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Foto nordische Landschaft

11. März 2012

Wo die Sonne untergeht: Mount Washington

Draußen regnet es Bindfäden, drinnen regieren Schüchternheit, Sehnsucht und Schönheit. Ein Abend mitten in der Woche, an dem man sich ein wenig seufzend aus dem Haus quält und an dem die Schwärze des unwirtlichen Hafengeländes in Offenbach noch trostloser wirkt als sonst. Aber da vorne blinken schon die vertrauten Lichter des Hafen2, der an diesem Standort noch ein halbes Jahr Gnadenfrist vor dem endgültigen Abriss bekommen hat. Und es spielt eine Band, von deren Qualitäten man via Soundcloud einen ungefähren Eindruck erhält, der aber neugierig genug macht, um sich durch nasse Schwärze aufzumachen. Mount Washington aus Norwegen sind eine dieser zahlreichen skandinavischen Bands, die sich in den vergangenen Jahren nach Berlin aufgemacht haben, um großstädtische Kreativluft zu schnuppern. An der grundlegenden Ruhe ihrer Songs hat die Metropole bislang nicht rühren können.

Drei Norweger also, auf Tour verstärkt durch zwei Gastmusiker. Falsettgesang, britisch inspiriert, zurückhaltend und bescheiden. Diese Attribute sind durchaus als Tugenden zu verstehen. Und ein kurzer Blick zurück sei erlaubt: Jahrelang segelte die Band aus Tromsø unter der Flagge Washington in den sanften Gewässern zwischen Indiepop und Americana, ehe eine Namensgleichheit sie nun dazu zwang, einen Berg vor ihren Namen einzufügen. Der eleganten Melancholie hat die Band um Sänger Rune Simonsen nicht entsagt. Aber sie probieren Neues aus, nehmen Versatzstücke in die Hand, drehen und wenden sie, prüfen sie auf Verwendbarkeit und betreten Neuland. Mit sparsam eingesetzten elektronischen Akzenten, was der Leichtigkeit nicht abträglich ist und die Musik definitiv tanzbarer macht. An ihrer Indie-Empfindsamkeit aber wollen sie keine noch so feine Schattierung missen! Die großen Büder von Muse nicken gnädig dazu, und das trotzige Unglücklichsein der Smiths steht im Schatten Pate. Und die Norweger sinnen beseelt der Frage nach, wo die Sonne dieser untergeht.

Zwischenansagen bleiben rar, aber vielleicht ist das auch gut so! Denn so lassen sich Mount Washington alle Zeit der Welt, um ihre Dynamik in ihrem eigenen Tempo entwickeln zu lassen. Und den Hafen zu einem Ort der Überraschungen werden zu lassen. Denn die Norweger schlagen überraschende Nebenpfade ein, wenden sich dem romantischen Postrock zu, wenn der Gitarrist wie Jónsi von Sigur Rós den Geigenbogen auspackt und über die Saiten streicht. Und lassen los, verlassen die geordneten Drei-Minuten-Songstrukturen des Pop und vertrauen sich den ausufernden Strukturen des sanft experimentellen Krautrock an, gewähren Verfremdungen Einlass und zelebrieren Schönheit und Vergänglichkeit mit todessehnsüchtiger Süße. Abseits des Weges ist dieses Kollektiv am stärksten. Das Offenbacher Publikum im Hafen glänzt wie häufig durch aufmerksames Zuhören und hohe Begeisterungsfähigkeit. Gut so!

Mount Washington – Lisboa from Mount Washington on Vimeo.

Eigentlich spielten Mount Washington das Konzert der Woche. Das blieb bis Freitag so. Denn hier begebe ich mich kurz auf Abwege hinunter ins Südbadische. Wer hätte gedacht, dass eine schweizer Band zur Revolution aufruft? Wer hätte das gedacht, dass eine schweizer Band uns dazu bringt, ehrlich und kitschfrei über den Begriff Heimat nachzudenken? The Bianca Story spielen ein sehr begeisterndes und hochemotionales Gig im Freiburger Waldsee, voller schräger und zärtlicher Töne und viel Alp-Öhi-Selbstironie. Und da die schweizer Grenze nur 60 Kilometer weg ist, können sie befreit schwyzerdütsch reden, das Freiburger Publikum versteht sie ohne Übersetzer!

The bianca Story – LAZY BOY from The bianca Story on Vimeo.