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Foto nordische Landschaft

01. Mai 2012

Herr Heine und Frau Hansdóttir

Eigentlich sollten viel mehr Konzerte nachmittags stattfinden. Denkt man sich, Kirschstreuselkuchen mampfend und an einem Glas Weißweinschorle nippend. Und reckt das Gesicht in die Frühlingssonne. »Open Air Bühne am Hafenbecken« nennt sich die Location großartig, dabei sind es die nur acht Quadratmeter auf der Außentreppe des Hafen2 in Offenbach, wo sich sonst immer die Raucher tummeln. Guðrið Hansdóttir macht sich in diesen letzten Apriltagen nichts aus Äußerlichkeiten. Einfühlsam unterstützt von ihrem Gitarristen, wagt sich die Sängerin von den Faröer Inseln daran, ihre warmen, wolkenverhangenen Gegenwelten zu entwerfen, in denen sich Folk, Pop und harsche Windstöße die Hände reichen. Bewusst zurückgenommen, mit souveräner Ruhe erzählt die Sängerin kleine Geschichten, in denen der Himmel immer grau ist, aber die Dinge alles andere als melancholisch oder hoffnungslos sind. Da ist Feuer untern Eis!

Überkandidelte, hektische Alternativgören in teuren Einzelstück-Eso-Klamöttchen rennen vor der Bühne um die Wette, stolz verfolgt von ihren spätgebärenden Müttern und schwitzenden Vätern. Ältere Paare aus dem Viertel halten bei ihrem Nachmittags-Spaziergang überrascht inne und bleiben ein, zwei Songs lang stehen. Klingt doch ganz gut, was es hier umonst und draußen gibt! Selbst die verbissenen Zwangsradler mit ihrem Overkill an teuren Bike-Outfits auf ihrer 200-Kilometer-Tour entlang des Mains legen einen Stopp ein und hören zu. Irgendwann verändert sich ihre Gesichtsfarbe von Purpurrot zu Altrosa.

Frau Hansdóttir lässt sich ihrerseits inspirieren. Vom deutschen Poeten Heinrich Heine, dessen Gedichte sie gleich mehrfach als Grundlage eigener Songs verwendet hat. Aufmüpfig, empfindsam und klug. Da steht sie nun, in ihrem kurzen Blumenkleidchen, und singt Songs vom Ertrinken faröischer Fischer, und im Hintergrund plätschert harmlos der Main und recken sich die neuen und alten Frankfurter Bankentürme in den Himmel. Frau Hánsdottir erzählt die einfachen Geschichten, die alles andere als harmlos sind, von Schatten, von Nebel, von Ungewissheiten. Sie covert The Cure und es geht natürlich um immerwährende Liebe, ironisch natürlich, aber hier klingt es echt. Und fast wünscht man sich, die Sonne möge endlich hinter Wolken verschwinden.

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