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Foto nordische Landschaft

04. September 2011

Katzengesang mit Hasenmaske: Sleep Party People

Wenn Katzen singen könnten, dann würde sich das möglicherweise so anhören wie die schrägen, unberechenbaren Töne von Sleep Party People. Was Katzen als nächstes tun, lässt sich ebensowenig vorhersagen wie die Kapriolen, auf welche die drei Dänen verfallen könnten. Katzengesang ist hier nicht im Sinne von Katzenmusik gemeint, sondern eher in Bezug auf falsettbetonte Unberechenbarkeit. Sleep Party People erschaffen elektronische Kunstmärchen, die nicht weniger hintergründig ausfallen als das Gesamtwerk von E.T.A. Hoffmann oder Wilhelm Hauff. Also sehr 19. Jahrhundert, sehr romantisch sich in lichten Weiten verlierend, auf der Suche nach der unerreichbaren blauen Blume. Das Unheimliche schleicht sich aber hier hinterrücks heran wie ein bucklig Männlein ins Plüsch-Melodram. Nur dass die genialischen Künstler hier mit Laptops daherkommen und hochartifizielle, gleichwohl maunzige Gegenwelten erschaffen. Die Elektronik ist die neue, die wunderliche Innerlichkeit.

SLEEP PARTY PEOPLE – A Sweet Song About Love (by Tracy Maurice) from Brian Batz on Vimeo.

Nun denn! Bei ihrem Konzert in den Schwanengesangtagen des Offenbacher Hafen 2 (wird abgerissen, die Finanzierung des Neubaus ist gerade zur Hälfte geschafft, wem die Erhaltung von Indiepopkultur im besten Sinne am Herzen liegt, der möge bitte spenden!), hüllen sich die drei Protagonisten in schwarze Hoodies und Hasenmasken, mit sachte wippenden Ohren, was einen durchaus die Musik unterstützendes sanftes, lautloses Rauschen erzeugt. Einfach zu goutieren ist es nicht, was das Trio, angeführt von Mastermind Brian Batz, hier erzeugt: Eigenwillige Neuinterpretation, die selbst vor dem abgegriffensten Kitsch nicht zurückschreckt. Der Blick ins Youtube-Schatzkästlein ergibt, dass Sleep Party People tatsächlich eine pianodominierte Interpretation von Stille Nacht, Heilige Nacht eingespielt haben! Darauf verzichten die Drei aus dem Königreich im Spätsommer weise, um uns auf anderen Pfaden auf Abwege zu locken, so wie die Hexe die verirrten Kinder per Pfefferkuchenhaus in die Falle dirigiert. Mit Sirenenstimme, in diesem Fall!

Ohne Vocoder wäre Brian Batz so nackt wie Juliette Gréco ohne Lidstrich. Die Lust am Verfremden, sie steckt an ihrem Spaß am Schaffen von Paralleluniversen, die süß locken wie die Loreley. Herr Batz gestikuliert und fleht die Soundmänner an um mehr Licht, um mehr Wärme, um mehr Präzision an. Vor 20 Zuhörern an einem Wochentag, an dem der Mond über dem Main schief hängt wie eine kullernde Weinflasche. Man fremdelt zunächst mit dieser sehr künstlichen, sehr gefühligen Musik, den artifiziellen Tönen, der spielerischen Versteckerei. Und dann kommt irgendwann der Punkt, an dem sich die Leidenschaft hier glutvoll einschleicht, die großen Gefühle mannshoch werden, und man sich bedingungslos ergibt und denkt, dass Andeutungen und nicht Tatsachen das Herz schneller schlagen lassen. Man kann es nicht wirklich greifen, was sich hier tut. Es ist dekadent, es ist überzüchtet, es ist merkwürdig und es ist irgendwie großartig.

Sleep Party People – Notes To You from Speed Of Sound on Vimeo.