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Foto nordische Landschaft

13. Oktober 2011

Pathos & pladdernder Regen: Iceland Airwaves 2011

Es passiert jedes Jahr: »Pünktlich zum Iceland-Airwaves-Festival schlägt das Wetter um und wird eklig« sagt Kjartan, einer der beiden Gitarristen der isländischen Postrocker For A Minor Reflection, beim Auftritt der Band im KEX, der ehemaligen Keksfabrik mit wundervollem, weiten Blick über die Bucht von Reykjavik. Genauso ist es: Hatte noch am Vortag eine intensive Oktobersonne die karge Landschaft in ein fast unwirklich klares, leuchtendes Licht getaucht, so bläst am Mittwoch ein böiger Regen mitleidlos kalte Schauer von allen Seiten ins Gesicht. Die Polarbloggerin hatte noch schlau sein wollen und einen Regenschirm mit eingepackt, aber das gute Teil nützt rein garnichts, weil der Wind es ständig umstülpt. Falsch gedacht!

Den Auftakt am ersten Festival-Tag bilden GusGus und zelebieren mit gewohnter Souveränitat ein Festival des stylishen Dancefloor-Hedonismus, zu dem sich die Hüften schlangengleich in Bewegung setzen. Erfreulicherweise mit dabei: Urður »Earth« Hákonardóttir, die mit ihren unterkühlten Vocals Akzente setzt, die wie Eiswürfel im Glas klirren. Im KEX ist es so voll,dass Tanzen leider ummöglich ist. Besonders ärgerlich ist der Trend der Konzertbesucher zur ständigen Selbstreferenz: Vor lauter in die Luft gereckten Kameras bekommt man von GusGus nur die Hälfte mit. Schön, dass alle beweisen können, dass sie da waren! Einfach nur zuhören und genießen, das scheint außer Mode zu kommen. Draußen stürmt es so heftig, dass die Berge hinter einem Regenschleier verschwinden, drinnen gehen die Schöngeist-Elekroniker ihrem Tagwerk nach – elegant, cool, überzüchtet.

For A Minor Reflection sind die zweite Band im KEX, und die Vier wiederzusehen ist wie ein erleichtetes Atemholen. Endlich! Es ist viel zu lange her! Dem Quartett, das genau an diesem Mittwoch in Island eine neue EP herausbringt, kann man quasi beim Erwachsenwerden zusehen: Die bisherigen Alben alle in Eigenregie organisiert und finanziert, viel getourt und sich dabei noch künstlerisch weiterentwickelt. Ringe unter den Augen bei sämtlichen vier Protagonisten. Gúffi, Pianist und Gitarrist, ähnelt der an diesem Nachmittag mit bleichem Gesicht und rabenschwarzen Haar mehr einem Edelvampir als alle Möchtegern-Edward-Cullens dieser Welt. Das Piano schiebt sich immer weiter in den Vordergrund: Diese Mitzwanziger sind romantisch, pathetisch und haben den Mut zur großen Geste, ohne Scheu vor leidenschaftlicher Hingabe. Das muss man sich erstmal trauen!

Vielleicht liegt es an der Intensität und der Lust an den Zwischentönen von For A Minor Reflection, dass beim Auftritt von Porquesí im Backpackers Hostel an der Hauptstraße keine Funken sprühen – das halb britische, halb isländische Quartett spielt noisigen, ausufernden (Post)Rock in einer derartigen Lautstärke, dass sich die Polarbloggerin erstmal Ohrstöpsel organisieren muss. Schräge, unbequeme Töne, die niederwalzen wie ein Bulldozer. Es ist eine gewisse Sensibilität hier auszumachen, aber an diesem grauen Nachmittag ertrinkt sie leider in Lärm. Wir leiden, wir wehren uns, wir tun weh.

Porquesi – Obvious Harmony from Jack Hussey on Vimeo.

Lieber nochmal tüchtig nass werden und rüberhüpfen ins KEX, denn die Band hatte einfach vom Namen her gefallen: Just Another Snake Cult sind eine dieser zahlreichen isländischen Goßgruppen, bei denen man nur mühevoll feststellen kann, wie viele Männlein und Weiblein sich hier auf der Bühne tummeln. Die quietschlebendige Hippietruppe stellt sich als die isländischen Enkel von Dexy´s Midnight Runners heraus: Übermütig und neugierig wie ein Rudel junger Beagels kommen die Multiinstrumentalisten daher, und es liegt ein angenehmes Dauerlächeln in der Luft. Man möchte Chachacha! rufen angesichts dieser fröhlich-anarchischen Hippie-Gruppendynamik. Hurra! schreien bei diesen Vollbremsungs-Tempowechsel. Und schniefen vor Freude, dass die psychedelisch angehauchten Acht den Disco-Kitsch so gekonnt mit Fiedel-Folk mischen. Schöne Sache, mehr davon!

Wenn der wunderbarste Plattenladen der Welt, nämlich 12 Tónar, anlässlich des Festivals improvisierte Auftritte im Store veranstaltet, dann geht man einfach hin,ohne jemals zuvor von der auftretenden Band gehört zu haben. »So eine Musik hast du im Leben noch nicht gehört, sagte einer der Betreiber auf Nachfrage, was einem denn zu erwarten hat. Und so ist es: Hamlette Hok spielen laut eigener Beschreibung abstrakten Techno-Rock, aber das trifft die Dinge nur halb. Eine endlose Songstruktur, rückkoppelnde Gitarre, experimenteller Bass. Dazu jede Menge tribales Schlagwerk vom Bong bis zum Klangteller, die von den drei Musikern mit großer Sorgsamkeit traktiert werden. Das Trio kauert den größten Teil dieser erstaunlichen halben Stunde auf dem Boden und entwirft Klänge von archaisch ausgefuchster Schönheit, völlig unberechenbar. Das Publikum ergreift zu großen Teilen die Flucht. Klar, hier müsste man zur Abwechslung intensiv zuhören und nicht ständig per iPhone Status-Aktualisierungen gen Facebook schicken! ;) Am Ende sind die Musiker erschöpft. Das sichtlich heraugeforderte Publikum auch! Sami Sanppäkkilä vom finnischen Fonal-Label hätte hier seine Freude gehabt.

Vorm Start des Abendprogramms doch unbedingt noch Samaris erleben wollen. Denn durch die Songs des Trios huschen Fledermäuse. Eine eigenwillige Besetzung: Laptop, Klarinette, traumtänzerisch-mystische Vocals. De beiden Musikerinnen sind in schwarze Flatterkutten gewandet, treten strumpfig, um besser geerdet zu sein? Die kaum 20jährig Sängerin Jófríður Ákadóttir zuppelt nervös an ihren Haaren, als könne sie auf diese Weise Flachs zu Gold spinnen und klingt in Momenten wie die ganz junge Björk. Nebelschwaden wabern über verlassene Landschaften, und einzigen Halt auf schwankendem Boden bildet die zerbrechlich-kräftige Stimme der Sängerin. Samaris klingen so, als habe man Emily Brontes Roman Stümhöhe nach Island verlegt und mit einem triphoppigen Soundtrack unterlegt. Puuh!

Hljóma Þú EP by Samaris

Vom Abendprogramm bleiben vom Regen verwischte Eindrücke: Die neuen Lokalhelden Lockerbie, die mit großer Geste ausholen, um im völlig überfüllten Club NASA ihre Version der Großen Rockmusik vorzustellen. Gefühl und Härte, Pathos und Hemdsärmeligkeit. Das neue Konzerthaus Harpa glitzert im Sturm und Feuchtigkeit und bietet von innen einen atemberaubenden Blick aufs offene Meer. Man könnte stundenlang gucken! Vom Abend bleiben vor allem die frechen Nerd-Tüftler Nolo, die einen schlunzigen Kleine-Strolche-Blick auf den Alltag werfen und respektlos ihre eigenen Schlüsse ziehn. Computertüftel-Musik muss Spass machen! Sie haben erst ein Abum herausgebracht, das allerdings vergriffen ist, und die wenigen verbleibenden Restexemplare haben die beiden in schönster Eintracht zuhause vergessen! Vom Abend bleibt Sóley, die mit wunderlich puckernden Song-Miniaturen in den Schlaf lullt, zu dem der Regen rauscht, endlos.

Nolo from Icelandic Film School on Vimeo.

Fotos: ©floriantrykowski.com

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