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Foto nordische Landschaft

17. Juli 2011

Ocean Sound – Aufnahmestudio im Paradies

Mannomann. Hat nicht jeder Musizierende schon mal davon geträumt, in so einem Studio aufnehmen zu können? Direkt am Meer, schon allein der Blick aus dem Aufnahmeraum beflügelt und lässt die Kreativität fließen.

Das Ocean Sound Studio liegt direkt am Meer, auf der kleinen Insel Giske. Aufmerksam wurde ich auf die Website durch Zufall, bei der Recherche über Susanna und ihr Magical Orchestra. Die haben dort nämlich aufgenommen.

Es muss ein großartige, ein magischer Ort sein dort. Perfekt für atmosphärische Aufnahmen. Auf die wir uns jetzt schon freuen, um sie besprechen zu können.

Mehr: http://www.oceansoundrecordings.com/

16. Juli 2011

When Saints Go Machine, oder: Twittern hilft!

Besorgte Schlaumenschen wie FAZ-Obermufti Frank Schirrmacher werden nicht müde, vor den Gefahren zu warnen, die von sozialen Netzwerken ausgehen und wie angreifbar und gläsern wir uns doch damit machen. Danke für den gut gemeinten Ratschlag! Dass man seine intimsten Geheimnisse oder seine kompletten Kontodaten samt Passwörtern nicht ins Netz stellen sollte, dürfte jedem einigermaßen intelligenten Zeitgenossen einleuchten. Dass Werkzeuge wie Twitter aber hin und wieder zur besseren Kommunikation und zur raschen Klärung von Missverständnissen beitragen, fällt dabei unter den Tisch. Schade! Es gibt eine Geschichte dazu, und die hat sich so zugetragen:

Die dänischen Neo-Synthiepopper When Saints Go Machine spielen eines von wenigen, handverlesenen Deutschlandkonzerten im hochgeschätzten Heidelberger Karlstorbahnhof. Natürlich muss ich hin! Dass das Konzert erst sehr spät beginnt, weil das Heidelberger Schloss an diesem Abend melodramatisch beleuchtet und über dem Neckar ein feines Feuerwerk abgebrannt wird – geschenkt und danke!

When Saints Go Machine – ADD ENDS from Dawn Carol Garcia on Vimeo.

Dass die Dänen aber nur knappe 40 Minuten spielen, zwischen den Songs kaum den Mund aufbekommen und ohne Zugabe von der Bühne verschwinden, das verärgert wirklich. Geht gar nicht, das! Die Arctic Monkeys haben es sich mit der Polarbloggerin auf Lebenszeit verdorben, weil sie anno 2005 bei ihrem ersten Frankfurt-Konzert nach 26 gefühlten Minuten wortlos von der Bühne abtreten und mitleidlos das grelle Deckenlicht über verschwitzten Zuschauergesichtern einschalten lassen. Ich halte es an dieser Stelle mit Jane Austens Romanhelden Mr. Darcy aus »Stolz und Vorurteil«, der den schönen Satz spricht: »My good opinion once lost is lost forever«.

Einigermaßen angesäuert lasse ich die Welt über Twitter wissen, dass die Saints kein Freund von Zugaben sind. Damit könnte diese Geschichte enden. Sie tut es aber nicht. Die jungen Dänen reagieren, twittern zurück und erklären, dass sie die offizielle Vorgabe hatten, nur 40 Minuten zu spielen. Sorry. Und dass sie nicht elf Stunden von Kopenhagen nach Heidelberg fahren, um zu enttäuschen. Nun, dann geht das in Ordnung. Gut, dass wir uns ausgetauscht haben.

Und Grund genug, darüber nachzudenken, warum man oft geneigt ist, Schüchternheit mit Arroganz zu verwechseln. When Saints Go Machine stehen ganz am Anfang. Haben sich sehr viel Zeit genommen, das wunderbar verschachtelte und wie eine Wundertüte von skurillen Einfällen überquellende Album »KONKYLIE« aufzunehmen. Von dem wir alle bei »Nordische Musik« so überzeugt waren, dass wir es zu unserem Album des Monats Juli kürten. Natürlich ist es schwierig, diese sehr komplex aufgebauten Songs auf die Bühne zu bringen. Die fein zwischen Tanzbarkeit und Eigensinn oszillieren und auf eine zurückhaltende Art große Gefühle erzeugen, mit freundlicher Unterstützung wehrmauernhoher Synthesizer. Warum die 80er Jahre bei den heutigen Mitzwanzigern eine so große Faszination ausüben, gehört zu den Fragen, die wir heute nicht mehr beantworten müssen. Wir versinken lieber in den herzbrechenden Streicher-Arrangements von »Fail Forever« und der sensiblen Falsett-Stimme von Nikolaj Manuel Vonsild.

Fail Forever – When Saints Go Machine from LaFee Berde on Vimeo.

10. Juli 2011

Siinai, oder: Die Stunde des Siegers?

Draußen dräuen die Wolken über dem Odenwald. Zu diesem Naturschauspiel gehören unbedingt melodramatische Töne und überlebensgroße Gefühle. Mächtige, poetisch, bedeutungsvolle Synthesizer-Klangwelten, wie sie von Siinai erschaffen werden. Das Quartett aus Helsinki bringt in wenigen Tagen sein Debütalbum »OLYMPIC GAMES« beim neuen norwegischen Label Splendour heraus, bei dem unter anderem auch die Elektroniktanzmeister Casiokids und die Lebensangst-Popper Harrys Gym unter Vertrag sind. Wie zu hören ist, hat die bislang weithin unbekannte Band bereits mit Spencer Krug von Wolf Parade bei dessen Nebenprojekt Moonface zusammengearbeitet.

Die Finnen, die im Frühjahr bereits beim dänischen SPOT-Festival positiv auffielen, experimentieren mit einer sehr abgefahrenen Mischung aus 70ies-Synthierock in der Tradition von Vangelis, verkifftem Gegenwelten-Krautrock und Kraftwerk-Einflüssen. Pflegen lustvoll ihre karthatischen Höhepunkte, wie sie Blender-Rocker wie The Cult nicht besser hinbekommen würden. Suhlen sich in der endlosen Wiederholung immergleicher psychedelischer Klangfolgen, nur um triumphierend in Übergröße-Gesten zu explodieren. Betreiben ein Spiel mit Andeutungen, Zitaten und falschen Fährten. Das Video zu »Anthem Part1&2« ist ein Schatzkästlein für Schrullige, die gerne heiteres Symbole-Raten betreiben.

Der Albumtitel ist selbstredend eine Anspielung auf den legendären Oscar-Gewinner des Jahres 1981, »CHARIOTS OF FIRE«, in dem es um die Olympischen Spiele des Jahres 1924 geht und für den Vangelis einen Oscar für die beste Filmmusik gewann. Ich muss gestehen, dass ich »DIE STUNDE DES SIEGERS« alle paar Jahre wieder in nostalgischer Stimmung aus der Stadtbücherei ausleihe und den überwältigendem Synthie-Sound und die auf wahren Begebenheiten basierende Tränendrüsen-Mär von Freundschaft, Glaube und Verzicht goutiere.

06. Juli 2011

Hoffnung und Leidenschaft: Agent Fresco

Arnór Dan Arnársson muss unter irgendeiner Zwangsneurose leiden. Er kann einfach nicht stillstehen. Während der Zwischenanansagen marschiert er manisch auf der Bühne auf und ab, wie ein eingesperrter Eisbär im Zoo. Der Sänger der isländischen Experimentalcore-Band Agent Fresco wirkt angespannt wie ein Pfeil kurz vorm Abschießen. Es ist der letzte Tag einer längeren Europa-Tour, und am nächsten Morgen früh um vier geht der Flieger zurück auf die Vulkaninsel. An diesem warmen Sommerabend im ferienleeren Frankfurt sind höchsten dreißig Leute in den Club das bett gekommen. Aber Arnársson entdeckt bekannte Gesichter im Publikum. Einige sind zum wiederholten Mal auf einem Agent-Fresco-Konzert. Und überhaupt: Langhaarige, Kurzhaarige, Junge, Ältere, Gesetztere, Flippigere. Wie geht das denn zusammen?

Warum das funktioniert, wird im Lauf des Konzertes klar, in dem die ganz in schwarz gekleideten Vier sich geschmeidig wie die Schlangen durch die Stile winden, ohne sich auch irgendwo festlegen zu wollen. Die da heißen: Glamrock, Progressive Rock, Jazziges, Screamo, Metal, Mathpop und Melodrama. Und noch diverse Unterströmungen. Diese disparaten Elemente bilden überraschenderweise kein beliebig zusammengemischtes Stückwerk, sondern ein leidenschaftliches, komplexes Ganzes. In dem die Farbe Schwarz eine bestimmende Rolle spielt, die Melancholie nie vergeht, aber der Trotz und das Aufbegehren in Schönheit den selbstverständlichen Gegenpol dazu bilden. Arnásson erzählt vom Krebstod seines Vaters vor einigen Jahren, und wie diese Erfahrung in die Musik des Quartetts mit eingeflossen ist. Das sehr hörenswerte Debütalbum »A LONG TIME LISTENING« ist Endes vergangenen Jahres in Island herausgekommen. In ihrer Heimat haben die Jungs schon mehrere Preise abgeräumt.

Beschauliches Konsumieren ist hier nicht. Agent Fresco fordern durch ihre Vielseitigkeit und ihre Hingabe. Durch Hoffnung und Leidenschaft. Durch lärmigste Ausbrüche und zarteste Piano-Augenblicke. Schwarz ist hier keine pessimistische, sondern eine hochlebendige Farbe. Das Publikum wird gehörig durchgeschüttelt, die Ohren unerbittlich lärmend und energisch durchgespült. Danach hört man besser. Und andere Dinge als zuvor. Und lächelt vielleicht. Die Band trocknet sich derweil die Gesichter mit schwarzen Handtüchern.

Foto: Leo Stefansson

03. Juli 2011

Mirel Wagner: My heart has no home

Große Freude beim Öffenen des Briefkastens: Ein Päckchen von Quintus von Hamburger Label Bone Voyage/BB*Island! In Zeiten, in denen die großen Plattenfirmen aus Gründen kurzfristiger Kostenersparnis in zunehmenden Maße nur noch digitale Rezensionslinks verschicken, sind es die kleinen Labels, die Wert darauf legen, noch mit dem realen Produkt zu bemustern. So dass man ausführlich im Booklet schmökern kann und sich nicht mit der schnöden Presseerklärung abspeisen lassen muss. Welche von beiden Parteien wird wohl die Musik mehr lieben?, fragt die Polarbloggerin provokant. Blöde, kleinliche Pfennigfuchser! Die paar gesparten Cents werden euer Business nicht retten.

Mirel Wagner also im Päckchen. Eine 23jährige Singer-Songwriterin aus Finnland. Geboren in Äthipien, aufgewachsen in der Nähe von Helsinki, die Eltern mit dem deutschen Nachnamen. Nachtmahrmusik ist ihre Welt, in der sie sich mit katzengleicher Sicherheit bewegt. Nur beim allerersten Reinhören zutieftst dunkelschwarz pessimistisch. Eine Stimme wie ein irrlichternder Sumpfgeist, brüchig, trotzdem stark genug, um dich in die Tiefe zu ziehen, wenn du dich zu nahe heranwagst. Die Gitarre, die Stimme, sonst nichts. Und trotzdem eine ganze Welt. Eine Gegenwelt, schaurig manchmal. In der man verloren gehen kann. In der man das Fürchten lernen mag, ein wenig. So wie in den Märchen der Brüder Grimm, in denen zwar oft das Gute siegt und die Bösen bestraft werden, aber auf fürchterliche Weise. Was ist wirklich mit Aschenputtels hochnäsigen Stiefschwestern passiert? Oder mit Schneewittchens Stiefmutter? Das wollen wir lieber nicht so genau wissen.

Mirel Wagner – No Death by Bone Voyage

Die junge Künstlerin erzählt Geschichten vom Fallen, lakonisch, ohne falsche Larmoyanz. Und fängt die Poetik des Strauchelns ein. Ist in diesem Sinne die Enkelin von Leonard Cohen, die finnische Kusine von Mazzy Star, die schwerblütige Seelenschwester von Kimya Dawson. Und dann ist da noch diese bluesige Südstaatentraurigkeit als starke Unterströmung, die immer in der Schwebe verharrt und in die Schönheit des Schrecklichen einfängt. Poe´sche Schauergeschichten erzählt, von Tod und Teufel. Aber eine ziehende Sehnsucht erzeugt. Da sind so viele merkwürdige Dinge jenseits des Kanals, wo man sich noch nie hingetraut hat. Und was wäre, wenn man in diese flackernde, hexenhafte Welt hineingezogen würde? Aber diese ruhigen Miniatur-Melodramen haben eine Herzklopfen machende Faszination.

BB Island bringt das Debüt von Mirel Wagner dankenswerterweise im Herbst heraus. Mirel ist beim Reeperbahnfestival erstmals in Deutschland unterwegs und wird danach noch eine Tourdates mit 22 Pistepirkko absolvieren. Ich werd da sein, Quintus!

Foto: Aki Roukala

 
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