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Foto nordische Landschaft

04. Mai 2011

“Thanks for the silence. Its highly appreciated”

Warum geht man auf Konzerte? Um Freunde zu treffen, Bier zu trinken, abzutanzen oder am Ende die Setlist zu klauen? Alles durchaus ehrenwerte Gründe. Aber im idealsten Falle kommt man doch zuallererst zum Zuhören. Allein aus Respekt den Musikern gegenüber. Und nein, nein, nein, natürlich soll keine ehrfürchtige Stille herrschen und natürlich soll es lautstarke Zwischenrufe geben und natürlich soll man sich mit dem Nachbarn austauschen und lachen und lästern und loben. Ärgerlich wird es nur dann, wenn unverbesserliche Banausen in der ersten Reihe stehen und sich fast das gesamte Konzert über in Presslufthammer-Lautstärke über Privatkram unterhalten. Wie letztens geschehen beim wunderbaren zwischentonreichen Konzert von Last Days Of April in den letzten Apriltagen im Wiesbadener Schlachthof.

Da steht das innig sich austauschende Pärchen, das überall sonst besser aufgehoben wäre als auf einem Konzert, von dem es vor lauter dringlichem Zweieraustausch ohnehin nichts mitbekommt. Und redet und redet und redet, wobei die schrille Stimme des weiblichen Parts auf besonders unangenehme Weise stört. Die Tonlage bewegt sich in etwa auf der Frequenz des schnellen Bohrers beim Zahnarzt. Iiiieeeetsch! Irgendwann platzt der normalerweise freundlichen Polarbloggerin der Kragen und sie fordert die beiden hörbar auf, gefälligst das nervige Gequatsche einzustellen. Die vorhersehbare Reaktion: Der männliche Part wird zum Rambo-Rächer und droht allein mit Blicken Prügel an, der weibliche Part echauffiert sich, macht Balla-Balla-Gesten und klingt für eine halbe Minute noch schriller. Wäre ich der Clubbesitzer, würde ich die Grazie an den Haaren aus dem Veranstaltungsraum zerren und ihr auf Lebenszeit Hausverbot erteilen.

Irgendeinen Eindruck scheint der Einwurf aber dann doch gemacht zu haben, denn der Lärmpegel des Dauergeblubbers sinkt. Sinkt so weit, dass der zurückgenommen kariertbehemdete Karl Larsson, das Chef-Aprilkind, sich beim Wiesbadener Publikum mit den folgenden Worten bedankt: »Thank you for the silence. Its highly appreciated«.

Und ja, und ja: Es gibt sie die bescheidenden Schweden, und es gibt sie, die selbstbewussten Zwischentöne, und es gibt sie, die euphorische Melancholie. Vorgetragen von dem Mann mit dem hinreißenden Lächeln, das er zumeist hinter einem dunkelblonden Haarvorhang versteckt. Nein, und die prominenten Gastmusiker von »GOOEY«. haben Larsson und sein Mitmusiker an diesem Abend nicht nötig, um zu glänzen. Nein, Evan Dando und Tegan, wir haben euch an diesem Abend nicht vermisst.

Last Days of April – America from Erik Andersson on Vimeo.

Nächste Station zum Thema Zuhören bei Konzerten ist der diesmal wohl endgültig vom Abriss bedrohte Hafen2 in Offenbach, seit Jahren einer der sympathischsten Veranstaltungsorte mit sehr eigenwilligem Profil. Ein wichtiger Grund für meine Anhänglichkeit an den Hafen ist das aufmerksame und respektvolle Publikum, das sich durch hohe Neugier auszeichnet. Die wunderbar skurilen dänischen Mimas erinnern sich bis heute an ihren denkwürdigen Auftritt dort. »That gig is without a doubt one of our most memorable ones as well. Such a great experience. Such a small but incredible crowd!«, twitterten sie unlängst. Jawohl, und genau so war es! An diesem Abend aber spielen die dänischen Landsleute von Before The Show, deren Debüt es bei uns berechtigterweise zum Album des Monats geschafft hat. Allein die Tatsache, dass Laurids Smedegaard, Drummer der von Alcoholic Faith Mission, hier als Main Man aktiv ist, rechtfertigt den Konzertbesuch. Und ja, ja: Das Quintett is schrullig, unberechenbar und leidenschaftlich. Man weiß nie, was kommt! Und die schönsten, passenden Worte spricht Herr Smedegaard zum Schluß. »Its great here. We are not used that people are listening to us. In Copenhagen, there is always much chatter. So thank you!«