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Foto nordische Landschaft

29. Februar 2012

Eispalast-Beats mit Sandra Kolstad

Die Königlich norwegische Botschaft in Deutschland tut etwas für die sinnvolle Verwendung von Steuergeldern. Das weiß ich spätestens, seit ich ihren monatlichen Kulturnewsletter abonniert habe, der voller Tipps und Anregungen steckt. Sonst wäre nämlich die Information an mir vorbeigezogen, dass die in Oslo und Berlin lebende Sängerinn Sandra Kolstad am 3. März dem hochkulturigen Frankfurter Nachtleben einen Blitzbesuch abstattet. Schuld daran ist Edvard. Edvard Munch, um präzise zu sein. In der Schirn-Kunsthalle läuft bereits seit einigen Wochen unter dem Motto »Der moderne Blick« eine umfangreiche Schau mit Werken des norwegischen Meisters. Da darf natürlich »Munchs lange Nacht« nicht fehlen. Edvard Munch knows how to party! Schreibt die Schirn. Glauben wir das einmal unbenommen, den der Maler kann sich leider nicht mehr gegen derartige Unterstellungen wehren. In der Schirn will Sandra Kolstad gemeinsam mit dem Free Jazz-Musiker Marck Fuck auch Songs aus ihrem im August 2012 erscheinenden neuen Album vorstellen.

Sandra Kolstad also. Die Chanteuse trägt meist schwarz, selbstverständlich, und programmiert ihre Beats ihre Vorliebe im grauporigen, überkandidelten, hysterischen Modus. Was natürlich hochelegant und sehr urban klingt. Die 27jährige mit dem platinblonden Pilzkopf beruft sich im Subtext ihres musikalischen Schaffens auf die großen, kühlen, nordeuropäischen Elektropopvorbilder The Knife und Fever Ray. Die Aufnahmen zu ihrem im vergangenen Jahr erschienenen Debütalbum »CRUX« sollen, so die Fama, teils im Wald entstanden sein. Wenn der Wald neuerdings so klingt, dann habe ich bei meiner gestrigen Joggingrunde durch den Stadtforst etwas Entscheidendes nicht gehört. Frau Kolstad klingt zwar durchaus mitunter wie die leicht sinistre Märchenfee aus dem Andersson´schen Eisplalast, aber wahrlich nicht wie eine Sylphide. Oder wie ein Mädchen auf Abwegen. Etwa Klirrendes haftet ihr an. Man fremdelt mit ihr, und die Discokugel funkelt entfremdet über Nachtschwärze.

Die königlich norwegische Botschaft in Deutschland erfreut in ihrem Newsletter übrigens nicht nur durch Kulturtipps, sondern auch durch Handfesteres wie Kochrezepte. Gedämpfter Skrei im Artischockensud mit schwarzen Oliven ist das Rezept des Monats. Fragt sich jetzt nur noch: Was ist Skrei?

Fire Burn – Sandra Kolstad from Abigail Benavides on Vimeo.

24. Februar 2012

Männer in Bäumen: Let Me Play Your Guitar

Während das 80er-Revival mit seinen selbstverliebten Synthiefanfaren noch in vollem Gange ist, schleichen sich von hinten auf Samtpfoten die späten 60er an. Die der aufrechten Spät-Beatniks und sanftäugigen Pop-Poeten. Die unverdrossen den Traum von einer besseren Welt träumen, unter tätiger Mithilfe von Blockflöten und anderem handwerklich hochwertigem Gerät aus dem Fundus des Schulorchesters. Denken wir an die blutjungen Simon and Garfunkel, denken wir an ganz frühe Crosby Stills Nash & Young, denken wir an bescheidene Byrds, dann beschleicht uns eine Ahnung, was die Kopenhagener Nachwuchskräfte Let Me Play Your Guitar umtreibt. Das Sextett um das Brüderpaar Emil und Jeppe Davidsen pflegt auf sympathisch-bescheidene Weise die handgemachte Qualität im hauchzart angefolkten Singer-Songwriter-Pop und schwelgt in wunderbaren Harmoniegesängen. Wenn die Dänen meinen »I know, I know There Is Hope,« so, wie im Song »Wake Up«, dann wollen wir es fast glauben. Der befindet sich auf der feinen Debüt-EP »DOING RAINBOWS«, die zur Gänze auf Bandcamp zu hören ist. Der Neugier halber vor einigen Tagen hereingehört, und seitdem läuft diese feine Scheibe voller tapferer Melancholie, lebenslustiger Hüpfer und kluger Nachdenkerei immer und immer wieder. Und wird das heimische Quartier zum Ort verschämter Tanzübungen.

Vom Grundgefühl her ist er akustisch, der Sound der Dänen. Denen immer wieder nach übermütigem Pfeifen zumute ist. Man möchte seine grüne Baskenmütze überstülpen und über Kopfsteinpflastergassen hüpfen dazu, unbeschwert. Und bemerkt erst allmählich, dass diese kleine Form ihre großen Momente hat und nahezu symphonisch wird. Die Ukulele puckert frech und das Kinderklavier wird mächtig traktiert. Und plötzlich ist vieles, vielleicht sogar alles möglich. Mit einem übermütigen Lachen. Im wunderbar inspirierten Video zu »Wherever You Go« entern die Sechs einen mächtigen Baum, entledigen sich ihrer Oberbekleidung und spielen Blumenkinder. Im direkten Tanzvergleich mit Kindern und einem bestens aufgelegten weißen Hund ziehen Let Me Play Your Guitar eindeutig den Kürzeren. Macht nichts, funktionieren wir eben das Keyboard zur Rutschbahn um!

19. Februar 2012

Bin ich immer noch allein? Uno Møller

In lauten Zeiten die leisen Töne wertschätzen. Besonders die leisen männlichen Töne, wenn Dummschwätzerei und inhaltlsloses Geplapper dominieren und der Lauteste die Deutungshoheit übernehmen will. Wie wohltuend ist es da, zu nächtlicher Stunde den zurückgenommenen Fragen von Uno Møller zu lauschen. Der junge norwegische Singer-Songwriter hat genügend Selbstbewusstsein, um die allgegenwärtige Kakaphonie brustgeschwellter Alphatier-Stolziererei zu ignorieren, sich ins stille Hinterzimmer zurückzuziehen und in Ruhe den eigenen Gedanken nachzuhängen. Zum Beispiel über zarteste Schattierungen einer Annäherung an ein anderes Ich. »Bin ich immer noch allein?« heißt die bang-hoffungsvolle Frage, die sich Møller im stillen Stückchen »Riots« im Duett mit der sonst so hippeligen norwegischen Chanteuse Lucy Swann stellt. Und die heikle Antwort leise lächelnd in die Zukunft verschiebt.

Ein zartes Piano gibt in »When You Sleep, I Hope« den treuen Wegbegleiter ab, der stützt, bis die Dinge endlich, endlich gut werden. Das ist von herzerwärmender Einfachheit. Und kommt so selbstverständlich und mühelos daher wie die stolz aufgeplusterten schwarzen Vögel, die auf den Cover des neuen, im April erscheinenden Albums »SILENT RIOTS« den Stürmen trotzen. Eine Klampfe, eine Stimme, und so viel Hoffnung auf Aufbruch. Großäugig, aber keinesfalls naiv.

Nicht zu vergessen: Eigentlich gehört der schwarzbeschopfte Barde zur Stammbelegschaft der aufmüpfigen norwegischen Poprebellen Team Me, aber er hat noch eine große Ecke seines Herzens übrig für das weite Schweifen über einsame Seelenlandschaften, mit der festen Intention, irgendwann irgendwo anzukommen. Herr Møller bestreitet übrigens das Vorprogramm bei den anstehenden Tourterminen von Team Me, also ein Grund mehr, sich in die Clubs aufzumachen. Und als Schmankerl gibt es noch einen herzerwärmenden Blick zurück, mit seinem beseelt-zurückgenommenen Cover des Beatles-Klassikers »She´s Leaving Home«. Seufz!

Uno Moller – She’s leaving home by lazyacrerecords

14. Februar 2012

Prinzenrettung mit Zebra And Snake

Es waren einmal zwei Freunde aus dem kleinen finnischen Dorf Alajärvi, die hießen Matti und Tapio. Da es in Alajärvi nicht allzu viel für sie zu tun gab außer den üblichen Teenagerkram, beschlossen die beiden eines Tages, dass sie etwas ganz Großes vollbringen wollten: Sie planten, sich (und vielleicht auch die ganze Welt?) zu heilen! Flink setzten sie sich an Orgel und Synthies und begannen von Stund an, nicht mehr kleine, sondern riesenhafte Gedanken zu denken. Entdeckten die Schönheit des Elektropop. Und pardauz! Sie fanden eine unbändige Energie in sich, eine unerhörte Kreativität, die sie davontrug wie ein wildgewordener Sturzbach bei Frühlingsanfang. Die sie bis in ferne Städte wie Helsinki, Berlin und noch viel weiter spülte. Ihre Anfänge aber haben die beiden Jungspunde nie vergessen, und so endet dieses Märchen korrekterweise so, dass ihr Debütalbum »HEALING MUSIC« heißen wird. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Das ist, leicht verfremdet, die Geschichte des finnischen Popduos Zebra And Snake. Wobei noch verschwiegen wird, dass die Nachwuchskräfte aus Alajärvi schon zu Frühzeiten ihres Schaffens zwei gute männliche Feen an ihrer Seite hatten. Die hießen Andy McCluskey von Orchestral Manoeuvres in the Dark und Jónsi von Sigur Rós. Beide empfahlen die Finnen unabhänig voneinander dem Chef des renommierten britischen Labels 100%, der sie prompt unter Vertrag nahm. So hören sich also Märchen heutzutage an! Bei OMD ging die Unterstützung für Matti und Tapio sogar so weit, dass sie die beiden völlig unbekannten Dorfjungs im vergangenen Jahr als Support-Act auf auf ihrer Tour mitnahmen. Wohlgemerkt: Zebra And Snake haben bislang noch nicht mal eine EP vorzuweisen.

Das wird sich Ende Februar endlich ändern, wenn die EP »SWEETEST TREASURE« herauskommt. Die mit dem Titelsong ein unwiderstehlich fröhliches und quietschlebendiges Stückchen Synthiepop präsentiert. In dem Zebra And Snake groß, unbekümmert und leichtfüßig leidenschaftlich daherkommen. Der Song schleicht sich hinterrücks an, prickelt angenehm im Ohr und bleibt. Ich jedenfalls summte das Stückchen den ganzen Tag lächelnd vor mich hin. Als Sahnehäubchen gibt es jetzt das naiv-selbstbewusste Video dazu, in dem zur Abwechslung mal der Prinz von der Prinzessin vor den bösen Monstern gerettet werden muss und der Kampf gegen furchterregende Luftballon-Bösewichte unter vollem Körpereinsatz gefochten und schließlich gewonnen wird. Hurra!

Foto: Noora Isoeskeli

06. Februar 2012

She screams without a sound: Synne Sanden

Die Schweiz und Norwgen haben viel mehr gemeinsam, als man auf den ersten Blick denken mag. Außer den hohen Bergen und den tiefen Seen. So sind das norwegische Joiken und das schweizer Jodeln doch so weit wesensverwandt, dass Musiker beider Länder sich gerne gegenseitig beäugen. Wie Ende Februar in St. Gallen beim Nordklang-Festival, das in diesem Jahr einen Norwegen-Schwerpunkt hat. Und in dem eine eidgenössische Naturjodeltruppe auf renommierte nordnorwegische Joiker trifft. Was dabei wohl entstehen mag? Wer in Bodenseenähe wohnt, kann es in zweieinhalb Wochen live herausfinden!

Interessant ist das Nordklang-Festival aber auch deshalb, weil Synne Sanden hier erstmals außerhalb ihrer Heimat auftritt. Die 21-jährige hat im vergangenen Jahr ihr Debütalbum »WHEN NOBODY´S AROUND« vorgelegt: Eine ungewöhnliche Mischung aus Lounge-Jazzigem, Weird-Pop und zurückhaltend-experimentellen Klangfrickeleien. Stimmlich erinnert die junge Sängerin bisweilen an Björk, trüge diese jemals ein 60er-Cocktailkleid wie die kettenrauchenden Heldinnen von »Mad Men«. Aber von der coolen Lässigkeit durchgestylter Großstadtbars ist Synne Sandens Musik inhaltlich sehr weit entfernt. Es geht in ihren Songs um schmerzhafte Erfahrungen, um Verletzlichkeit und um die Probleme, die es mit sich bringt, zu emotional zu sein. Die Protagonistin des Titelstücks versucht, angestrengt, auf ihre Umwelt bloß nicht merkwürdig zu wirken. Aber wenn keiner da ist, dann kommen sie, die dunklen Gedanken. »When nobodys´s around, she screams without a sound. When nobody´s around she is the lonesome clown«. Gegen solche Existenzängste kommt kein noch so hochglanzpoliertes Trompetensolo an.

Synne Sanden – When nobody’s around from Andreas Ulvo on Vimeo.

 
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