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Foto nordische Landschaft

29. Dezember 2011

Nachweihnachtliche Bescherung vom Soliti-Label und 7oi

Eigentlich sind alle Geschenke bereits ausgepackt und das Weihnachtspapier brav in der blauen Tonne entsorgt, da gibt es kurz vor Neujahr noch späte Präsente aus dem Norden, aus Finnland und Island, um genauer zu sein. Fangen wir mit Suomi an. Dort hat Nick Triani, der umtriebigste Brite im Land der vielen Seen, in diesem Jahr sein neues Label Soliti aus der Taufe gehoben und bekanntere Acts wie Cats On Fire und Astrid Swan, aber auch einige der interessantesten Newcomer wie The New Tigers, Big Wave Riders und Black Twig unter seiner Flagge versammelt. Zur Feier des erfolgreichen Starts beschenkt Mr. Triani die Welt jetzt mit »THE SOLITI ZIP« und damit der ersten Compilation des Labels. Kostenlose herunterladen kann man neue Songs, erprobte Songs und Remixes, unter anderem von Frickel-Meister Jori Hulkkonen und von den schändlicherweise hierzulande immer noch weitgehend unbekannten, schlauen Folkpop-Träumern Burning Hearts mit der wunderbaren Jessika Rapo an den Vocals. Spaß macht die Jahresendpost aus Helsinki auch deshalb, weil alle Beteiligten nicht ganz alltägliche Best-Of 2011-Listen angelegt haben. So erfährt man also, dass Ober-Cat-On-Fire Mattias Björkas Fussballfan ist und Teemu Pukki für den besten im Ausland kickenden finnischen Ballartisten hält (der schlechteste ist Mikael Forsell von Leeds United!), dass Astrid Swan die Biographie von Diane Keaton mit Gewinn gelesen hat und Aki von den Black Twigs den dunklen, schneelosen Dezember in Finnland für das schlimmste Ereignis des Jahres hält.

Das nehme ich doch gleich zum Anlass, Black Twig im Ton vorzustellen. Das Debüt der Vier aus Helsinki mit dem schönen Titel »PAPER TREES« erscheint am 11. Januar bei Soliti und pflegt eine fuzzige, coole Form des klassischen (britischen) Indierocks mit deutliche psychedelischer Grundströmung und ist von angenehm unaufgeregter Dringlichkeit.

Latest tracks by blacktwigmusic

Das zweite verspätete Weihnachtsgeschenk kommt vom empfindsamen Elektronik-Shoegazer 70i, aus Island, der in einer Geste der Großzügigkeit alle seine bislang erschienen vier Alben eine Woche lang zum kostenlosen Download zur Verfügung stellt. Jóhann Friðgeir Jóhannsson, alias Jói, treibt sich mit Vorliebe in pastellfarben blaugrünen, angenehm verschwurbelten Gegenwelten herum, durch die die Dinge nur auf Zehenspitzen tänzeln und die Gewissheiten allmählich schwinden. Eine schöne Entdeckung auf dem Weg, einen der Neujahrsvorsätze für 2012 umzusetzen: Entschleunigung!

The Cherry Orchard from 7oi on Vimeo.

22. Dezember 2011

Home For Christmas mit den French Films

Natürlich wollen sie Weihnachten zuhause sein. In Espoo und Järvenpää. Aber vorher spielen sie mit viel Gusto ihr letztes Konzert des Jahres fern der Heimat in der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden, im Zentrum mit den vielen Edelgeschäften, in Spuckweite von Spielbank, Kurpark und Kaiser-Friedrich-Therme. Der gerne als Rentnermetropole verspotteten Kurstadt tut ein frischer, ungestümer Windstoß gut, und deshalb ist es wunderbar, dass die unbekümmerten finnischen Jungspunde French Films kurz vorm Fest im Kulturpalast aufspielen und die Jugend der Stadt mächtig ins Schwitzen und Tänzeln bringen.

Das fast noch minderjährig daherkommende Quintett ist angenehm uneitel und ungemein sympathisch. Und so voller Leben, dass sie fast platzen wie prallgefüllte Luftballons. Nein, es geht hier nicht um korrektes Schönspiel, sondern vorrangig ums Spaßhaben, Ausprobieren und Abtanzen. French Films zeigen, dass einfache Songs mit leicht wiedererkennbaren Refrains (vulgo: Gassenhauer) mit einem rotzfrechen Charme daherkommen können wie der kaugummikauende Dennis die Nervensäge mit seiner Schleuder und dem Unschuldsblick. Die Finnen bringen Surfgitarre, Rabauken-Vocals und wavige Coolness auf einen Nenner, der einfach schreit: Party! Party! Die großen coolen Brüder von den Vaccines und den Drums sind nicht wirklich fern, aber French Films spielen mit einem Was-kostet-die-Welt-Straßenköter-Enthusiasmus auf, dass es eine Freude ist und sich die Beine automatisch in Bewegung setzen. Energie, Energie und lächelnder Anarchismus sind es, die an diesem verregneten Abend alle Widerstände hinwegputzen wie Plustemperaturen den Schnee.

Die Songs sind eingängig und unwiderstehlich, die Frisuren sämtlicher Akteure auf der Bühne würden jeden Dorffriseur in tiefe Depressionen stürzen, aber das ist so nebensächlich, weil die Jungs es auf wundersame Weise fertigbringen, dass am Ende fast alle lächeln. French Films machen artige Zwischenansagen auf deutsch (brav gelernt!), müssen aber letztendlich über sich selbst lachen, verhaspeln sich und reden Unsinn, stolpern fast über ihre eigenen Füße und sind doch die ganze Zeit über ungemein in ihrem Element. Am Schluss übernimmt plötzlich der Basser die Vocals, und er tut das gut, und irgendwie entsteht aus all dieser Unperfektheit doch ein stimmiges, knallfroschfanfarenartiges Ganzes von großer Lebendigkeit. Und wer jetzt sagt, das ist doch alles nichts Neues, der hat grundlegende Dinge über das Wesen der Popmusik nicht verstanden.

French Films sind im Januar nochmals auf Deutschland-Tour unterwegs. Wer einfach nur Spaß haben will: Hingehen!

French Films – You Don’t Know from French Films on Vimeo.

21. Dezember 2011

Eine Winterreise durch den finnischen Indiepop (2)

Spätabendmusik. Ein paar verstreute Lichter oder Kerzen an, sonst nichts. Der Himmel draußen schwarz und sternenlos. Das sind vielleicht die besten Voraussetzungen, um Swaying Wires aus Turku zu lauschen. Das Trio sinniert über Vergänglichkeit, verpasste Chancen und den Wunsch, doch vielleicht einmal einen Ort zu finden, den man Zuhause nennen könnte. Während man in traurig-traumverlorenen Zwischenwelten wandelt und die Dinge sich immer weiter verlangsamen. Enttäuscht, aber noch lange nicht resigniert. Angefolkte Americana-Töne, die aus dem tiefsten Nebraska stammen könnten. Die Stimme von Tina Kärkinen schwebt wie blaugrauer Rauch über mitunter hallenden Gitarren und erinnert mit ihrer sanften Stärke ganz entfernt an die unvergessene Harriet Wheeler von der lange verblichenen britischen 80er-Indiepopband The Sundays. Was war deren »READING, WRITING AND ARITHMETIC« doch für ein großartiges Album!

Bluebird by Swaying Wires

Wer einen Brotjob, eine Hauptband und noch tausend andere Dinge zu tun hat, der kommt meistens erst spätabends dazu, seine eigenen Songs zu schreiben. Genau so ergeht es Rami, dem Gitarristen und Sänger von Delay Trees. Wie die Mär es will (danke an das feine finnische Pop-Blog Glue für den Tipp!), hat Sami spät am Abend beim Fitzeln an seinen eigenen Songs auf die Uhr geschaut, und stets zeigte diese genau 23:23 Uhr an. Der junge Musiker beschloss, sein Soloprojekt nach dieser Uhrzeit zu nennen und die Schönheit in Alltagsdingen zu suchen. In zurückgenommen suchenden Songs, die man am besten hört, wenn die Müdigkeit schon in allen Gliedern hängt, die Sinne aber auf eine besondere Weise geschärft sind. Eine Gitarre, die gemächlich wie ein alter Gaul über die Prärie trabt, darüber Samis sanfte Stimme und eine unbestimmte Sehnsucht nach irgendeinem Ort, an dem das Herz endlich Ruhe findet – darum geht es in »Safe«, einer der ersten Kostproben aus der geplanten EP von 23:23. Schön nicht nur für dunkle Winterabende.

Safe by 23:23music

Neues gibt es auch von sehr alten Bekannten, um die es seit geraumer Zeit still geworden ist. Schuld am Schweigen der einzig wahren Erben der Smiths, nämlich Cats On Fire aus Turku, waren wohl auch der Ausstieg des Drummers und der Wechsel zum neuen Soliti-Label von Nick Triani. Mit dem umtriebigsten Briten Finnlands waren die Cats kürzlich im Studio und haben eifrig an ihren neuen Album gearbeitet, das voraussichtlich im Frühjahr 2012 erscheinen soll. Mit »My Sense Of Pride« gibt es jetzt den ersten Song als Vorgeschmack, in dem sich die blassen Nerds wieder als die stolzen Verlierer zeigen, die aus dem Verarbeiten von Enttäuschung eine eigene Kunstform machen. Ach, alles ist schon so lange hoffnungslos. »I´ve been an idiot for years«. Achja.

Cats On Fire : My Sense Of Pride by Soliti

Eine frische Prise Fröhlichkeit tut nach so viel Nabelschau und Innerlichkeit Not, also, Bühne frei für die putzmunteren Nordlichter Satellite Stories aus Oulu. Mit einer Purzelbäume schlagenden, gummibärchenfrechen Gitarre und den lakonisch-coolen Vocals von Sänger Esa. Ganz entfernt erinnert das Quartett an die seligen Proclaimers, mit dieser Mischung aus Nerdtum und unwiderstehlicher Energie. Unvergessliche Momente wie den ersten feuchten Schmatz in der Grundschule dienen dem fröhlichen Quartett als Ansporn für ihr Treiben. Ungeniert machen sich die Provinzler über die hochnäsige Helsinkier Kunstszene lustig, und wenn irgendetwas schief geht, dann ist halt farbensprühende Feuerwerk schuld. Machen Laune, die unbekümmerten Jungspunde!

Satellite Stories – Blame the Fireworks by satellitestories

15. Dezember 2011

Eine Winterreise durch den finnischen Indiepop

Winter? Wenn dieser Regen Winter sein soll? Die Sterne glitzern über Pfützen. Zeit, sich den alten und neuen Helden des finnischen Indiepop zu widmen, und fangen wir doch mit den alten Recken an und schniefen ein wenig melancholisch. Also: Es war einmal eine Band aus Helsinki mit dem wenig werbewirksamen Namen Mummypowder, die seit 1996 bestehen und nichts anderes als altmodisch-gefühligen Indiepop mit heftigem finnischen Akzent spielen. Das Quartett aus Helsinki hat niemals einen größeren Erfolg verbuchen können, und selbst die Blog-Szene, die gerne unbekannte Bands mit drei unverbindlichen Sätzen als das nächste große Ding hinstellt, hat die Jungs aus Helsinki noch nicht zur Kenntnis genommen. Das Schöne ist, das Mummypowder über all die Jahre hinweg unverdrossen weitergemacht haben und in 15 Jahren vier Alben herausgebracht haben. Die aktuelle Veröffentlichung mit dem schönen selbstironischen Titel »CENTURIES LATER« ist in diesem Jahr herausgekommen und ist unspektakulär, bescheiden, zurückgenommen, aber auf eine sehr altmodisch Weise wärmend. Nicht mehr sein wollen als scheinen. Sich dem Zeitgeist verweigen und entschleunigen. Nachdenken, nicht vorpreschen. Auch nicht schlecht.

Centuries Later by Mummypowder

Eine ruhige Ecke für elektronischen Nerd-Pop wird es immmer geben, und in diesem Winkel haben sich Paperfangs aus Helsinki entspannt eingerichtet mit ihrem Mix aus Nachdenklichkeit und Hipness. Das Trio tappst auf Samtpfoten durch melancholische-lakonische Großstadtwelten, ist auf eine angenehm zurückhaltende Weise cool und lässt den Dingen alle Zeit, sich zu entwickeln. Entspannt und souverän. Soundsamples plus warme Stimme. Kleine Wellen schlagen, aber das aus Überzeugung. Und manchmal ganz groß träumen wie in »The Vastest Plains«. Die Debüt-EP heißt bezeichnenderweise »REPUBLIC OF THE AVERAGE«. In den Songs geht es um Bücher, Hexen und ums ziellose Umherwandern. Merke: Leicht verschroben und schlau sein ist gleichzusetzen mit Streberattitüde!

Paperfangs – The Vastest Plains from Paperfangs on Vimeo.

Entspannter Psychedelik-Pop kommt von Club Merano, auch aus Helsinki. Die Enkel von der Folk-Räucherstäbchenheroen der 70er Jahre kommen putzmunter daher. Sind fröhlich, tanzbar und angenehm selbstironisch und schrecken selbst vor Gitarrensoli nicht zurück. Die alten Heroen von Yes bis Caravan können sich beruhigt zurücklehnen: Der Nachwuchs hält die guten alten Traditionen hoch und schlägt doch seine eigenen Kapriolen und dreht die Synthies auf. Da es sich hier um Späthippies handelt, besteht Club Merano aus nicht weniger als sieben Akteuren, die mit Schmackes die 70er hochleben lassen, dabei mitunter hüpfen wie die Hummeln im Honigglas und sich nicht scheuen, dick aufzutragen. Wir streichen jetzt unsere Wände braun, zünden die Duftkerzen an streifen den Fransenponcho über. Jawohl!

Die Winterreise durch den finnischen Indiepop wird fortgesetzt!

High Road by Club Merano

10. Dezember 2011

Und die Nominierten sind: Nordic Music Prize 2011

Der Nikolaus war eben erst da, aber die Rangeleien um die besten Alben des Jahres 2011 sind schon in vollem Gange. Klar, dass sich auch die skandinavischen Länder ganz offiziell in den Diskussion einmischen. Anlässlich des By:Larm-Festivals im Februar 2012 wird bereits zum zweiten Mal der Nordic Music Prize verliehen. Im vergangenen Jahr hat Jónsis famoses Soloalbum »GO« verdient den Preis abgeräumt. Man könnnte diese Wahl als Hinweis darauf deuten, dass es wohl eher die arrivierten Künstler sein werden, die in Oslo den Lorberr erringen.

Auch bei der 2011er-Ausgabe des Nordic Music Prize dominieren die bekannten Namen – und die Frauen: Zu den elf Künstlern, die es in die Endauswahl geschafft haben, gehören gleich vier Damen: Björk mit ihrem Multimedia-Werk »BIOPHILIA«, Lykke Li, die trotzige Freundin der Traurigkeit, mit »WOUNDED RHYMES«, die wunderbar tiefgründige Ane Brun mit »IT ALL STARTS WITH ONE« und die eigenwillige schwedische Chanteuse Anna Järvinen mit »ANNA SJÄLV TREDJE«.

Lilla Anna-Anna Järvinen from Jenny Palen on Vimeo.

Zu den Kandidaten, denen ich definitiv nicht die Daumen drücke, gehören die dänischen Neo-Punker Iceage mit ihrem Debütwerk »NEW BRIGADE«, die sich kürzlich mit einem extrem lustlosen und schlampig dahingerotzten Konzert im Offenbacher Hafen2 nachhaltig als ernstzumehmende Musiker disqualifziert haben. Dass eine junge Band aus dem Punk-Umfeld mit gerade einer Platte im Gepäck kein zweistündiges Gig geben würden, war klar. Geschenkt. Aber dass bei ihrem Auftritt mit Mühe die 20-Minuten-Grenze erreicht wurde, grenzt an Unverschämtheit. Nur nach inständigem Bitten eines jungen Amerikaners, der extra aus Dortmund (!) in die hessische Provinz gereist war, um die Dänen zu sehen, bequemten sich die arroganten Rotzlöffel zu einer mickerigen Zugabe, um sich dann aus dem Staub zu machen. Selbst der stets freundkliche Tresenmann im Hafen findet diese Attitüde unmöglich. Ganz schlechter Stil!
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