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Foto nordische Landschaft

14. Oktober 2011

It´s difficult, I told you: Iceland Airwaves 2011

20 Stunden dauert es per Boot, um von den Faröer Inseln bis nach Island zu gelangen. Wieder etwas gelernt. Von Guðrið Hansdóttir, der folkpoppigen Sängerin von der Inselgruppe mitten im Atlantik, die in der wunderbaren Kammermusik-Atmosphäre der Off-Venue-Konzerte im Nordic House auftritt und nur ihren Schlagzeuger zur Unterstützung mitgebracht hat, den sie vor lauter Aufregung vorzustellen vergisst. Der Wind bläst ums Haus und drückt das Gras auf den Sumpfwiesen platt, und Frau Hansdóttir wärmt uns mit Gitarre und Stimme. Die Musik ist von ernsthafter Schönheit und gemahnt in dieser knappen halben Stunde sehr an den Folk-Aufbruch der 60er, sehr in der Tradition von Joan Baez. Die einfachen Geschichten erzählen, darum geht es hier. Wie die von den Gedanken, die sich ein Fischer von den Faröern übers Ertrinken macht.

Pétur Ben dagegen steht wie ein Storch auf dem Stuhl und lässt die Konzertgänger »lalalala« singen zu dezidiert unzüchtigem Liedgut, und seine Augen glitzern dabei diabolisch. Der isländische Singer-Songwriter gibt den Kobold, gibt Pumuckl als Erwachsenen, mit einer sichtlichen Lust am zivilen Ungehorsam. Nichts hier mit bravem Bardentum für den Streichelzoo, Herr Ben ist rotzfrech und erzählt Enid-Byton-Abenteuergeschichten für Erwachsene, durchaus traurig endende, die Haare wild verstubbelt. Zum Beispiel darüber, wie schwierig es ist, auf Tour durch Städte wie Ludwigshafen und Aalen Kontakt mit Weib und Kindern per Skype zu halten, wenn die Angetraute weit weg in Island dieses unverschämt scharfe Kleid trägt. »It´s difficult, I told you«.

Pétur Ben from Inspired By Iceland on Vimeo.

Zu den Unwägbarkeiten des Iceland Airwaves Festivals gehört es, dass zuweilen nachmittas Off-Venue-Konzerte so völlig überlaufen sind, dass man sich bei bestem Willen nicht mehr hereinquetschen kann. So geschehen an diesem Nachmittag in der Jugendherberge am Hafen bei den verspielten Folkpoppern Of Monsters And Men. Hm, werden die temperamentvollen Jungspunde per Mundpropaganda gerade gehypt? Im vergangenen Jahr spielten sie noch for zwölf Hanseln in obskuren Bars. Abends im KEX ist bei den Monstern ebenfalls kein Hereinkommen. Mal sehen, ob es der Polarbloggerin in diesem Jahr noch gelingt, die Spaßtruppe live zu erleben. Proppenvolle Veranstaltungsorte aber sind bei diesem Überangebot an Veranstaltungen kein Problem: Schlendert man eben die paar Schritte hinüber ins Kunstmuseum und hört Hjaltalín beim Soundchecken zu, oder zurück zur Haupstraße Lauguvegur, wo Owen Pallett ebenfalls beim Soundcheck im Kaffibarinn zu erleben ist. Oder stolpert in den Buchladen hinein, wo dem US-Folkduo Low Roar in Schönheit und Enttäuschung die Herzen brechen. Hach!

Für Fans des heimeligen Plattenladens 12-Tónar sind die kleinen In-Store-Konzerte ein Muss. Þórir, de Mann hinter My Summer As A Salvation Soldier, erzählt, nur von der Gitarre begleitet, wunderlich-selbstironische Alltagsstückchen, kleine Folk-Miniaturen, heruntergebrochen auf das Wesentlich. Der Barde trägt Wollpullover und Bart, und man würde ihn sofort als starken großen Bruder adoptieren. Viel chaotischer geht es weiter mit O-Yama, einer Ein-Mädel-Drei-Jungs Gitarrenschepperkapelle bei ihrem allerersten Auftritt überhaupt. Zwei Monate Bandgeschichte auf dem Buckel, vier Songs zusammengebastelt. Beim Gig geht so ungefähr alles schief, was nur schiefgehen kann: Verpatzte Einsätze, verstimmt Gitarren, umstürzende Instrumente und schiefe Töne, aber hey! Sollte die Truppe jemals berühmt werden, dann waren ich und 15 andere bei ihrem allerersten Gig dabei! O-Yama fallen so geniale Reime ein wie: »When I woke up everything was fucked up«. Noch Fragen? So viel gelacht wurde noch bei keinem Konzert. Wie die Kirmes-Schlunzer-Truppe klingt, muss sich jeder selbst zusammenreimen, es gibt weder Website noch Songschnippsel irgendwo in den Weiten des Web.

Noch ein paar kurze Beobachtungen zur isländischen Frauenmode des Herbstes 2011: Frau trägt Dutt, eine etwas angepunkte Version des Oma-Knödels auf der Kopfmitte, aus der die Strähnen unkontrolliert herausquellen. Ganz wilde Hummeln tragen vier bis fünf Knödelchen und sehen aus wie eine garstige Mischung aus Prinzessin Leia und und der Kleinen Myy von den Mumins. Dazu wie gehabt: Flohmarktröckchen, quietschbunte Strümpfe, und: Knöchelhohe Stiefelchen á la Mary Poppins, mit turmhohen Absätzen. Bei starkem Wind (also: meistens!) wird eine russische Pelzmütze dazu über das Köpfchen gestülpt. Apart!

Die Entdeckung des Abends (und der Beginn einer wunderbaren Liebesgeschichte vielleicht?) ganz zu Anfang: Raised Among Wolves sind eine siebenköpfige Orchester-Märchenerzähltruppe aus Kopenhagen, gehüllt in Phantasiekutten wie der kleine Max in »Wo Die Wilden Kerle Wohnen« (mit Ohren an der Kapuze!)

Spielen sehr euphorisierende, sehr handgemachte, sehr zärtliche Schrulligpopmusik, die abheben lässt. Glockenspiele klingeln, die Trompete schmettert triumphierend, das Banjo puckert und die Gefühle schlagen Seifenblasen. Die Dänen erinnern ganz von Ferne an die heidnische Unbedingtheit von British Sea Power, aber ohne deren Wildheit. Schlagen Haken wie die Füchse, klatschen rhythmisch in die Hände und brechen unvermittelt in hymnische Schöngesänge aus, dass einem nur so die Nackenhaare hochstehen. Lassen eine Stimmung entstehen, bei der immer unbekümmerter Freitagabend ist und wo Überraschungen hinter jeder Straßenecke explodieren können wie Feuerwerkskörper. Raised Among Wolves scheinen instinktiv alles richtig zu machen – entstehend aus heftig harmonisierenden und inspirierenden Zusammenspiel. Die Menge schreit, »oooooh schade«, beim letzten Stück, und man denkt, »ach, wär schön, wenn sich die ganze Truppe jetzt zum Abschluss umarmen täte!«, und genau das tun sie Sekunden später, strahlend.

Ein stürmischer Abend in Reykjavik. An dem man sich wärmt an der temperamentvollen Folkpoppern Nóra im Harpa (Foto oben: Und schade, dass man hier nicht tanzen kann), steht gedrängt bei Sin Fang und bestaunt die Entwicklung von Sindri Már Sigfússon (foto unten) vom schüchtenen Folkpopper zum angehenden Rocker und lässt den zweiten Festivstag in der Kirche ausklingen, bei Jóhann Jóhansson, auf den ich mich ganz besonders gefreut hatte. Filmmusik, pianodominiert, elektronisch verfrickelt, von Streichern zum Leuchten gebracht. Gedanken nachhänge, Nebenpfade einschlagen, forttreiben lassen wie ein Luftballon. Dazu laufen experimentelle Kurzfilme, flüchtige Bilder, vorbeihuschende Emotionen. Ja, diese Musik ist karg und mitunter pompös, ist feierlich und herzergreifen. Und am Schluss kommen die Bläser im braven Frack dazu und schaffen Klänge von erhabener Schönheit, bis das Kirchendach fast abhebt. Puh!

Jóhann Jóhannsson @ Approximation 7:1 from Approximation Festival on Vimeo.

Fotos: ©floriantrykowski.com

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