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Foto nordische Landschaft

19. Juni 2011

Ungdomskulen: Gimme Ten!

In Bergen gibt es einige Konstanten: Die eine ist der Regen, die andere die Musik. Man gibt es hier auf, an die Illusion trockener Füße zu glauben, und belastet das Reisekonto mit dem Kauf durchaus eleganter roter, knöchelhoher Gummistiefel. Wenn die Sonne scheint, füllt sich die Stadt mit Musik, die zwischen den sieben Bergen widerhallt. Man steht oben auf einem der zahlreichen Aussichtspunkte und wundert sich doch sehr über das plötzlich einsetzende Trommelgewirbel, das sich Stadtteil für Stadtteil fortsetzt. Praktiziert wird es von halbwüchsigen Burschen, die zum guten Dutzend aufgereiht rhyhtmisch ihre vor den Bauch geschnallte Trommeln bearbeiten, in durchaus militärischer Tradition. Wie die Einheimischen glaubhaft versichern, ist die jugendliche Trommelei geschichtsträchtig und hatte vor Jahr und Tag die Funktion, vor dem Annähern des Feindes zu warnen. Heute geht es eher um Rhythmus, Lebenslust und Wettstreit zwischen rivalisierenden Quartieren. An guten Drummern dürfte in Bergen kein Mangel herrschen! Musik ist hier überall präsent: Wie sich herausstellt, spielt Kristian, Betreiber des netten Bed & Breakfast, in der Band Kong Klang. Elektronische Musik, zu der man gut einschlafen kann, beschreibt er das Projekt selbstironisch.

Aber nun denn: In einer Stadt, in der jede vierte Einwohner Student ist, passiert Mitte Juni in den Semesterferien nicht viel, was Konzerte in Clubs betrifft. Mit einer Ausnahme: Im stylishen Café des Kunstmuseums stellen die drei eigenwilligen Stilpiraten-Rocker von Ungdomskulen ihr Projekt GIMME TEN vor. Das experimentierfreudige Trio hat zehn Stücke eingespielt, die allesamt nur eine Minute dauern, und zu jedem dieser Track ein Video gedreht. Für die künstlerische Umsetzung war Carlos Vasquez zuständig. Der Videodreh fand in Berlin statt, der offenkundigen Sehnsuchtsstadt aller skandinavischen Indiebands, die es zu Hauf in die deutsche Hauptstadt zieht. Zehn Songs. Zehn Minuten. Es ist eine Achterbahnfahrt im Schnelldurchgang absolviert, ein wilder Ritt durch die Stile.

GIMME TEN by UNGDOMSKULEN

An diesem Abend, an dem es nicht dunkel wird, werden im Kunstmuseum selbstredend erst die zehn Videos gezeigt, und dann erst kommen die Maestros selbst. Sänger Kristian hat schon die kurze Bermudas an, denn am nächsten Morgen geht es in aller Frühe los in die Türkei. Ins Schwitzen kommen die Grenzüberschreiter auch so: Sie machen irritierenden Lärm, eine krude, aber sehr tanzbare Mischung aus Art Rock und Prog Rock, aus Albernheit und Anarchie, aus Rotzwave und Jazzigem und Hip Hop und viel, viel Rocklust. Lassen sich nicht fassen, sind hochenergetisch und sehr schweißtreibend. Dem Publikum steht der Mund offen. Oder es tanzt. Und es jubelt. Puuuh! Ungdomskulen beweisen hier, dass schlau sein und Spaß haben keine Widersprüche sind. Warum auch?

Ungdomskulen – Elle from Blank Blank on Vimeo.

Da Bergen eine kleine, aber feine Musikszene hat, trifft man auf Konzerten Musiker, die es bereits über die Stadtgrenzen hinausgeschafft haben. An diesem Abend gesichtet: Pål von den in Deutschland derzeit sehr angesagten Anarcho-Poppern Kakkmaddafakka und Omar von den wunderbaren Elekronikwunderkindern Casiokids. Die Bergener Welt ist eben klein.

Und noch eine kleine modische Nachbemerkung sei erlaubt: Das Bergener Indiepopmädel kleidet sich eher bescheiden. Jeans, T-Shirt, Turnschuhe. Nichts vom stylishen Aufgemotze ihrer schwedischen Nachbarinnen zu sehen, aber auch nichts vom frechen und buntvogeligem Auftreten ihrer isländischen Schwestern. Ins finnische Nachtleben würden die Grazien dagegen bestens passen.