Home
Foto nordische Landschaft

24. März 2012

Satisfaction mit WhoMadeWho

Es ist Zeit, Vorurteile sie zu revidieren: Das legendär stoffelige Frankfurter Publikum ist gar nicht so lustfeindlich, sondern kann auch anders. Dazu bedarf es nur eines neuen In-Clubs und dreier herrlich skuriller und selbstironischer Dänen, und siehe da: Die verstockten Bankstädter tanzen ausgelassen und die Polarbloggerin kriegt eine gewaltige Bierdusche vom Nebenmann ab, der enthemmt und fröhlich vor sich hin jammt. Soll ja eine gute Haarkur sein, der Gerstensaft! Aber nun mal von Anfang an: Der Frankfurter Traditionsklub Sinkkasten musste kürzlich aus finanziellen Gründen die Segel streichen. Dann war erstmal Funkstille, aber nun ist der neue Veranstaltungsort mit dem schönen Namen Zoom aus dem Ei geschlüpft und wartet mit einem durchaus anspruchsvollen Programm auf. Zu schade nur, dass das Zoom zwar die Eierschalen abgeschüttelt hat, aber sich, ach! äußerlich weiter als hässliches Entlein präsentiert. All das erdrückende Schwarz! Dazu unverschämte Preise für ein kleines Bier und zu wenig Klos für einen mittleren Publikumssansturm. Dafür gönnt man sich jetzt aber Türsteher, so dass sich bei Einlass Schlangen bilden. Muss ja toll sein hier, wenn die Leute schon bis um die Ecke für ein Konzert anstehen! Aber heute abend spielen WhoMadeWho!

Nun, genug gekrittelt, denn jetzt spielen erstmal Rangleklods als Vorband, das Projekt um den dänischen Musiker Esben Andersen, der wie viele seiner skandinavische Kollegen inzwischen im großstädtischen Berlin wohnt (warum zieht eigentlich keiner dieser Hipster je nach Darmstadt oder Castrop-Rauxel? Wäre um Längen cooler!) und sich live Verstärkung von der Gitarristin Tikki mitgebracht hat. Die beiden kämpfen an diesem Abend gegen Soundprobleme so wie Don Quijote gegen Windmühlen und zelebrieren eine nicht richtige zündende Mischung aus Elektro-Beats und rauherem Geschrammel, das ganz entfernt an David Bowies superhedonistische 80er-Jahre-Phase erinnert. Aber ach, all dieses Knöpfchengedrehe und Erschaffung künstlichen Soundwelten mit ihrem Geflimmere und Gebliepe, das Herz bleibt kalt, trotz all dieser überkandidelten Töne.

Wie schön, dass die drei selbstironischen und bärtigen Neo-Waldschrate WhoMadeWho, die hochkorrekt im Sixties-Workingclasshero-Style mit Schlägermütze, weißem Hemd und Hosenträgern antreten, zwar auch den elektronischen Tanzbeats frönen, aber in der klassischen Besetzung mit Schlagzeug, Gitarre und Bass für sehr sinnlich-direkte Tanzmusik sorgen. Das Trio strebt zwar nichts anderes an, als die Menge binnen Minuten zum hingebungsvollen Hotten zu bringen. Aber was hier den Unterschied macht, das ist das fein verhüllte Faktum, dass die Dänen sehr schlau sind. Und genau verstanden haben, dass hohe Intelligenz, im Gegensatz zu landläufigen Meinung, extrem sexy ist. Irgendwie denke ich eine geschlagene Stunde während des WhoMadeWho-Gigs immer wieder an die Talking Heads, lächle und beschließe, unbedingt wieder das klassische Album »STOP MAKING SENSE« zu hören. Und zwar bald!

Das Schöne an WhoMadeWho, die kürzlich ihr viertes Album »BRIGHTER« herausgebracht haben, ist ihre unbändige Freude am souveränen Spiel mit möglichst vielen Bällen, von Disco über Wave, Techno und Dancefloor bis zum selbstverliebte Pop. Und dass Sänger Jeppe Kjellberg stets ein anarchisches Glitzern in den Augen hat und den hedonistischen Falsettgesang pflegt, ohne dabei je ansgestrengt zu klingen. Das Trio zieht das Frankfurter Publikum frei nach Edgar Allen Poe hinunter in den Malstrom, in lockende Tiefen. Widerstand unmöglich. Bassist Tomas Hoffding ist der eigentliche Schwerarbeiter hier, dem es mühelos gelingt, den scheinbar ach so plumpen Bass zum Instrument der Leichtigkeit zu machen. Von der feinen Zurückgenommenheit von Schlagzeuger Tomas Barfod ganz zu schweigen, der die Dinge diszipliniert zusammenhält. Das Publikum gibt sich hin, singt die Texte wortgetreu mit und freut sich, dass die Drei ganz zum Schluss Benny Benassis Tanzzstückchen en »Satisfaction« covern. Dem ist nichts hinzuzufügen. Befriedigung! Befriedigung! Glitzer! Glimmer!

Die wunderbaren Fotos hat der befreundete Fotograf Florian Trykowski beim Nürnberger Konzert gemacht.