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Foto nordische Landschaft

05. April 2012

Lieber Bart als Dinosaurier: Antero Lindgren

Die neuesten Untaten des Kapitalismus sprechen sich schnell herum: Ein finnischer Freund macht sich ernsthafte Sorgen um die Zukunft der Berliner Clublandschaft und mailt einen Artikel des britischen Guardian herum, in dem es darum geht, dass Berliner Clubs mittlerweile von der Landesregierung unter Artenschutz gestellt und mit Staatsgeldern unterstützt werden sollen, weil böse Immobilienhaie die Preise auf dem Wohnungsmarkt in vorher nicht gekannte Höhen treiben. Hilfe, die Reputation Berlins als »einer der europäischen Party-Hotspots« ist in Gefahr! Hinzu kommen quengelnde und vor Gericht klagende gentrifizierte Nachbarn, denen es in Szene-Bezirken wie Mitte oder Prenzlauer Berg wegen der vielen Nachtschwärmer zu laut ist. Nun muss man das steigende Preisniveau auf dem Berliner Immobilienmarkt nun nicht besonders toll finden und das Treiben der Heuschrecken dahinter ohnehin nicht. Aber abseits der Hauptstadt, in München, Frankfurt, Hamburg und anderwo, bewegen sich die Mietpreise seit vielen Jahren auf einem beachtlichen Niveau, und die Clubs überleben interessanterweise selbst in überteuerten Ballungsräumen. Größtenteils sogar ohne öffentliche Subventionen!

Denkt man sich nach einem Konzertbesuch im Frankfurter Sinkkasten, der jüngst pleite ging und nun unter neuem Management als Zoom wieder auferstanden ist. Und man hat dort das bislang schlechteste Konzert des Jahres besucht, nämlich einen jungen britischen Herrn, der sich Totally Enormous Extinct Dinosaurs nennt. Herr Nachwuchs-Dinosaurier bedient hektisch seine Regler, stülpt sich albernerweise Indianerkopfschmuck übers Haupthaar und lässt Go-Go-Girls mit Ponpons am Popo hüpfen. Die elektronische Tanzmusik, die dieses spätpubertierende Jüngelchen seinen auf der Bühne aufgestapelten Gerätschaften entlockt, ist überwältigend öde und erschreckend uninspiriert. Wenigstens tut ihm eine Zwölfklässlerin den Gefallen und muss ohnmächtig aus dem Saal getragen werden. Wir ergreifen noch vor der Zugabe die Flucht und setzen darauf, dass die Dinosaurier irgendwann ausgestorben sind.

Zuhause, es ist schon spät, aufatmend die Musik auflegen, die bestens zu aller Schwärze und dem sanft einsetzenden Regen passt. Das Debütalbum des finnischen Musikers Antero Lindgren mit dem schlichten Titel »MOTHER«, der auf eine wunderbar reduzierte Weise die kleinen, klassischen Geschichten vom Verlieren und Manchmal-Wiederfinden erzählt. Der bärtige Barde wandelt ganz bewusst auf den Schattenseiten des urbanen Lebens. Mit Gitarrre, Stimme, sparsamer Instrumentierung. Und von einer geradezu altmodischen Tiefe, abseits aller kurzfristigen Moden. Antero Lindgren ist bärtig und tätowiert, und, den Fotos nach zu urteilen, schon eine Weile unterwegs. Im ebenso reduzierten Video zu »Cigarette Stumps« lässt sich der finnische Seelenverwandte des frühen Bruce Springsteen in geradezu traumwandlerischer Weise durch ein nächtlich desillusioniertes Helsinki treiben. Und die Einsamen bei ihrem Weg nach Hause beobachten, die Schultern trotzig nach oben gezogen. Und letztendlich sind es die unbestreitbare Wärme und Tiefe, mit denen uns Herr Lindgren dann packt. Bei seinem Debüt ist Lindgren übrigens von Jungspunden unterstützt worden, die zumindest in Teilen der elektronischen Tanzmusik zuzuordnen sind, die aber offenkundig verstanden haben, dass ohne Herzblut gar nichts geht: Von Matti Ahopelto und Risto Joensuu (Zebra & Snake, Siinai, Joensuu 1685).

Antero Lindgren – Cigarette Stump from Antero Lindgren on Vimeo.

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