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Foto nordische Landschaft

27. September 2011

Björkverliebt, beschwingt, betüdelt: Reeperbahn Festival 2011

Weil allen Journalisten, auch den guten, zur Musiknation Island mit entnervender Regelmäßigkeit stets nur Björk und Sigur Rós einfällt, darf ihnen auch einmal ein unerwarteter Lapsus passieren. Bei »Ray´s Reeperbahn Revue«, der täglichen Spielwiese des schwarzhumorigen britischen Entertainers auf dem Reeperbahn Festival, bittet Ray täglich vier Bands auf die Bühne, die er selbst aus einem Pool von rund 200 Kandidaten handverlesen hat. An diesem Samstag befindet sich auch die isländische Indie-Kapelle Dikta darunter, die sich dem herzschmerzigen, heimeligen Gutmenschen-Rock verschrieben hat. »Ach Island«, schwärmt Mr. Cokes, als das Quartett in karierten Hemden neben ihm auf der Couch zum Interview sitzt, »ach Island! Ich war war ja früher mal schwer in Björk verliebt!« Dikta grinsen sich eins, der Björk-Bewunderer rudert wieselflink zurück, »ist ja alles so lange her!«, und erkundigt sich lieber danach, wie man als Musiker auf der nur knapp der Staatspleite entronnenen Vulkaninsel existieren kann: »Schickt uns Geld«, antwortet Sänger Haukur Hauksson trocken. Geldmangel hält die aufrechten Vier aber nicht davon ab, melodramatische Hymnen zu schreiben, die den Vergleich zu Snow Patrol nicht zu scheuen brauchen.

Dikta – Goodbye (Official Music Video) from Dikta on Vimeo.

Um das Verhältnis von Musikjournalisten zu den Objekten ihrer Schreibkunst geht es an diesem Tag bereits bei den Campus-Veranstaltungen auf dem Festival. Zu lernen gibt es wenig, außer mahnenden Ratschlägen: Journalisten, erscheint nicht mit vorformulierten Artikeln zum Interview und fragt niemals! niemals!, wo der Bandname herkommt! Musiker, lügt nicht! Und überhaupt: Respektiert einander! Einfache Einsichten. Und dass hinter jedem Musikjournalisten ein unheilbar infizierter Fan steckt, diese Einschätzung ist anzuzweifeln. Dem einen oder anderen Schreiberling gelingt es durchaus, den nötigen Abstand zum Musiker einzuhalten und nicht in kuhäugiger Bewunderung zu verharren.

Weniger Theorie und definitiv mehr Lebendigkeit gibt es beim dänischen Abend im Indra, dem legendären Club, in dem die Beatles zuerst in der Hansestadt aufspielten. Den Anfang machen bei einbrechender Dunkelheit Darkness Falls: Sängerin Josephine Philip und Basserin Ina Lindgreen haben sich an diesen Abend Herrenverstärkung mitgebracht und versinken wohlig in schwüler B-Film-Melancholie mit viel Gefühl und subtiler Trash-Barschlampen-Attitüde. Hauptförderer der beiden Schneeweißchen- und Schneewittchen-Damen (die eine blond, die andere dunkelhaarig) ist Dänemarks derzeit vielleicht herausragendster Elektronik-Soundtüftler Anders Trentemøller, der das Debütalbum von Darkness Falls auch selbst produziert und auf seinem Label veröffentlicht hat. Zu diesen erotisch aufgeladenen Nachtschwärmereien passt Bourbon sehr viel besser als Bier. Aber wäre ein bisschen früh! Darkness Falls geben die flüchtig-innigen Nachwuchshexen gleichwohl mit Verve.

Darkness Falls – Noise on the line – Live from Onetakeconcerts.com on Vimeo.

Zuckersüß und überkandidelt geht es beschwingt weiter mit Treefight For Sunlight, an diesem Abend die einzig wahren Erben des Electric Light Orchestra, was das dicke Auftragen von Gefühlen angeht. Emotionen in Cinemascope und satte Synthies, Harmoniegesänge, die Dornröschen aus 1.000 Jahren Tiefschlaf aufwecken könnten und eine selbstbewusste, großäugige Naivität sind die Markenzeichen des Quartetts, das äußerlich bewusst verstrubbelt und bescheiden daherkommt. Extrapunkte in der künstlerischen Gesamtwertung gibt es für den Drummer, der Schöngesang und Schlagwerkeinsatz scheinbar mühelos zusammenbringt. Mit Treefight For Sunlight taucht man in ausgefeilte Pastell-Gegenwelten und eigentlich fehlt zum Abschluss nur noch das Feuerwerk, damit man völlig ungehemmt oooooh! und aaaaaah! seufzen kann.

Treefight For Sunlight – What Became Of You And I? (Live Session) from The Line Of Best Fit on Vimeo.

Schnell rübergewechselt ins Café Keese, um den Rest des Auftritts von Firefox AK mitzulerleben, die sich vom Elektronik-Indiegirl zur eleganten Dancefloor-Chanteuse gehäutet hat und wie Juliette Gréco ganz in schwarz gewandet auftritt. Den hippen, urbanen, selbstbewusst-femininen Beat pflegt, der aber an diesem Abend einen Tick zu sehr inszeniert wirkt. Andrea Kellerman hat ihre Gefühle im Champagnerkelch auf Eis gekühlt, pflegt die Coolheit der modernen Großstadtfrau mit Audrey-Hepburn-Zerbrechlichkeit. Ob sie bei Tiffany´s frühstücken geht, das wissen wir nicht, aber Faktum ist, dass die emotionale Temperatur auf der Bühne um mindestens 20 Grad ansteigt, als sie ihren Ehemann Rasmus Kellerman alias Tiger Lou zum Duett mit auf die Bühne bittet. Und sofort ziehende Sehnsucht nach dessen verwundbarer Indierock-Intensität aufkommt.

Firefox AK – Boom Boom Boom from Four Music on Vimeo.

Ganz zum Schluss die unmittelbare Dringlichkeit der Dänen von Kisskisskiss erfahren, die zu sehr später Stunde im Silber mit jungen Augen Richtung frühe 8oer schauen und bei ihren Eltern die Police- und Clash-Platten geklaut haben müssen, aber heimlich auch bei Wham! und Visage hereingehört haben. Den Nachwuchs-Musikern ist an diesem Abend eine schnodderige Abgeklärtheit eigen, als wollten sie sich energisch dagegen verwehren, dass ihnen irgendjemand jemals wieder den Rotz mit dem Taschentuch von der Nase wischt. Die Gitarren stechen wie Hornissen, der Sänger ist müde und betüdelt, aber sehr wohl souverän und die Attitüde gegenüber der vernünftigen Erwachsenenwelt ist definitiv trotzig. Die Beine setzen sich dazu schon fast automatisch in Bewegung.

Kiss Kiss Kiss @ JBL Nite, Bremen from Bryce Williams on Vimeo.

24. September 2011

Krawalle und Liebe: Reeperbahn Festival 2011

Eine seltsame Mischung konträrer Emotionen an diesem Freitag Abend auf dem Reeperbahn Festival: Enttäuschte Fußbfallfans, da St. Pauli ganz unerwartet sein Heimspiel gegen Erzgebirge Aue verloren hat, Kegelclubs aus der Provinz auf Großstadtour mit dem Glanzlicht leichte Mädchen gucken, eine Demo gegen die Vertreibung von Obdachlosen, die einfach nur unter der Brücke schlafen wollten – und jede Menge Musikfans, die sich zwischen den Clubs treiben lassen. Polizeisirenen, blinkerndes Blaulicht und martialisches Auftreten beider Seiten – da passt es doch bestens, als Einstieg die norwegischen Düster-Jünglinge von Honningbarna zu goutieren, die Arbeiterlieder aus den 20ern oder 30ern auflegen, bevor sie wie Wikinger auf Raubzug auf die Bühne stürmen und mit einer energetischen Melange aus Punk und Heftigerem eine Art der gesunden Aggressions-Abfuhr betreiben. Die Honigkinder sind jung und wild und rennen, in ihrer Landessprache singend, alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellt. Sänger und Cellist Edvard Valberg muss fein den alten Apocalyptica-Scheiben gelauscht haben und bearbeitet seinen Cellobogen mit Berserker-Stärke, so dass man sich ernsthaft Sorgen um das gute Teil machen muss. Honningbarna sind die wütenden Kerle aus Kristiansand mit den politischen Texten, wollen Palästina befreien und singen Kinderlieder über Spinnen, und irgendwie scheinen sie aus dem Jahrzehnt gefallen zu sein: In Maggie Thatchers England würden sie bestens passen und wahrscheinlich bei jeder Solidaritätsveranstaltung zu Gunsten der Minenarbeiter spielen. Die Jungspunde lassen das Herz schmerzhaft schneller schlagen.

Sehr viel gesitteter und definitiv stylisher geht es bei den vier dänischen Retro-Elektronik-Popstern When Saints Go Machine zu, die passenderweise im Café Keese aufspielen, wo die Tanzfläche so bunt blinkert wie in den legendären Tagen des Saturday Night Fever. Man würde sich nicht wundern, wenn John Travolta im weißen Anzug mit Schlag um die Ecke böge. Sänger Nikolai Manuel Vonsild ist von überwältigend ungelenker Introvertiertheit und windet sich schlangengleich um sein Mikrofon. Die Dänen halten fast gottesdienstartig die hehren Werte der 80er hoch, mit crooniger Eleganz und hingebungsvollem Hedonismus. Vonsild klingt abweschselnd wie Jimi Somerville und Roland Gift und seine sehr blauen Augen sind so groß wie Zwei-Euro-Stücke und werden im Verlauf des Konzertes immer größer. Die Dänen bewegen sich so geschmeidig und souverän wie Katzen auf Raubzug in ihrem Elektrobeat-Universum – aber sind dabei von einer wunderbar untergründigen Zärtlichkeit zu sich selbst und zur Welt getrieben. Erzählen trotz aller Brüche tröstliche Geschichten. Wie ihr Landsmann Hans-Christian Andersen. Gefällt!

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24. September 2011

Summer Breeze 2011: Samstag – Schwedentag

Melodic Death Metal klingt sehr gut, um in der Mittagshitze langsam in den Tag zu starten und so schaue ich mir zuerst die Göteborger Engel an. Melodic ja, aber wo ist der Death Metal?

Der Sänger Magnus Klavborn grunzt zwar zwischen den längeren gesungenen Passagen mal kurz und die Gitarren sind manchmal ziemlich hart. Aber selbst das fällt bei »Sense The Fire« weg. Ich sah schon Leute zu Metallica Ausdruckstanz vorführen, jetzt seh ich Leute zu Pop bangen. Lustig.

Aber eins muss man Magnus Klavborn lassen: Er kann immerhin singen. Im Gegensatz zu Sabine Scherer, Sängerin der nächsten Band Deadlock, die sich beim ersten Lied zunächst einsingen muss und als sie den Ton dann trifft nicht gerade mit Stimmvolumen glänzt. Zum Glück helfen ihr die zahlreichen Fans, die lauthals mitsingen.

Wie auf dem Breeze 2009 schaffen Grand Magus es wieder, das gerade in Fahrt gekommene Publikum auszubremsen. Ich nutze die Gelegenheit für eine Pause im Schatten.

Danach guck ich im Partyzelt vorbei, wo ebenfalls Schweden spielen – Adept. Passender Name: Sie klingen tatsächlich wie Schüler älterer amerikanischer Hardcore-Bands. Aber da die Band erst 2004 gegründet wurde, besteht noch Hoffnung auf eine eigenständigere Entwicklung. Sie haben auf jeden Fall sichtlich Spaß am Spielen.

Auf der Main Stage feiern die Farmerboys gerade ihre Rückkehr, das einzige Konzert in diesem Jahr. Ich komme rechtzeitig zum letzten Lied – dem wohl größten Erfolg der Band: „Here Comes the Pain“. Dazu Rufe aus dem Publikum nach einem neuen Album – das letzte ist von 2004. Zurecht: endlich mal eine Band mit einem eigenen Stil.

Da die schwäbischen Bauernjungs hier Heimspiel haben, ist die Zuschauermenge bei Demonical im Partyzelt recht überschaubar. Wenn man nichts Neues erwartet, sondern einfach klassischen schwedischen Old School Death Metal, ist man hier genau richtig. Für mich klingt es einfach wie schon einmal gehört.

Die Musik ihrer Landsmänner Wolf ist ebenfalls keine Überraschung. Dass sie von den typischen Heavy Metal Bands der 80er Jahre wie Iron Maiden inspiriert sind, ist allzu offensichtlich. Aber immerhin behaupten sie nicht, was nie Gehörtes zu sein. Und die Kuttenträger können sich auf diesem Festival zum ersten Mal wieder zu Hause fühlen.

Da Metalcore absolut nicht meine Musikrichtung ist und mit As I Lay Dying und Caliban gleich zwei Bands diese Genres auf den Hauptbühnen hintereinander spielen, beschließe ich, das Festival für mich hier zu beenden.

Text: Yvette / Fotos © natte

23. September 2011

Nekrophilie, Euphorie, Phantasie: Reeperbahnfestival 2011

Mit fliegenden Haaren nachmittags gerade noch den Zug nach Hamburg erwischt, den Herrn im Abteil mit literarischen Rätseln entlang der Strecke erfreut (welches Bruderpaar hat seine Jugendjahre in Steinau an der Straße verbracht? Welcher Romanautor stammt aus Gelnhausen?). In der Dämmerung vergnügt die Straßen von St. Pauli entlanggehüpft und um halb neun eine Punktlandung vor der Hasenschaukel auf dem Kiez gemacht. Die Dämmerung, die Dunkelheit, dies sind die Tageszeiten von Mirel Wagner, der jungen finnischen Sängerin, die just an diesem Abend ihr erstes Deutschlandkonzert gibt. Ein freudig aufgeregter Quintus Kannegießer von Bone Voyage/BB*Island übernimmt die Ansage für die Künstlerin, deren Debütalbum in diesen Tagen bei seinem Label erscheint. Mirel Wagners Stimme klingt so, als sei sie in den tiefsten Mangrovensümpfen von Louisiana aufgewachsen, in denen die Grenzen zwischen Toten und Untoten fließend sind und die Gewissheiten schwinden. Gehaucht, zurückgenommen und rauh erzählt sie kleine Schauergeschichten, in denen sexuelle Handlungen mit Toten wegen obsessiver Liebe keineswegs als Perversion erscheinen. Es sind Geschichten vom Fallen in Zeitlupe in bodenlose, tiefschwarze Tiefen. Lebendige Todeswunschmusik. Geht das? Irgendwie schon. Der kleine Club ist voll, und es ist andächtig still.

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22. September 2011

Summer Breeze 2011: Freitag – auf in die Metalschlacht!


Die Bandfolge ist heute sehr gelungen: Singend und jubelnd zieht man mit Turisas in die Schlacht. Doch bald kommt die erste Kriegskritik von Bolt Thrower. Die Hämmer fallen bis die alles zerstörende Katastrophe Kataklysm über uns hereinbricht. Und übrig bleiben die gefallenen Krieger Einherjer. Aber die kommen der Sage nach ins Kriegerparadies, wo der Met in Strömen fließt. Happy End.

… doch bevor die Schlacht beginnt, spielen noch einige Bands, auf die ich neugierig bin, Nervecell zum Beispiel. Sie sind leider nicht besonders originell, aber in dem Fall entschuldbar, da die Vereinigten Arabischen Emirate nicht gerade die Death Metal-Hochburg sind.

Für die meisten beginnt der Freitag jedoch mit Skeletonwitch, eine der eher jüngeren Bands – was das Gründungsdatum (2003) betrifft, nicht das Alter der Mitglieder.

Sie wissen selbst nicht, welche Metalrichtung sie eigentlich spielen: »It seems the only description everyone can agree on is ‘metal’ and that suits us just fine.«, so der Gitarrist Scott Hedrick. Egal, Hauptsache es rockt – denkt sich das Publikum und feiert die Hexengerippe. Ganz passender Name übrigens.

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