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Foto nordische Landschaft

30. Oktober 2011

The Aftermath: Ein letzter Blick zurück auf Iceland Airwaves 2011

Lange schon wieder zurück aus Reykjavik vom schönsten Festival von allen, von Iceland Airwaves. Die großen Nachwellen verplätschern ganz langsam, aber immer noch tauchen Fragmente und Bruchstücke auf. Und man denkt »schade, dass ich diese Band nicht live gesehen habe!« beim genussvollen Hineinhören in all die Alben, die man einfach kaufen musste, weil sie einem unwiderstehlich anlachten oder weil Freunde Empfehlungen ausgesprochen hatten. Vor allem läuft derzeit, passend zum Beginn der Winterzeit, der schwerelose Traumtänzerpop von Vigri, einem Rekjaviker Quintett, das auf Katzenpfoten daherkommt. Und feierliche, feine, graublaue Stimmungsbilder malt, in denen die hektische Welt allmählich zum Stillstand kommt und die Glocken der Hallgrímskirkja in Reykjavik den Abend einläuten. Vigris Debütalbum »PINK BOATS« ist bereits im Sommer in Eigenregie erschienen, und bezieht sich auf eine Vision der Band: Eigentlich sollte die rote isländische Abendsonne doch alle weißen Boote auf dem Meer rosa färben!

Vigri – Sleep from Iceland Music Export on Vimeo.

Und schade, dass ich den heftigeren Tönen von Vicky nicht live gelauscht habe, dem stylish-coolen Mädelspunkpop in Dunkelschwarz für die Stunden nach Mitternacht, voller heftiger Ausbrüche und hysterischem Retro-Appeal. Wie zu hören war, spielen die Enkelinnen von Grace Slick und Siouxie Sioux eine krachige Show. Fehlte gerade noch, dass sie die Peitschen schwingen!

Vicky – Feel Good from Iceland Music Export on Vimeo.

Schade, dass ich Ólafur Arnalds im Nordic House verpasst habe, wo er vor einem knallevollen Saal eine einfühlsame Performance gegeben hat, wie glaubhaft geschildert wurde. Aber das ist eben das Verflixte an Airwaves: Einfach unmöglich, an zwei oder drei Orten gleichzeitig zu sein! Wer sich via Konzertfotos einen Eindruck vom Festival bilden will, dem seien die Aufnahmen des befreundeten Fotografen Florian Trykowski ans Herz gelegt, der in diesem Jahr zum ersten Mal mit dabei war und dessen Fotos ich hier auch verwenden darf. Am einfachsten Stöbern auf seiner Facebook-Seite!

Nun, aber es war ja nicht so, dass der letzte Airwaves-Tag anm Sonntag so ganz ungenutzt vorbeistrich! Noch ein letztes Mal im KEX vorbeigeschaut und den Postrockern Miri gelauscht, die auf unberechenbare Weise auf der Bruchkante zwischen Rock, Country, Blues und experimentellem Erkunden balancieren und immer für selbstironisch glitzernde Überraschungen gut sind. Wenn man nicht selbst über sie lachen muss, denn der Bassist sieht genauso aus, wie sich die kleine Lea-Sophie einen Wikinger vorstellt, ein Trumm von einem Kerl mit wildem Bart und wallendem blonden Haupthaar. Der Gitarrist hoppst im schlimmsten 70er-Jahre-Style-Unterhemd über die Bühne, das Muster macht sprachlos vor Entsetzen.

Lieber denkt man da an die traditionelle Sause am Samstag in der Blauen Lagune zurück, wo traditionell der größte Teil der Festivalgäste zu Club-Musik im heißen blauen Wasser suhlt!

Entspannt ausklingen lässt sich der Nachmittag im neuen Konzerthaus Harpa, wo Hellvar im Foyer aufspielen und samtpfötig-akustisch daherkommen, so dass man glauben könnte, diese braven Folkpopper könnten kein Wässerchen trüben! Weit gefehlt: Sängerin Heiða Eiríksdóttir und ihre Kollegin Alexandra mögen zwar an diesem Nachmittag buntbestrumpft im Röckchen daherkommen und und hymnisch-harmonisch singen, aber eigentlich sind Hellvar eine Rockband, wie am Titel ihres ersten Albums »BAT OUT OF HELLVAR« unschwer zu erkennen ist, das übrigens im fernen Berlin aufgenommen wurde. An diesem Nachmittag mit dem famosen Sonnenuntergang vor den Fenstern aber lassen wir uns von den Isländern die Seele streicheln.

Graffiti in Reykjavik from Jessie on Vimeo.

Abends nochmal tüchtig die Ohren durchpusten lassen mit dem Berserker-Postrock von We Made God, der sich vor lauter Lust an der gewalttätigen Form der Revolte gleichwohl nicht nehmen lässt, auch die gefühligen Zwischentöne anzustimmen und zwischendurch kurzzeitig ins Träumen zu verfallen. An diesem Abend im Punkclub aber sind die Jungs auf Krawall gebürstet. Um die Stimmbänder des Sängers muss man sich ernsthafte Sorgen machen! Lieber das Festival ganz zum Schluss mit dem majestätisch coolen Reggae von Hjálmar ausklingen lassen, die streng genommen nicht im offiziellen Programm vertreten sind, aber eben Off-Off-Venue spielen. Reykjavik ist heute zu später Stunde ein Stadtteil von Kingston, entspannt und lässig. Das gesamte isländische Publikum singt mit, wippt mit, das Bier fließt in Strömen, das Kondenswasser läuft von den Wänden, und irgendwann wankt man erschöpft und glücklich gen Bett und zuckt immer noch mit den Hüften.

I gegnum moduna from Hjálmar on Vimeo.

(Fotos: ©floriantrykowski.com)

16. Oktober 2011

We´ll be singing songs! Iceland Airwaves 2011

Wie wunderbar! Eine Band genau dort ankommen zu sehen, wo sie hingehört: In einen Saal mit bester Akustik und um die 500 aufmerksam lauschenden und leicht zu euphorisierenden Zuhören. Auf der Bühne: Vier junge Dänen mit verklärten Gesichtern: Treefight For Sunlight. Die Größe des Raums kommt dieser bewusst dick aufgetragenen, sentimentalen Reise durch plüschige Emotionen ungemein entgegen. Ihre Glitzerball-Discohymne »What Became Of You And I« tönte hier dem Iceland-Airwaves Festival vor Konzertbeginn aus jedem zweiten Lautsprecher. Treefight For Sunlight haben hier endlich den Raum, ihren Falsett-Schöngesang sich majestätisch entwickeln zu lassen. Und sie nutzen ihn mit Verve. »Ach, so muss das richtig klingen!«, denkt man erstaunt, wenn man die Band bislang nur in kleinen Clubs mit niedrigen Decken erlebt hat. »We´ll be singing songs!« , stellten die Dänen so einfach wie selbstverständlich klar.Der große Saal im Harpa kocht über, als Treefights mit ihrem Cover von Kate Bushs »Wuthering Heights« überraschen und singt textgenau mit. Selbst diejenigen, die 1978 noch lange nicht geboren waren! Überhaupt ist der Airwaves-Samstag der Tag der Dänen.

Denn ganz spät zettelt die blutjunge dicke-Lippe-Retropunktruppe Iceage im bereits schweiß- und biertriefenden Club Gaukur Á Stöng mächtig Randale an mit ihrer präzisen und gleichzeitig anarchischen Mischung aus Old-School-77, Goth und Hardcore. Kein Song, der die Drei-Minuten-Grenze überschreitet. Kein Song, in dem sich der Dennis-The-Menace-Wiedergänger-Sänger nicht bis zum völligen stimmlichen Ruin verausgabt. Zeit zum Atemholen bleibt nicht, hier geht es aufs Ganze, scheppernd, kraftvoll, unerwartet dicht. Widerstand umöglich. Der halbe Club pogot, Stagediving ist wegen der niedrigen Decke lebensgefährlich. Gegen diese aufmüpfige Oberschultruppe wirken die Toten Hosen wie Miss Sophie und ihr Butler James.

Iceage – Youre Blessed from iceage on Vimeo.

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15. Oktober 2011

I hope we mean something: Iceland Airwaves 2011

»I hope we mean something, I hope we mean something!«, singen Team Me mantragleich an diesem grauen Nachmittag im Nordic House. Stellvertretend wohl für all die vielen Bands, die auf dem Iceland Airwaves Festival spielen. All die Bands, die man beim besten Willen nicht alle live erleben kann, alle wollen sie einen Eindruck hinterlassen und der vielköpfigen norwegischen Schrulligpop-Kapelle gelingt dies mit schierer Lebendigkeit und euphorisierendem Schrägspiel. Sängerin Synne hüpft auf begrenztem Raum wie eine Hummel im Honigglas, und einer der Sänger erzählt mit verklärtem Blick, dass er Owen Pallett getroffen und ihm das eben erschienene erste Team-Me-Album verehrt hat. Wenn die unberechenbare Großgruppe in dem Tempo weitermacht, spielen sie bald als Vorband von Arcade Fire!

Das Kontrastprogramm, das ist es, was die Festivaltage so kurzweilig und aha-effektig macht: Der Freitag startet mit Sindri Eldon, einem bärbeißigen, gleichwohl auf seine Weise stylishen Verlierer-Rocker, der das mit Abstand bislang scheußlichste Hemd des Festivals mit Anstand trägt. Knochentrocken und fokussiert kommen die Songs daher, auf das Rock-Grundgerüst reduziert: Gitarre, Bass, Schlagzeug. Es geht um verkorkste Beziehungen und ins Leere laufende Lebensentwürfe, die alte Geschichte, aber angenehm selbstironisch dargeboten. Selbstmitleid ist etwas für Weicheier, Selbstliebe in harten Zeiten etwas für echte Männer!

The Ugly Truth by Sindri Eldon

Die wunderbaren dänischen Mimas sollten zwar an diesem Nachmittag in Reykjavik spielen, aber sie tun es leider nicht. Warum? Snævar Njáll Albertsson, der Sänger von Mimas, tritt hier mit seinem Solo-Projekt Dad Rocks! an und erklärt warum: Kaum sind Mimas in Island gelandet, setzen bei der Freundin des Drummers verfrüht die Wehen ein. Der werdende Papa nimmt selbstredend den nächsten Flieger zurück nach Dänemark – alles bestens inzwischen mit Mama und Nachwuchs, aber die Airwaves-Auftritte von Mimas fallen aus. Albertsson aber bleibt, was vom unterschwelligen Thema der Kapitalimuskritik der Dad Rocks!-Songs her bestens ins Zeitgeschehen passt. Weltweit marschieren die Menschen gegen die Zerstörungspolitik der Banken, Albertsson singt dagegen an. Der blasse junge Mann mit dem altväterischen Bart fühlt sich sichtlich wohl, vor heimischem Publikum zu spielen, hat sich Bläser und Streicher mit auf die Bühne gebracht, und holt weit aus mit seinen leidenschaftlichen Anti-Hymnen, die mitunter an die folkige Protestler-Naivität der ganz frühen Simon and Garfunkel erinnern. »A slap in the face with all this human waste that is unavoidable in times of progress. Security fears with all these ships at piers filled with people in need of arrest.«

Take Care by Dad Rocks!

Freitag und Samstag sind die Hauptfestivaltage. Ist es wirklich in diesem Jahr so überfüllt in den Clubs, dass es zum Teil schon keinen Spaß mehr macht?, wird am Rande immer wieder diskutiert Ja und nein. Die kleineren Locations wie die Jugendherberge am Hafen oder In-Orte wie das KEX sind so voll, dass häufig kein Hereinkommen mehr ist. Gleichzeitig aber spielen Musiker zwei Straßen weiter im Straßencafé vor zehn Leuten. Nicht so einfach zu beantworten also. Dass das Nordic House seinen Veranstaltungsraum in diesem Jahr verkleinert hat, war keine wirklich weise Entscheidung. Bei der norwegischen Chanteuse Jenny Hval und ihrer Band sitzen die Zuhörer dicht gedrängt am Boden und lauschen den Nachtschatten-Moritaten dieser experimentellen Bänkelsängerin und modernen Ausgabe einer marodierenden Seeräuber-Braut. Ausufernde Songstrukturen, stimmliche Achterbahnfahrten, anspruchsvolle Kost. Manch jüngerer iPhone-Tastenhämmerer im Publikum guckt leicht überfordert.

Jenny Hval – Blood Flight (official video) from Jenny Hval on Vimeo.

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14. Oktober 2011

It´s difficult, I told you: Iceland Airwaves 2011

20 Stunden dauert es per Boot, um von den Faröer Inseln bis nach Island zu gelangen. Wieder etwas gelernt. Von Guðrið Hansdóttir, der folkpoppigen Sängerin von der Inselgruppe mitten im Atlantik, die in der wunderbaren Kammermusik-Atmosphäre der Off-Venue-Konzerte im Nordic House auftritt und nur ihren Schlagzeuger zur Unterstützung mitgebracht hat, den sie vor lauter Aufregung vorzustellen vergisst. Der Wind bläst ums Haus und drückt das Gras auf den Sumpfwiesen platt, und Frau Hansdóttir wärmt uns mit Gitarre und Stimme. Die Musik ist von ernsthafter Schönheit und gemahnt in dieser knappen halben Stunde sehr an den Folk-Aufbruch der 60er, sehr in der Tradition von Joan Baez. Die einfachen Geschichten erzählen, darum geht es hier. Wie die von den Gedanken, die sich ein Fischer von den Faröern übers Ertrinken macht.

Pétur Ben dagegen steht wie ein Storch auf dem Stuhl und lässt die Konzertgänger »lalalala« singen zu dezidiert unzüchtigem Liedgut, und seine Augen glitzern dabei diabolisch. Der isländische Singer-Songwriter gibt den Kobold, gibt Pumuckl als Erwachsenen, mit einer sichtlichen Lust am zivilen Ungehorsam. Nichts hier mit bravem Bardentum für den Streichelzoo, Herr Ben ist rotzfrech und erzählt Enid-Byton-Abenteuergeschichten für Erwachsene, durchaus traurig endende, die Haare wild verstubbelt. Zum Beispiel darüber, wie schwierig es ist, auf Tour durch Städte wie Ludwigshafen und Aalen Kontakt mit Weib und Kindern per Skype zu halten, wenn die Angetraute weit weg in Island dieses unverschämt scharfe Kleid trägt. »It´s difficult, I told you«.

Pétur Ben from Inspired By Iceland on Vimeo.

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13. Oktober 2011

Pathos & pladdernder Regen: Iceland Airwaves 2011

Es passiert jedes Jahr: »Pünktlich zum Iceland-Airwaves-Festival schlägt das Wetter um und wird eklig« sagt Kjartan, einer der beiden Gitarristen der isländischen Postrocker For A Minor Reflection, beim Auftritt der Band im KEX, der ehemaligen Keksfabrik mit wundervollem, weiten Blick über die Bucht von Reykjavik. Genauso ist es: Hatte noch am Vortag eine intensive Oktobersonne die karge Landschaft in ein fast unwirklich klares, leuchtendes Licht getaucht, so bläst am Mittwoch ein böiger Regen mitleidlos kalte Schauer von allen Seiten ins Gesicht. Die Polarbloggerin hatte noch schlau sein wollen und einen Regenschirm mit eingepackt, aber das gute Teil nützt rein garnichts, weil der Wind es ständig umstülpt. Falsch gedacht!

Den Auftakt am ersten Festival-Tag bilden GusGus und zelebieren mit gewohnter Souveränitat ein Festival des stylishen Dancefloor-Hedonismus, zu dem sich die Hüften schlangengleich in Bewegung setzen. Erfreulicherweise mit dabei: Urður »Earth« Hákonardóttir, die mit ihren unterkühlten Vocals Akzente setzt, die wie Eiswürfel im Glas klirren. Im KEX ist es so voll,dass Tanzen leider ummöglich ist. Besonders ärgerlich ist der Trend der Konzertbesucher zur ständigen Selbstreferenz: Vor lauter in die Luft gereckten Kameras bekommt man von GusGus nur die Hälfte mit. Schön, dass alle beweisen können, dass sie da waren! Einfach nur zuhören und genießen, das scheint außer Mode zu kommen. Draußen stürmt es so heftig, dass die Berge hinter einem Regenschleier verschwinden, drinnen gehen die Schöngeist-Elekroniker ihrem Tagwerk nach – elegant, cool, überzüchtet.

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