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Foto nordische Landschaft

21. Januar 2012

Soon You Can Hide No More: Eurosonic 2012

Was im strauchelnden Musikgeschäft noch läuft, sind die Live-Veranstaltungen: Die vielen Festivals, die angesagten Clubs. Hier wird in der Musikbranche noch Geld verdient. Und so ist es wenig verwunderlich, dass beim Konferenz-Teil des Eurosonic-Festivals in Groningen die Live-Szene im Mittelpunkt steht. Nur: Auch Konzerte werden die Branche nicht retten, denn die Aufnahmefähigkeit des Publikums stößt irgendwann an ihre natürlichen Grenzen. Vielleicht muss man über den Tellerrand hinausschauen und Neues ausprobieren. Und von anderen lernen. Ob die Eurosonic-Macher in den letzten Jahren das wundervolle Iceland Airwaves Festival in Reykjavik besucht haben, wissen wir nicht, aber von dort könnte die Idee stammen, die Festival-Bands tagsüber in Cafés und Plattenläden auftreten zu lassen. Es gibt keine entspanntere Art, sich einer Band anzunähern, als nachmittags bei Milchkaffee und Keksen gemütlich auf Stühlen krümelnd zu lauschen. Wie zum Beispiel den Norwegern Philco Fiction, die, angeführt von Sängerin Turid Alida Solberg, eine sehr beunruhigende Variante des synthesizeraffinen Feen-Kammerpop spielen. Elektronische Störgeräusche treffen auf Hexereien, Seeräuber-Jenny auf Björk, Jazziges auf Chansonnetten. Frau Solberg lächelt hinreißend und singt übers Verstecken und Gefunden-Werden. »Soon you can hide no more»: Ach, wenn es doch schon dunkel wäre!

List – Philco Fiction from andreas Lønmo Knudsrød on Vimeo.

Sehr viel weltlicher geht es bei der schwedischen Sängerin Jennie Abrahamson zu, die sich lieber auf dem Tanzboden tummelt als in nebelverhangenen, zugemoosten Wäldern. Frau Abrahamson schäkert mit Kleinmädchencharme mit amourösen Irrungen und Wirrungen und ist eine bekennende Jüngerin der Disco-Glitzerkugel. Fröhlich, überkandidelt, quietschbunt, selbstbewusst. Unterstützt von einer famosen Begleitband. Frau Abrahamson ist nur vordergründig das allzeit gutgelaunte Dancefloor-Mädel und die Minnie-Mouse-Kusine. Diese Dame weiß, was sie will! Und versteckt Tiefe fein hinter Bonbonfarben. Sie ist sehnsüchtig, verletzlich und abenteuerlustig. Tanzen auf blinkendem bunten Plastikboden ist eine anspruchsvolle Sache! Jennie Abrahamson hat die Kontrolle: Eigenes Studio, eigenes Plattenlabel. Und gute Freunde an der Seite wie Ane Brun und Friska Viljor.

Jennie Abrahamson “Hard to come by” official video from How Sweet the Sound on Vimeo.

Tanzen kann man an diesem milden Januarnachmittag mit einem breiten Lächeln im Gesicht zu den norwegischen Punk-Freibeutern Honningbarna im Plattenladen neben dem Café. Es ist ein atemloser, anarchischer Spaß, Ober-Honigkind Edvard Valberg dabei zuzusehen, wie er wie ein Derwisch so ausladend mit seinem Cellobogen fuchtelt, dass einem bange werden kann. Gefangene werden bei diesem Raubzug nicht gemacht, Rockabilly mit dem Schwitzpunk vermählt und das Tempo steht permanent auf atemlos zurücklassen. Herr Valberg trägt brav V-Ausschnitt-Pullover wie ein angepasster BWL-Student, aber dieser Derwisch könnte uns nicht ironischer vorspielen, das er abends zuhause bleibt und sich durch die obligatorische Leseliste ackert. Aufruhr, Widerstand! Dass Honningbarna auf norwegisch kapitalismuskritische Texte singen, gerät angesichts hoher Schweißabsonderung fast zur Nebensache. Diese wilden Fünf sind so quietschlebendig, dass es fast schon wehtut.

HONNINGBARNA – BORGERSKAPETS UTAKKNEMLIGE SØNNER from Ole Henrik Dyrseth on Vimeo.

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