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Foto nordische Landschaft

06. Juli 2011

Hoffnung und Leidenschaft: Agent Fresco

Arnór Dan Arnársson muss unter irgendeiner Zwangsneurose leiden. Er kann einfach nicht stillstehen. Während der Zwischenanansagen marschiert er manisch auf der Bühne auf und ab, wie ein eingesperrter Eisbär im Zoo. Der Sänger der isländischen Experimentalcore-Band Agent Fresco wirkt angespannt wie ein Pfeil kurz vorm Abschießen. Es ist der letzte Tag einer längeren Europa-Tour, und am nächsten Morgen früh um vier geht der Flieger zurück auf die Vulkaninsel. An diesem warmen Sommerabend im ferienleeren Frankfurt sind höchsten dreißig Leute in den Club das bett gekommen. Aber Arnársson entdeckt bekannte Gesichter im Publikum. Einige sind zum wiederholten Mal auf einem Agent-Fresco-Konzert. Und überhaupt: Langhaarige, Kurzhaarige, Junge, Ältere, Gesetztere, Flippigere. Wie geht das denn zusammen?

Warum das funktioniert, wird im Lauf des Konzertes klar, in dem die ganz in schwarz gekleideten Vier sich geschmeidig wie die Schlangen durch die Stile winden, ohne sich auch irgendwo festlegen zu wollen. Die da heißen: Glamrock, Progressive Rock, Jazziges, Screamo, Metal, Mathpop und Melodrama. Und noch diverse Unterströmungen. Diese disparaten Elemente bilden überraschenderweise kein beliebig zusammengemischtes Stückwerk, sondern ein leidenschaftliches, komplexes Ganzes. In dem die Farbe Schwarz eine bestimmende Rolle spielt, die Melancholie nie vergeht, aber der Trotz und das Aufbegehren in Schönheit den selbstverständlichen Gegenpol dazu bilden. Arnásson erzählt vom Krebstod seines Vaters vor einigen Jahren, und wie diese Erfahrung in die Musik des Quartetts mit eingeflossen ist. Das sehr hörenswerte Debütalbum »A LONG TIME LISTENING« ist Endes vergangenen Jahres in Island herausgekommen. In ihrer Heimat haben die Jungs schon mehrere Preise abgeräumt.

Beschauliches Konsumieren ist hier nicht. Agent Fresco fordern durch ihre Vielseitigkeit und ihre Hingabe. Durch Hoffnung und Leidenschaft. Durch lärmigste Ausbrüche und zarteste Piano-Augenblicke. Schwarz ist hier keine pessimistische, sondern eine hochlebendige Farbe. Das Publikum wird gehörig durchgeschüttelt, die Ohren unerbittlich lärmend und energisch durchgespült. Danach hört man besser. Und andere Dinge als zuvor. Und lächelt vielleicht. Die Band trocknet sich derweil die Gesichter mit schwarzen Handtüchern.

Foto: Leo Stefansson