“Thanks for the silence. Its highly appreciated”
Warum geht man auf Konzerte? Um Freunde zu treffen, Bier zu trinken, abzutanzen oder am Ende die Setlist zu klauen? Alles durchaus ehrenwerte Gründe. Aber im idealsten Falle kommt man doch zuallererst zum Zuhören. Allein aus Respekt den Musikern gegenüber. Und nein, nein, nein, natürlich soll keine ehrfürchtige Stille herrschen und natürlich soll es lautstarke Zwischenrufe geben und natürlich soll man sich mit dem Nachbarn austauschen und lachen und lästern und loben. Ärgerlich wird es nur dann, wenn unverbesserliche Banausen in der ersten Reihe stehen und sich fast das gesamte Konzert über in Presslufthammer-Lautstärke über Privatkram unterhalten. Wie letztens geschehen beim wunderbaren zwischentonreichen Konzert von Last Days Of April in den letzten Apriltagen im Wiesbadener Schlachthof.
Da steht das innig sich austauschende Pärchen, das überall sonst besser aufgehoben wäre als auf einem Konzert, von dem es vor lauter dringlichem Zweieraustausch ohnehin nichts mitbekommt. Und redet und redet und redet, wobei die schrille Stimme des weiblichen Parts auf besonders unangenehme Weise stört. Die Tonlage bewegt sich in etwa auf der Frequenz des schnellen Bohrers beim Zahnarzt. Iiiieeeetsch! Irgendwann platzt der normalerweise freundlichen Polarbloggerin der Kragen und sie fordert die beiden hörbar auf, gefälligst das nervige Gequatsche einzustellen. Die vorhersehbare Reaktion: Der männliche Part wird zum Rambo-Rächer und droht allein mit Blicken Prügel an, der weibliche Part echauffiert sich, macht Balla-Balla-Gesten und klingt für eine halbe Minute noch schriller. Wäre ich der Clubbesitzer, würde ich die Grazie an den Haaren aus dem Veranstaltungsraum zerren und ihr auf Lebenszeit Hausverbot erteilen.
Irgendeinen Eindruck scheint der Einwurf aber dann doch gemacht zu haben, denn der Lärmpegel des Dauergeblubbers sinkt. Sinkt so weit, dass der zurückgenommen kariertbehemdete Karl Larsson, das Chef-Aprilkind, sich beim Wiesbadener Publikum mit den folgenden Worten bedankt: »Thank you for the silence. Its highly appreciated«.
Und ja, und ja: Es gibt sie die bescheidenden Schweden, und es gibt sie, die selbstbewussten Zwischentöne, und es gibt sie, die euphorische Melancholie. Vorgetragen von dem Mann mit dem hinreißenden Lächeln, das er zumeist hinter einem dunkelblonden Haarvorhang versteckt. Nein, und die prominenten Gastmusiker von »GOOEY«. haben Larsson und sein Mitmusiker an diesem Abend nicht nötig, um zu glänzen. Nein, Evan Dando und Tegan, wir haben euch an diesem Abend nicht vermisst.
Last Days of April – America from Erik Andersson on Vimeo.
Nächste Station zum Thema Zuhören bei Konzerten ist der diesmal wohl endgültig vom Abriss bedrohte Hafen2 in Offenbach, seit Jahren einer der sympathischsten Veranstaltungsorte mit sehr eigenwilligem Profil. Ein wichtiger Grund für meine Anhänglichkeit an den Hafen ist das aufmerksame und respektvolle Publikum, das sich durch hohe Neugier auszeichnet. Die wunderbar skurilen dänischen Mimas erinnern sich bis heute an ihren denkwürdigen Auftritt dort. »That gig is without a doubt one of our most memorable ones as well. Such a great experience. Such a small but incredible crowd!«, twitterten sie unlängst. Jawohl, und genau so war es! An diesem Abend aber spielen die dänischen Landsleute von Before The Show, deren Debüt es bei uns berechtigterweise zum Album des Monats geschafft hat. Allein die Tatsache, dass Laurids Smedegaard, Drummer der von Alcoholic Faith Mission, hier als Main Man aktiv ist, rechtfertigt den Konzertbesuch. Und ja, ja: Das Quintett is schrullig, unberechenbar und leidenschaftlich. Man weiß nie, was kommt! Und die schönsten, passenden Worte spricht Herr Smedegaard zum Schluß. »Its great here. We are not used that people are listening to us. In Copenhagen, there is always much chatter. So thank you!«
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4 Kommentare
1. Franziska schrieb am 29. Mai 2011 um 12:18
Jaja, wer nicht schnallt, dass es eine Kommentarfunktion gibt, schreibt erst einmal merkwürdige Emails…
Liebe Eva-Maria, WIE sehr sprichst Du mir aus der Seele. Ich bin nämlich vor kurzem bei einem phantastischen Katzenjammerkonzert in Hamburg in exakt die selbe Situation geraten, als ich es irgendwann nicht mehr aushielt, dass das Paar hinter mir sich während eines der ruhigeren Teils (und den musste man erstmal abpassen! bei diesem Hochenergie-Gig) ohne Unterbrechnung über ihre Abnehmerfolge, Darmbewegung und Waagenferquentierung unterhielten. Auf meinen wirklich freundlichen Versuch, dass zu beenden schrie (!) mir der Mann am Ende buchstäblich ins Gesicht, er könne so ein Belehren nicht austehen. Alllerdings wurde es dann auch besser. Was mich aber auch wunderte/ärgerte: Ein Haufen Männer in meiner Nähe, der sich auf das Geschrei hin umdrehte, tuschelte mir später munter Beipflichtungen zu, in dem Moment mal etwas gesagt hat von denen aber niemand. Witzigerweise hatte Unni Willemsen in ihrem Vorprogramm auch erst noch das Publikum im Vergleich zu den schwatzenden Dänen gelobt. Überall das selbe. Freut mich aber immens zu lesen, dass es noch andere Menschen gibt, die auf Konzerten die Musik hören wollen.
2. Eva-Maria Vochazer schrieb am 29. Mai 2011 um 15:19
Liebe Franziska, gut zu hören, dass ich nicht die einzige “pedantische Spaßbremse” bin, die sich wünscht, dass man den Musikern bei Konzerten auch zuhört. ;)
Natürlich kann man vor Dauerplapperern auf Konzerten auch flüchten. Es gehört eine Menge Mut dazu, den Mund aufzumachen. Und ein bisschen zu nutzen scheint es ja!
3. Herbert schrieb am 19. Februar 2012 um 11:37
Hallo Eva-Marie,
schön dass das endlich mal jemand sagt, es gibt wirklich Leute die scheinen nur auf Konzerte zu gehen um selbst Krach zu machen. Zum Glück sind es ja meist nur einzelne und meistens hilft es auch sie darauf hinzuweisen. Aber trotzdem auch für mich schwer verständlich, warum man zu einem Konzert geht und dann eigentlich das Beste gar nicht mitbekommt, z.B. wenn bei Phillip Boa Konzerten Pia Lunds Stimme zu den Sternen aufsteigt und manchmal fast vom Gelärme der ersten Reihen übertönt wird. Dabei ist die Lautstärke der Band bei den meisten Konzerten eh schon ziemlich hoch…Eigentlich wollte ich nur im Netz schauen, ob es sich lohnt, heute Abend in Erfurt das Konzert von Last Days of April anzuhören, das scheint ja so zu sein. Schöne GRüße aus Thüringen, “Herbert”
4. Eva-Maria Vochazer schrieb am 19. Februar 2012 um 23:20
Hallo Herbert, es scheint fast so, als ob noch ausreichend Konzertgänger vorhanden sind, die gerne und aufmerksam zuhören. Schön!
Last Days Of April kann ich Dir als live nur sehr empfehlen. Viel Spaß und nieder mit den Plappermäulern! ;)