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Foto nordische Landschaft

29. Januar 2012

Reykjavik ohne NASA? Unvorstellbar!

Land, Hauptstadt, wichtigster Musikclub? Island, Reykjavik, NASA. So einfach ist das. Das NASA befindet sich an zentraler Stelle in Reykjavik, in Spuckweite zum Parlament, und residiert angemessen in einem äußerlich unscheinbar wirkenden türkisen Holzhaus. Seit mehr als zehn Jahren ist der Club eine Institution in der isländischen Musikszene, und alle wichtigen Bands der vergangenen Dekade haben dort denkwürdige Gigs hingelegt. Die vor dem NASA wartende Menschenschlange spätabends beim Iceland Airwaves Festival ist legendär und reicht selbst bei Sturzregen, fiesesten Sturmböen und frostigsten Temperaturen anderthalb Mal um den Block. Das Festival ohne das NASA mit seiner gerade noch überschaubaren Größe, seiner Disco-Aufmachung und den Bierpreisen, bei denen einem vor lauter Preisschock erst mal die Luft wegbleibt? Unvorstellbar!

Und doch ist das NASA ernsthaft bedroht. Wie jetzt bekannt wurde, soll das Haus abgerissen werden und einem Hotelbau weichen. Sagt der neue Investor. Das gleiche Schicksal hat bereits vor einem Jahr den putzmunteren Kulturtreffpunkt Havarí ereilt. Das war schon schlimm genug. Aber das NASA? Puuh! Noch scheinen die Dinge nicht hoffnungslos verfahren, und das englischsprachige Stadtmagazin Reykjavik Grapevine schreibt, dass die Sache komplizierter aussieht, als sie zunächst den Anschein hat: Es geht um Mietschulden und überfällige Renovierungsarbeiten. Gleichwohl: In der isländischen und internationalen Musikszene erschallt ein Aufschrei der Empörung. John Rogers vom Label Brainlove Records hat eine Online-Petition zur Erhaltung des NASA aufgesetzt. Zu den Erstunterzeichnern gehören unter anderem For A Minor Reflection und FM Belfast.

FM Belfast – Live @ Iceland Airwaves! from Bowen Staines on Vimeo.

Es gab in den vergangenen drei Jahren einige außergewöhnliche Konzerte im NASA, von Bloodgroup über Lara Rúnars bis zu When Saints Go Machine. Am denkwürdigsten bleibt in der Erinnerung aber der erste Auftritt des Apparat Organ Quartet nach jahrelanger Schaffenspause beim Festival 2010. In einem völlig aus den Nähten platzenden NASA und einer bunten Mischung meist einheimischer Menschen von 14 bis 60, die völlig ausflippten und textgenau mitsangen. Man schwitzt selbst noch in Erinnerung daran!

Apparat Organ Quartet- 123 Forever from Joy & Thunder on Vimeo.

25. Januar 2012

Dänische Romantiker, norwegische Feierbiester: Eurosonic 2012

Über aktuelle Rollenmodelle für Männer konnte man bei der 2012er-Ausgabe des Eurosonic-Festivals in Groningen nachsinnen. Da sind erstmal die feinsinnigen, intelligenten, nerdigen und latent romantischen Exemplare, die stolz zu ihrer Ungelenkeit stehen, wenn sie nicht tanzen können. So wie Nikolaj Manuel Vonsild, der Sänger der dänischen Elektronik-Popster When Saints Go Machine, der mit strähnigen Haaren und permanent nach oben gezogenen Schultern ein Bild trotzigen Schlaumenschentums und stolzer Schüchternheit abgibt. Dessen Zwei-Euro-Stück-große blaue Augen aber strahlen wie Supernovas, wenn er mit feiner Falsettstimme in melodramatisch tanzbaren Elektro-Frickelwelten auf Gralssuche geht sich dabei auf tausend interessanten Nebenpfaden verliert. Das ist verschachtelt und elegant und von von angenehmer Euphorie. Und wie schön, dass die Vier ganz zum Schluss ihre feinsinnige Neo-Disco-Hymne »Add Ends« spielen, die mit experimentellen Spielereien ausklingt. Und schade, dass sie ihr folkig inspiriertes Sahnestückchen »Konkyklie« außen vor lassen!

When Saints Go Machine – Kelly from Cosy Corners on Vimeo.

Und dann sind da die gutmenschigen, moralisch aufrechten Träumer und somit Enkel von Simon and Garfunkel. So wie Jesper Lidang, der Sänger der dänischen Newcomer The Rumour Said Fire, der mit seinen drei bestens aufgelegten Mitstreitern im kuscheligen Retro-Club de Spieghel ein sehr fein handgemachtes Set spielt, über dem der gute Geist der folkigen Protestbewegung der 60er liegt. Diese vier sind bewusst bescheiden, gehen sehr respektvoll mit sich und ihren Songs um und brechen immer unerwartet in schmelzende Schöngesänge aus, dass die Byrds neidisch werden können. Die Dänen schaffen eine Atmosphäre konzentrierter Schönheit und sehr sachte flatternder Leichtigkeit, die mit beiden Füßen fest im Pop steht. Sind schüchtern. Denken übers Männersein nach, wie kann es anders sein, wenn ihre erste EP den schönen Titel »THE LIFE AND DEATH OF A MALE BODY« trägt. Überwältigen an diesem Abend mit sanfter, nachhaltiger Überzeugungskraft. Das sagt man doch sonst immer Frauen nach. ;)

Passion from The Rumour Said Fire on Vimeo.

Einem völlig anderen Männerbild, nämlich dem des lärmigen Feierbiestes, hängen die norwegischen Anarchos und Trainingsanzug-Mit-Drei-Streifen-Fans Hurra Torpedo an, die eine Vorliebe für die Zerstörung romantischen Liedgutes haben. In ihrer respektlosen Hommage an Bonnie Tylers unvergessenen Herzschmerz-Hit »Total Eclypse OF The Heart« hauen die drei im dazugehörigen Video mit viel Gusto eine ganze Kücheneinrichtung zu Klump. Musste wohl sein! Ansonsten nimmt sich die Spaßtruppe selbst nicht sonderlich ernst, sondern geht diabolisch grinsend auf Zerstörungszug durch etablierte Musikstile von Disco bis Death Metal. Wenn sie nicht bei Hurra Torpedo aktiv sind, toben sich die Bandmitglieder in Formationen wie The Cumshots oder Thulsa Doom aus. Das macht Laune, für eine Weile, diese Dekonstruktion zu verfolgen. »The world´s leading kitchen appliance rock group« nennen sich diese ganz entfernten Cousins von Kaizers Orchestra. Wenn das kein ironischer Bruch mit etablierten Männerbildern ist! Haut das Bügeleisen entzwei, Jungs!

Hurra Torpedo – Totat eclipse of the hart from hajo804 on Vimeo.

22. Januar 2012

»Sneak-Prelistening«: Imbalance – Readymade Contraptions Of Descent

Eine besondere Ehre: Als erster Pressemensch habe ich die neue Imbalance-EP »READYMADE CONTRAPTIONS OF DESCENT« bekommen.

Die EP soll am 10. Februar 2012 digital veröffentlicht werden, inklusive des Trashcan Darlings-Covers »Me Punk, You Fuck!«. Nur auf der Vinyl-Ausgabe (ab 1. März 2012 hier zu bestellen ) wird es das Outro der A-Seite, sowie zwei Livesongs auf der B-Seite geben: »On Your Knees« (The Cave, Amsterdam 2011) und »Ease Your Pain« (Bambi Galore, Hamburg 2011).

Rezension in Bälde auf unserer Hauptseite.

21. Januar 2012

Soon You Can Hide No More: Eurosonic 2012

Was im strauchelnden Musikgeschäft noch läuft, sind die Live-Veranstaltungen: Die vielen Festivals, die angesagten Clubs. Hier wird in der Musikbranche noch Geld verdient. Und so ist es wenig verwunderlich, dass beim Konferenz-Teil des Eurosonic-Festivals in Groningen die Live-Szene im Mittelpunkt steht. Nur: Auch Konzerte werden die Branche nicht retten, denn die Aufnahmefähigkeit des Publikums stößt irgendwann an ihre natürlichen Grenzen. Vielleicht muss man über den Tellerrand hinausschauen und Neues ausprobieren. Und von anderen lernen. Ob die Eurosonic-Macher in den letzten Jahren das wundervolle Iceland Airwaves Festival in Reykjavik besucht haben, wissen wir nicht, aber von dort könnte die Idee stammen, die Festival-Bands tagsüber in Cafés und Plattenläden auftreten zu lassen. Es gibt keine entspanntere Art, sich einer Band anzunähern, als nachmittags bei Milchkaffee und Keksen gemütlich auf Stühlen krümelnd zu lauschen. Wie zum Beispiel den Norwegern Philco Fiction, die, angeführt von Sängerin Turid Alida Solberg, eine sehr beunruhigende Variante des synthesizeraffinen Feen-Kammerpop spielen. Elektronische Störgeräusche treffen auf Hexereien, Seeräuber-Jenny auf Björk, Jazziges auf Chansonnetten. Frau Solberg lächelt hinreißend und singt übers Verstecken und Gefunden-Werden. »Soon you can hide no more»: Ach, wenn es doch schon dunkel wäre!

List – Philco Fiction from andreas Lønmo Knudsrød on Vimeo.

Sehr viel weltlicher geht es bei der schwedischen Sängerin Jennie Abrahamson zu, die sich lieber auf dem Tanzboden tummelt als in nebelverhangenen, zugemoosten Wäldern. Frau Abrahamson schäkert mit Kleinmädchencharme mit amourösen Irrungen und Wirrungen und ist eine bekennende Jüngerin der Disco-Glitzerkugel. Fröhlich, überkandidelt, quietschbunt, selbstbewusst. Unterstützt von einer famosen Begleitband. Frau Abrahamson ist nur vordergründig das allzeit gutgelaunte Dancefloor-Mädel und die Minnie-Mouse-Kusine. Diese Dame weiß, was sie will! Und versteckt Tiefe fein hinter Bonbonfarben. Sie ist sehnsüchtig, verletzlich und abenteuerlustig. Tanzen auf blinkendem bunten Plastikboden ist eine anspruchsvolle Sache! Jennie Abrahamson hat die Kontrolle: Eigenes Studio, eigenes Plattenlabel. Und gute Freunde an der Seite wie Ane Brun und Friska Viljor.

Jennie Abrahamson “Hard to come by” official video from How Sweet the Sound on Vimeo.

Tanzen kann man an diesem milden Januarnachmittag mit einem breiten Lächeln im Gesicht zu den norwegischen Punk-Freibeutern Honningbarna im Plattenladen neben dem Café. Es ist ein atemloser, anarchischer Spaß, Ober-Honigkind Edvard Valberg dabei zuzusehen, wie er wie ein Derwisch so ausladend mit seinem Cellobogen fuchtelt, dass einem bange werden kann. Gefangene werden bei diesem Raubzug nicht gemacht, Rockabilly mit dem Schwitzpunk vermählt und das Tempo steht permanent auf atemlos zurücklassen. Herr Valberg trägt brav V-Ausschnitt-Pullover wie ein angepasster BWL-Student, aber dieser Derwisch könnte uns nicht ironischer vorspielen, das er abends zuhause bleibt und sich durch die obligatorische Leseliste ackert. Aufruhr, Widerstand! Dass Honningbarna auf norwegisch kapitalismuskritische Texte singen, gerät angesichts hoher Schweißabsonderung fast zur Nebensache. Diese wilden Fünf sind so quietschlebendig, dass es fast schon wehtut.

HONNINGBARNA – BORGERSKAPETS UTAKKNEMLIGE SØNNER from Ole Henrik Dyrseth on Vimeo.

20. Januar 2012

Der Abend der Schlagzeugerinnen: Eurosonic 2012

Groningen Mitte Januar ist immer ein Abenteuer gewesen. Zumindest die letzten Jahre. Entweder so gefährlich glatt und fiesekalt, das man sich nur in Trippelschritten voranbewegen konnte, oder so platzregnerisch, dass kein Regenschirm mehr half und nasse Strümpfe in durchweichten Schuhen den Normalzustand darstellten. Aber dieses Jahr: Sonne! Milde Temperaturen! Oh! In Groningen gibt es kurz nach Neujahr immer einen ersten Ausblick auf das (pop)musikalische Geschehen des neuen Jahres. Viel versprechende junge Bands stellen sich vor, und man zehrt von der Mär, dass Franz Ferdinand vor vielen Jahren das Eurosonic-Festival als Plattform nutzten, um zum Höhenflug anzusetzen. Die Musikbranche leckt im traditionellen Konferenzteil ihre Wunden und hofft inständig auf das Erscheinen der Killer Application, die alle Probleme auf magische Weise lösen wird. Ansonsten ist man weiterhin ratlos und redet viel in Ermangelung besserer Ideen.

Das Schöne am Eurosonic ist, dass man in der Groninger Innenstadt problemlos mit dem Fahrrad zwischen den verschiedenen Veranstaltungsorten wechseln kann. Aber aufpasssen, nicht aus Versehen in die Gracht fallen! Der erste Abend ist ein Abend der Überraschungen. Ein Abend, an dem es nach fünf Jahren (oder so) ein Wiedersehen mit den von mir sehr geliebten norwegischen Elektronikrockpiraten 120 Days gibt, die nach langem Schweigen und vielen Nebenprojekten in diesem Jahr endlich ihr zweites Album herausbringen. Es gibt zu sehr später Stunde einen sehr lässig-druckvolles Gig mit der vielleicht mächtigsten Reggae-Kapelle der Welt, nämlich Hjálmar aus Island. Es gibt die putzigen Coldplay-Gutmensch-Epigonen Ewert And The Two Dragons aus Estland. Es gibt aber auch Entdeckungen zu machen. Famose Schlagzeugerinnen. Die beiden mir bislang unbekannten Bands, die an diesem Abend bleibenden Eindruck hinterlassen, haben beide aufregende Frauen am Schlagwerk.

Fangen wir doch an mit den sehr leidenschaftlichen Thulebasen aus Dänemark an, die anspruchsvollen, vertrackten, tanzbaren Experimental-Elektronik-Rock spielen, unter tätigem Einsatz von Synthiegewittern und viel, viel Eigenwilligkeit und Mut zum psychedelischen Davontreibenlassen unter mitunter gewalttätigen Gefühlsausbrüchen. Das Trio ist an diesem Abend souverän spielfreudig, und es ist eine Freude, der strahlend-intensiven Drummerin Felia Gram-Hanssen bei der Arbeit zuzusehen.

Raga Gemini by Thulebasen from Anna Maria Helgadottir on Vimeo.

Die dänischen Landsleute Pinkunoizu sind eine dieser glitzernden Großgruppen, die wirbeln und Sternenstaub aufwirbeln. Mit einem dicken Augenwinkern und einer lächelnden Verbeugung vor dem großäugigen psychedelischen Pop der Spätsechziger unter putzigstem Synthie-Einsatz. Und einer rauchzarten Lagerfeuer-Stimmung von Indie-Folk im Gepäck. Sehr sophisticated das, bei allem betonten Understatement. Wir träumen unbedingt in Cinemascope und sind die ungestüm-begabten Außenseiter, die immer als letzte ins Völkerballteam gewählt werden. Auch hier ist eine Schlagzeugerin aktiv, die den Jungs selbstbewusst und animiert den Ton vorgibt. Und das scheinbar Zrückgenommene entwickelt eine unwiderstehliche Sogwirkung und eine ansteckende Fröhlichkeit. Muss man tanzen dazu!

Parabolic Delusions (Official) from Pinkunoizu on Vimeo.

 
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