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Foto nordische Landschaft

20. Januar 2012

Der Abend der Schlagzeugerinnen: Eurosonic 2012

Groningen Mitte Januar ist immer ein Abenteuer gewesen. Zumindest die letzten Jahre. Entweder so gefährlich glatt und fiesekalt, das man sich nur in Trippelschritten voranbewegen konnte, oder so platzregnerisch, dass kein Regenschirm mehr half und nasse Strümpfe in durchweichten Schuhen den Normalzustand darstellten. Aber dieses Jahr: Sonne! Milde Temperaturen! Oh! In Groningen gibt es kurz nach Neujahr immer einen ersten Ausblick auf das (pop)musikalische Geschehen des neuen Jahres. Viel versprechende junge Bands stellen sich vor, und man zehrt von der Mär, dass Franz Ferdinand vor vielen Jahren das Eurosonic-Festival als Plattform nutzten, um zum Höhenflug anzusetzen. Die Musikbranche leckt im traditionellen Konferenzteil ihre Wunden und hofft inständig auf das Erscheinen der Killer Application, die alle Probleme auf magische Weise lösen wird. Ansonsten ist man weiterhin ratlos und redet viel in Ermangelung besserer Ideen.

Das Schöne am Eurosonic ist, dass man in der Groninger Innenstadt problemlos mit dem Fahrrad zwischen den verschiedenen Veranstaltungsorten wechseln kann. Aber aufpasssen, nicht aus Versehen in die Gracht fallen! Der erste Abend ist ein Abend der Überraschungen. Ein Abend, an dem es nach fünf Jahren (oder so) ein Wiedersehen mit den von mir sehr geliebten norwegischen Elektronikrockpiraten 120 Days gibt, die nach langem Schweigen und vielen Nebenprojekten in diesem Jahr endlich ihr zweites Album herausbringen. Es gibt zu sehr später Stunde einen sehr lässig-druckvolles Gig mit der vielleicht mächtigsten Reggae-Kapelle der Welt, nämlich Hjálmar aus Island. Es gibt die putzigen Coldplay-Gutmensch-Epigonen Ewert And The Two Dragons aus Estland. Es gibt aber auch Entdeckungen zu machen. Famose Schlagzeugerinnen. Die beiden mir bislang unbekannten Bands, die an diesem Abend bleibenden Eindruck hinterlassen, haben beide aufregende Frauen am Schlagwerk.

Fangen wir doch an mit den sehr leidenschaftlichen Thulebasen aus Dänemark an, die anspruchsvollen, vertrackten, tanzbaren Experimental-Elektronik-Rock spielen, unter tätigem Einsatz von Synthiegewittern und viel, viel Eigenwilligkeit und Mut zum psychedelischen Davontreibenlassen unter mitunter gewalttätigen Gefühlsausbrüchen. Das Trio ist an diesem Abend souverän spielfreudig, und es ist eine Freude, der strahlend-intensiven Drummerin Felia Gram-Hanssen bei der Arbeit zuzusehen.

Raga Gemini by Thulebasen from Anna Maria Helgadottir on Vimeo.

Die dänischen Landsleute Pinkunoizu sind eine dieser glitzernden Großgruppen, die wirbeln und Sternenstaub aufwirbeln. Mit einem dicken Augenwinkern und einer lächelnden Verbeugung vor dem großäugigen psychedelischen Pop der Spätsechziger unter putzigstem Synthie-Einsatz. Und einer rauchzarten Lagerfeuer-Stimmung von Indie-Folk im Gepäck. Sehr sophisticated das, bei allem betonten Understatement. Wir träumen unbedingt in Cinemascope und sind die ungestüm-begabten Außenseiter, die immer als letzte ins Völkerballteam gewählt werden. Auch hier ist eine Schlagzeugerin aktiv, die den Jungs selbstbewusst und animiert den Ton vorgibt. Und das scheinbar Zrückgenommene entwickelt eine unwiderstehliche Sogwirkung und eine ansteckende Fröhlichkeit. Muss man tanzen dazu!

Parabolic Delusions (Official) from Pinkunoizu on Vimeo.

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