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Foto nordische Landschaft

21. Dezember 2011

Eine Winterreise durch den finnischen Indiepop (2)

Spätabendmusik. Ein paar verstreute Lichter oder Kerzen an, sonst nichts. Der Himmel draußen schwarz und sternenlos. Das sind vielleicht die besten Voraussetzungen, um Swaying Wires aus Turku zu lauschen. Das Trio sinniert über Vergänglichkeit, verpasste Chancen und den Wunsch, doch vielleicht einmal einen Ort zu finden, den man Zuhause nennen könnte. Während man in traurig-traumverlorenen Zwischenwelten wandelt und die Dinge sich immer weiter verlangsamen. Enttäuscht, aber noch lange nicht resigniert. Angefolkte Americana-Töne, die aus dem tiefsten Nebraska stammen könnten. Die Stimme von Tina Kärkinen schwebt wie blaugrauer Rauch über mitunter hallenden Gitarren und erinnert mit ihrer sanften Stärke ganz entfernt an die unvergessene Harriet Wheeler von der lange verblichenen britischen 80er-Indiepopband The Sundays. Was war deren »READING, WRITING AND ARITHMETIC« doch für ein großartiges Album!

Bluebird by Swaying Wires

Wer einen Brotjob, eine Hauptband und noch tausend andere Dinge zu tun hat, der kommt meistens erst spätabends dazu, seine eigenen Songs zu schreiben. Genau so ergeht es Rami, dem Gitarristen und Sänger von Delay Trees. Wie die Mär es will (danke an das feine finnische Pop-Blog Glue für den Tipp!), hat Sami spät am Abend beim Fitzeln an seinen eigenen Songs auf die Uhr geschaut, und stets zeigte diese genau 23:23 Uhr an. Der junge Musiker beschloss, sein Soloprojekt nach dieser Uhrzeit zu nennen und die Schönheit in Alltagsdingen zu suchen. In zurückgenommen suchenden Songs, die man am besten hört, wenn die Müdigkeit schon in allen Gliedern hängt, die Sinne aber auf eine besondere Weise geschärft sind. Eine Gitarre, die gemächlich wie ein alter Gaul über die Prärie trabt, darüber Samis sanfte Stimme und eine unbestimmte Sehnsucht nach irgendeinem Ort, an dem das Herz endlich Ruhe findet – darum geht es in »Safe«, einer der ersten Kostproben aus der geplanten EP von 23:23. Schön nicht nur für dunkle Winterabende.

Safe by 23:23music

Neues gibt es auch von sehr alten Bekannten, um die es seit geraumer Zeit still geworden ist. Schuld am Schweigen der einzig wahren Erben der Smiths, nämlich Cats On Fire aus Turku, waren wohl auch der Ausstieg des Drummers und der Wechsel zum neuen Soliti-Label von Nick Triani. Mit dem umtriebigsten Briten Finnlands waren die Cats kürzlich im Studio und haben eifrig an ihren neuen Album gearbeitet, das voraussichtlich im Frühjahr 2012 erscheinen soll. Mit »My Sense Of Pride« gibt es jetzt den ersten Song als Vorgeschmack, in dem sich die blassen Nerds wieder als die stolzen Verlierer zeigen, die aus dem Verarbeiten von Enttäuschung eine eigene Kunstform machen. Ach, alles ist schon so lange hoffnungslos. »I´ve been an idiot for years«. Achja.

Cats On Fire : My Sense Of Pride by Soliti

Eine frische Prise Fröhlichkeit tut nach so viel Nabelschau und Innerlichkeit Not, also, Bühne frei für die putzmunteren Nordlichter Satellite Stories aus Oulu. Mit einer Purzelbäume schlagenden, gummibärchenfrechen Gitarre und den lakonisch-coolen Vocals von Sänger Esa. Ganz entfernt erinnert das Quartett an die seligen Proclaimers, mit dieser Mischung aus Nerdtum und unwiderstehlicher Energie. Unvergessliche Momente wie den ersten feuchten Schmatz in der Grundschule dienen dem fröhlichen Quartett als Ansporn für ihr Treiben. Ungeniert machen sich die Provinzler über die hochnäsige Helsinkier Kunstszene lustig, und wenn irgendetwas schief geht, dann ist halt farbensprühende Feuerwerk schuld. Machen Laune, die unbekümmerten Jungspunde!

Satellite Stories – Blame the Fireworks by satellitestories

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