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Foto nordische Landschaft

26. November 2011

I don´t know, but I think we have to walk: Solander live in Darmstadt

Bloß nicht stehenbleiben. Bloß nicht auf der Stelle treten! Unterwegs sein! Solander tun dies, und nicht nur musikalisch. Spät abends um viertel nach elf spielen die Schweden im neogotischen Schauerschloss Oetinger Villa in Darmstadt das letzte Konzert ihrer aktuellen Tour. Irgendwie erschöpft, aber trotzdem euphorisiert. Verhalten fangen sie an, aber treffen von Anfang an als Kollektiv den warmen Ton des Cellos von Anna Linna. Kaum ein Blick geht zurück in Richtung Weltschmerz-Folkpop des ersten Albums: Die Fünf spielen fast ausschließlich die Songs vom sehr feinen Zweitling »PASSING MT. SATU«, bei dem Mastermind und Sänger Fredrik Karlsson die Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke brechen lässt. Trotziger ist, selbstbewusster ist. Der Blick richtet sich nicht hinunter auf die Schuhe, sondern schweift neugierig in den Raum. Es könnten sich ja neue Möglichkeiten ergeben! Von ihrer Zärtlichkeit wollen sie etwas abgeben!

Dass derzeit Doppelstudienjahrgänge die Hochschulen überrennen, das muss für Musiker kein Nachteil sein: Erfreulich voll ist es an diesem Abend in der Villa, ein sehr junges Publikum, das andächtig auf dem Boden sitzt, artig aneinandergelehnt, und aufmerksam lauscht. Girrenden Glockenspiel, sehnsüchtigem Cello, puckernden Banjos. Und darüber liegt die Stimme von Karlsson, der es längst nicht mehr nötig hat, sich unter einer roten Basecap schüchtern zu verstecken. Der die Zwischentöne liebt und den Zweifel. Und die bescheidene Variante der Euphorie. Der die kleinen Geschichten erzählt, vom Vielleicht-Scheitern und Gegen-Wände-Rennen, aber vor allem: Vom Trotzdem-Tun. Es ist irgendwie heimelig in der Welt von Solander, aber nie zu sehr, dass man sich wirklich sicher sein könnte. Eine kleine, beunruhigende Unterströmung zieht sich die Songs. Es kann auch sein, dass wir ertrinken. Vielleicht. Wir sollten in Bewegung bleiben. »I don´t know, but I think we have to run«, heißt es im vielleicht schönsten Song des zweiten Albums, »The Garden«.

Karlsson flirtet verhalten mit dem Publikum und ist zum Schluss so angetan vom sorgsam lauschenden Zuhörern, dass er sich nach dem Gig mit interessierten Konzertgängern am riesigen Marmorkamin der Villa treffen will. Morgen sind sie wieder unterwegs, die Schweden, und fahren endlose 1.500 Kilometer nach Hause, nach Malmö. Und die Polarnbloggerin radelt endlich einmal nach Hause von einem Konzert und friert trotz Beinahe-Minusgraden fast gar nicht, weil diese Musik noch lange nachwärmt.

Foto: Ola Lindgren