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Foto nordische Landschaft

08. Mai 2011

And the twelve points go to: Eurovision, skandinavisch

Was die Düsseldorfer in diesen Tagen tunlichst über ihre Stadt verschweigen, ist die Tatsache, dass sie eine Großbaustelle ist. U-Bahn-Bau in der Landeshauptstadt, wir sind doch Metropole! Also liebe Eurovisionsgäste, schön aufpassen und nicht in eine der zahlreichen Baugruben fallen!

Bevor das Eurovisions-Spektakel in der kommenden Woche unter Rekordbeteiligung seinen Lauf nimmt (selbst Österreich ist nach jahrelanger, trotziger Abstinenz wieder dabei!), wollen wir uns doch mal die fünf skandinavischen Kandidaten anschauen und eine Prognose wagen, wer die Zwischenrunde übersteht und es ins große Finale schafft.

Aus Dänemark treten 2011 vier schwarzgewandete junge Männer aus dem Örtchen Vostrup an, die sich A Friend in London nennen (warum bloß?) und mit ihrem Song »A New Tomorrow« einen eurovisions-kompatiblen braven Indierock pflegen. Schön mit Mitklatsch-Intermezzo. Sehr zeitgeistmäßig will das Quartett die Welt verbessern wie weiland die Blumenkinder. Der Sänger hat einen Haarschnitt wie Martin Gore von Depeche Mode Mitte der 80er. Zumindest fuchteln sie heftig mit den Gitarren herum, und der Schlagzeuger darf ein angedeutetes Solo hinlegen. Wie wild! Prognose: Ja, das ist Indierock für den Streichelzoo, könnte von den Zuschauern goutiert werden.

Ob Sjonni´s Friends ein Bandname ist, mit dem sich die Welt erobern lässt, wollen wir höflich offen lassen. Das freundliche Sextett aus Island setzt auf altmodische Werte, weiße Hemden und schwarze Westen. Der wenig glamouröse Bandname hat tatsächlich aber einen traurigen Hintergrund: Der Komponist Sigurión Brink starb im Januar unerwartet im Alter von nur 37 Jahren an einer Hirnblutung. Seine Freunde taten sich zusammen, nahmen den Song »Coming Home« tatsächlich auf und gewannen den nationalen Vorentscheid. Herausgekommen ist eine grundsympathische, sehr handgemachte Hommage an Big-Band-Zeiten unter heftigem Bläsereinsatz. Im Video tanzt ein ganzes Dorf in Island-Pullovern dazu. Irgendwie doch anrührend. Prognose: Es wäre eine echte Überraschung, wenn Bescheidenheit beim ESC honoriert würde.

Norwegen gibt sich 2011 multikulturell und schickt Stella Mwangi und den Song »Haba Haba« ins Rennen. Die Sängerin mit kenianischen Wurzeln setzt auf sanften Afro-Karibik-Gute Laune-Pop. Auch hier geht es angesagterweise darum, dass es die kleinen Dinge im Leben sind, die zählen und dass man tunlichst auf seine Großmutter hören sollte. Das ist alles sehr fein produziert und Frau Mwangi sieht in roten Hot Pants mit Frackschwänzchen sehr eurovisionsmodekompatibel aus. Leider, leider hat sie heftig von Harry Belafonte geklaut. Originalität also so lala. Man kann sich schön in den Hüften dazu wiegen und mitklatschen, deshalb wird sie wohl weiterkommen.

Wer den grundsätzlichen Unterschied zwischen Schweden und Finnland verstehen will, der muss sich nur die beiden Eurovisions-Kandidaten anschauen. Schweden trägt dick auf, Finnland stapelt tief. Aber beginnen wir zunächst mit dem Königreich: Eric Saade ist ein hübsches, sehr von sich eingenommenes Kerlchen. Der sich mit dem Song »Popular« mit heftigem Synthieeinsatz unter Hinterlassung einer kräftigen Schleimspur an das Publikum heranschmeißt. Die Choreographie ist selbstredend perfekt und wird mit dem Sperenzchen aufgepeppt, dass Herr Saade im Lauf seiner Darbietung einen Glaskäfig zertritt. Der Song selbst ist von einer solch öden Belanglosigkeit, dass man lange überlegen muss, wo man Zeilen wie »My Body Wants You Girl« vor 30 Jahren schon einmal gehört hat. Das Niveau bewegt sich etwa auf Augenhöhe mit dem legendären »Dschingis Khan«. Prognose: Das könnte tatsächlich ein Tick zu viel sein, was sich das Jüngelchen mit der Publikumsanbiederei vorgenommen hat. Hoffentlich.

Den größtmöglichen Gegensatz zum schwedischen Aufschneidertum bildet die Bescheidenheit von Paradise Oskar, dem finnischen Kandidaten: Ein 20jähriges, anrührend uneitles Bübchen aus Helsinki namens Axel Ehnströhm. Im ungebügelten, undefinierfarbenen Hemd und einer Gitarre. Sonst nichts. Außer natürlich den großen Augen und dem anspruchsvollen Ziel, den Planeten durch ausgiebiges Gutmenschentum und einen Song mit dem schlichten Titel »Da Da Dam« zu retten. Hach. Irgendwie erinnert er an den ganz jungen Gilbert o´Sullivan. Herr Ehnströhm ist ernsthaft und auf eine schüchtern-sympathische Weise selbstbewusst. Unter all dem großen Eurovisions-Geschrei könnte es gerade dieses Bekenntnis ruhigen, balladigen und zurückgenommenen Tönen sein, mit dem Paradise Oskar punkten kann. Mit seinen grünen Weltrettungs-Themen wird er beim deutschen Publkikum gut ankommen. Prognose: Könnte klappen.