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Foto nordische Landschaft

15. Oktober 2011

I hope we mean something: Iceland Airwaves 2011

»I hope we mean something, I hope we mean something!«, singen Team Me mantragleich an diesem grauen Nachmittag im Nordic House. Stellvertretend wohl für all die vielen Bands, die auf dem Iceland Airwaves Festival spielen. All die Bands, die man beim besten Willen nicht alle live erleben kann, alle wollen sie einen Eindruck hinterlassen und der vielköpfigen norwegischen Schrulligpop-Kapelle gelingt dies mit schierer Lebendigkeit und euphorisierendem Schrägspiel. Sängerin Synne hüpft auf begrenztem Raum wie eine Hummel im Honigglas, und einer der Sänger erzählt mit verklärtem Blick, dass er Owen Pallett getroffen und ihm das eben erschienene erste Team-Me-Album verehrt hat. Wenn die unberechenbare Großgruppe in dem Tempo weitermacht, spielen sie bald als Vorband von Arcade Fire!

Das Kontrastprogramm, das ist es, was die Festivaltage so kurzweilig und aha-effektig macht: Der Freitag startet mit Sindri Eldon, einem bärbeißigen, gleichwohl auf seine Weise stylishen Verlierer-Rocker, der das mit Abstand bislang scheußlichste Hemd des Festivals mit Anstand trägt. Knochentrocken und fokussiert kommen die Songs daher, auf das Rock-Grundgerüst reduziert: Gitarre, Bass, Schlagzeug. Es geht um verkorkste Beziehungen und ins Leere laufende Lebensentwürfe, die alte Geschichte, aber angenehm selbstironisch dargeboten. Selbstmitleid ist etwas für Weicheier, Selbstliebe in harten Zeiten etwas für echte Männer!

The Ugly Truth by Sindri Eldon

Die wunderbaren dänischen Mimas sollten zwar an diesem Nachmittag in Reykjavik spielen, aber sie tun es leider nicht. Warum? Snævar Njáll Albertsson, der Sänger von Mimas, tritt hier mit seinem Solo-Projekt Dad Rocks! an und erklärt warum: Kaum sind Mimas in Island gelandet, setzen bei der Freundin des Drummers verfrüht die Wehen ein. Der werdende Papa nimmt selbstredend den nächsten Flieger zurück nach Dänemark – alles bestens inzwischen mit Mama und Nachwuchs, aber die Airwaves-Auftritte von Mimas fallen aus. Albertsson aber bleibt, was vom unterschwelligen Thema der Kapitalimuskritik der Dad Rocks!-Songs her bestens ins Zeitgeschehen passt. Weltweit marschieren die Menschen gegen die Zerstörungspolitik der Banken, Albertsson singt dagegen an. Der blasse junge Mann mit dem altväterischen Bart fühlt sich sichtlich wohl, vor heimischem Publikum zu spielen, hat sich Bläser und Streicher mit auf die Bühne gebracht, und holt weit aus mit seinen leidenschaftlichen Anti-Hymnen, die mitunter an die folkige Protestler-Naivität der ganz frühen Simon and Garfunkel erinnern. »A slap in the face with all this human waste that is unavoidable in times of progress. Security fears with all these ships at piers filled with people in need of arrest.«

Take Care by Dad Rocks!

Freitag und Samstag sind die Hauptfestivaltage. Ist es wirklich in diesem Jahr so überfüllt in den Clubs, dass es zum Teil schon keinen Spaß mehr macht?, wird am Rande immer wieder diskutiert Ja und nein. Die kleineren Locations wie die Jugendherberge am Hafen oder In-Orte wie das KEX sind so voll, dass häufig kein Hereinkommen mehr ist. Gleichzeitig aber spielen Musiker zwei Straßen weiter im Straßencafé vor zehn Leuten. Nicht so einfach zu beantworten also. Dass das Nordic House seinen Veranstaltungsraum in diesem Jahr verkleinert hat, war keine wirklich weise Entscheidung. Bei der norwegischen Chanteuse Jenny Hval und ihrer Band sitzen die Zuhörer dicht gedrängt am Boden und lauschen den Nachtschatten-Moritaten dieser experimentellen Bänkelsängerin und modernen Ausgabe einer marodierenden Seeräuber-Braut. Ausufernde Songstrukturen, stimmliche Achterbahnfahrten, anspruchsvolle Kost. Manch jüngerer iPhone-Tastenhämmerer im Publikum guckt leicht überfordert.

Jenny Hval – Blood Flight (official video) from Jenny Hval on Vimeo.

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