Qualitätslabel Sinnbus heraus. Eine unbedingt gute Nachricht, das. Und in einen zweiten Appetizer kann man noch hereinhören, nämlich in »Application«.

Mimas – Application by Sinnbus

18. Mai 2011

Samtige Dunkelheit mit Susanne Sundfør

Ein fetter Sound, sehr elektronisch, sehr elaboriert: Das soll Susanne Sundfør sein, die junge norwegische Sängerin, die im Januar beim Eurosonic-Festival in Groningen als hexenhafte Diseuse allein am Klavier überzeugt hat? Dunkel gekleidet ist sie noch immer, die Nachtschattenwelt weiterhin ihr bevorzugtes Territorium, doch zum Konzert in der Frankfurter Brotfabrik hat sie sich sehr synthielastige Verstärkung mitgebracht. Umdenken ist angesagt. Das Symphonische, Intensive, Opulente bringen ihre Intensität eben auf andere Art zum Leuchten.

Dass eine Wahlverwandtschaft zu den eigenwilligen Olympierinnen Tori Amos und Kate Bush besteht, will die blasse Norwegerin nicht verhehlen, aber die großen Mutterfiguren lässt sie mit Außenseiterinnen-Selbstbewusstsein hinter sich. Sie spielt. Viel zu kurz. Draußen geht die sanfte Maisonne unter, drinnen herrscht samtige Dunkelheit. Ein Bekenntnis zum unterkühlten Pathos. Zu den Dingen, die wir sonst gerne hinter das Sofakissen schieben, weil es ach so bequem ist, sich bloß nicht damit auseinanderzusetzen. Mit Dingen, die wehtun. Susanne Sundfør ist an diesem Abend trotz aller elektronischen Inszenierung eine bewusste Außenseiterin, die abseits des Dorfes in einer Hütte am Waldraum wohnt und mit ihrer hellen Stimme den Austausch mit den flüchtigen, abseitigen Dingen sucht.

Schüchterne Zwischenansagen. Kontrollierte Leidenschaft. Eine Einladung zum Abbheben, zum Wegdriften aus der Realität, voller Eigensinn. Ein kleiner Hinweis auf ihr wunderbares Album »THE BROTHEL«, das dieser Tage in Deutschland erscheint. Das so launisch ist wie eine Katze, und ebenso aufregend. Sie verschwindet, verhuscht, flüchtig. Draußen ist es warm, aber man ertappt sich dabei, dass man sich doch tief in die Sommerjacke kuschelt.

Einen wunderbar aktuellen Einblick in Susanne Sundførs eigentümliche Welt bietet die die frisch aus der Taufe gehobene, akustische Konzertreihe Live At The Office des sehr rührigen Music Information Center Norway (unterstützt von all den Ölmillionen etwa?). Die neue Veranstaltungsreihe ist übrigens eine Fundgrube für alle, die an norwegischer Musik interessiert sind. Aufgetreten sind hier neben Susanne Sundfør unter anderem bereits Mathias Eick und BigBang.

Susanne Sundfør – Live At The Office from MICnorway on Vimeo.

(Foto: Rolf Anders Storset)

15. Mai 2011

Kvelertak: Das Universum im Würgegriff der Norweger

Tatort: Universum, Stuttgart
Tatverdächtige: Hank Van Helvete-Klon? – und seine Mannen
Tatzeit: Nur appetitanregend = viel zu kurz
Tat-Zeugen: … noch keine Haare am Sack

Wie sich die norwegischen Kvelertak (deutsch = Würgegriff) am 14. Mai 2011 zwischen die ganzen Metalcore/Hardcore/XYCore – Crapcore? – Bands verirrt haben, wird wohl für immer ihr Geheimnis bleiben: Zwischen ihren Landsmännern Social Suicide, den Amis The Ghost Inside und den Kanadiern Gravemaker / Comeback Kid haben sie im Stuttgarter Universum eindeutig Exotenstatus.

Die Black’n'Roll-Fraktion um Sänger Erlend Hjelvik – der mich an Hank Van Helvete ohne Make-Up und Ledergeschirr erinnert – geht von der ersten Sekunden an in die Vollen: Schon beim Opener »Fossegrim« schüttelt das Sextett seine Schweißtropfen in die erste Reihe … die gleichzeitig von den Crowdsurfern eine Nackenmassage mittels Fußtritten erhält. Rock’n'Roll!

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12. Mai 2011

Ein Hoch auf den Radiowecker mit Bodebrixen

Erfinderisch muss man sein. Der Donnerstag ist irgendwie ein komischer Tag, aber seit die Lieblingskollegin ihn »Vizewochenende« getauft hat, sieht der Donnerstag irgendwie hoffnungsvoller aus für die Lohnschaffenden. Noch ein Mal dieses Szenerio, dass morgen der Wecker erbarmungslos klingelt, und dann ist endlich Wochenende. Und eben ist doch tatächlich entschieden worden, dass es nach Finnland und Island auch Schweden und Dänemark ins Finale des Eurovision Song Contest geschafft haben. Von wegen Balkanmafia! Aber morgen in aller Frühe klingelt nochmal der Wecker. Das durchdringende Biepen contra das gemütliche Bett und all die schönen Dinge, die man sonst machen könnte, statt wie üblich in letzter Sekunde hektisch hechelnd die 8:30-Regionalbahn nach Frankfurt zu erreichen.

Doch wir sind nicht allein, wir Lohnsklaven. Bodebrixen, ein skuriles Indiepopduo aus Dänemark, weiß, wie uns zumute ist und hat dem Radiowecker ein wunderbar dilettantisch choreographiertes Sahnestückchen gewidmet. Wer sich traut, in dieser peinlichen Unterwäsche vor der Kamera herumzuturnen, dem gebührt ausdrücklicher Respekt. Der Radiowecker spricht russisch und wir werden ihn niemals verstehen, aber hey! So lange wir uns ungehemmt darüber das lustig machen können, was uns stört wie Mückenbisse, so lange ist die Welt in Ordnung. »We are Bodebrixen. We play Indiepop happy music« , schreiben die zwei auf ihrer Website. Höchst korrekt!

 
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