Home
Foto nordische Landschaft

30. Juni 2012

Hel(l) aktuell XIV: Tuska 2012, Freitag – Teil II

Teil II des Tuska-Freitags 2012 (hier geht es zu Teil I).

Bei der Alternative-Progband Oddland (FIN) auf der Musamaailma-Stage höre ich kurz im Vorbeilaufen rein, auf der Radiorock-Bühne stehen jetzt gleich Trivium (USA).

Nicht nur Fronter Matthew Heafy beschwert sich bei den ersten Songs durchgängig, dass er zu leise ist, sondern auch all seine Bandkollegen – vom Schlagzeuger abgesehen. Endlich ist die angemessene Laustärke erreicht, die Amis zufrieden, und Matt brüllt mit vorquellenden Halsadern seine Lieblingswörter: »Fuck!« und »Move!«

Kompletten Beitrag lesen …

30. Juni 2012

Hel(l) aktuell XIV: Tuska 2012, Freitag – Sie sind alt und brauchen das Geld

Das zweite Jahr für das Tuska Open Air auf dem neuen Gelände in Suvilahti bei entspannten 20°C: Vom 29. Juni bis 1. Juli 2012 rocken hier mehr als 50 Bands die vier Bühnen, wobei die ehemalige EMP-Stage jetzt Hellsinki heißt. Die Hauptbühne bleibt Radiorock, das Zelt Inferno und die im Gebäude Musamaailma.

Grüne Hänge gibt es zwar immer noch keine, dafür rollende Rasenkisten, in denen sich einige Besucher niederlassen /niederlegen … na, wenn die mal keiner zu vorgerückter Stunde als Urinal benutzt.

Dieses Jahr steht das Festival scheinbar unter dem Motto »Sie sind alt und brauchen das Geld«, mit Veteranen wie Megadeth (USA), Ministry (USA), Saint Vitus (USA) oder Overkill (USA).

Nachdem ich dank widriger Umstände die Thrash-Urgesteine Exodus (USA) verpasst habe, streife ich gerade noch Suidakra (D) sowie Barren Earth (FIN), die für Animals As Leaders (USA) eingesprungen sind; angeblich hat die Truppe den Flieger verpasst.

So beginnt mein Tuska 2012 mit den Power Metallern Edguy (D), deren Fronter Tobias Sammet fast soviel Rede- wie Spielzeit auf die Bühne bringt. Beispielsweise: »Wir sind einer der Gründe, warum die Tickets so teuer sind, deswegen sorgen wir dafür, dass ihr eine gute Zeit habt.«

… nach einer Stunde frage ich mich, wie man(n) nur soviel Sch***e labern kann.

Kompletten Beitrag lesen …

22. Juni 2012

Auf der Suche nach dem Sommerhit: Mikhael Paskalev

Mittsommer! In den skandinavischen Ländern hat die Feriensaison damit offiziell begonnen: Also trödeln und die Seele baumeln lassen, aber auch Spaß haben und leichtfüßig mit dem Eis in der Hand die Strandpromenade entlang flanieren. Fehlt nur noch der passende Sommerhit des Jahres 2012, und ein Jungspund aus Norwegen steht quietschlebendig und gekonnt uhuu-kieksend in den Startlöchern und macht sich bereit: Mikhael Paskalev, ein Mann mit bulgarischen Wurzeln, der uns in seinem poppigen, 50ies-inspierten Schwoof-Stückchen »Come On And Jive Babe« unmissverständlich zum Tanzen auffordert. Inspiriert ist der Track übrigens von der Twin-Peaks-Heldin Audrey Horne. Sagt der Künstler, der am renommierten Liverpool Institute for Performing Arts studiert hat und dort sein Händchen für feine Melodien und schwißtreibende Dynamik weiter entwickelt hat. Allein die Handclaps sind hier erste Sahne! Bang, Bang, Bang! I need to hold you!

MIKHAEL PASKALEV – Come on and Jive Babe from Mikhael Paskalev on Vimeo.

Mikhael Paskalev sieht auf den Fotos so aus wie eine sehr sympathische Mischung aus Balkan-Honcho und mexikanischem Schmierenschauspieler und verfügt über eine überaus rätselhafte Ähnlichkeit zum isländischen Singer-Songwriter Svavar Knútur, dem ein vergleichbar brodelndes Temperament gegeben ist. Der lang verschollene Cousin vielleicht? Und ähnlich wie der Isländer pflegt Herr Paskalev keinerlei persönliche Eitelkeiten oder verschämte Ziererei, was sein Äußeres angeht: Wie sonst könnte er sonst über die Schmerzfreiheit verfügen, im schönen Schwarz-Weiß-Video zu »I Spy« in der Schießer-Feinripp-Unterhose herumzuhüpfen (was ihm nicht wirklich schmeichelt)? Und dabei eine gekonnte Hommage an den Tom-Cruise-Klassiker aus dem Jahr 1983 abzuliefern, nämlich »RISKY BUSINESS«? Wo der Lampenständer als Mikro dient! Auf jeden Fall ist der Track ein rotzfrecher Spaß mit einem Bass zum Niederknien.

Mikhael Paskalev – I Spy

12. Juni 2012

Alternativprogramm mit Songs For The Sleepwalkers

Der finnische Singer-Songwriter Antti Reikko alias Koria Kitten Riot musste sich vor einigen Wochen doch sehr wundern: Nachdem er im Frühjahr erstmals eine kleine Deutschland-Tour gewagt hatte, wollte er im Frühsommer gerne wiederkommen, um sich hierzulande bekannter zu machen. Am liebsten Anfang bis Mitte Juni. Doch unerwarteterweise wollte ihn keiner buchen. Egal ob Nord oder Süd, ob großer oder kleiner Club. Des Rätsels Lösung: Die Fußball-Europmeisterschaft! Wenn der Großteil des potenziellen Publikums lieber in schwarz-rot-goldene Farben gewandet vor dem Bildschirm sitzt, dann bauen die Musikveranstalter lieber selbst Großleinwände auf, als Bands vor zwei oder drei Hanseln spielen zu lassen. Koria Kitten Riot kommen eben ein andermal.

Zu den wenigen Musikern, die in diesen Tagen auf Tour gehen, gehören die Tagträumer Songs For The Sleepwalkers, das Projekt des schwedisch-italienischen Songwriters Andrea Caccese aus Västerås am Mälarsee, der es sich heimelig auf den weiten Weiden zwischen Klampfen-Folkpop und schwärmerischen Indiepop eingerichtet hat. Zu diesen sanften Tönen lässt es sich trefflich träumen und ungestört schönen und eigewilligen Gedanken nachhängen. Das großäugige Staunen hat der Barde trotz aller Hindernisse, die das Leben vor ihm aufgetürmt hat, nicht verlernt. Das Debütalbum »OUR REHEARSED SPONTANEOUS REACTION« kommt zunächst samtpfötig daher, um erst in Songs wie »We Are Still Here« zu großer Geste und ebensolcher Instrumentierung auszuholen. Sigur Rós sind bei dieser emotionalen Dichte nie fern, aber auch Bon Iver lässt bei den zurückgenommeneren Songs grüßen. Die leise Traurigkeit zwischen den Zeilen bringt der Exil-Italiener schon von ganz alleine mit. Und die Lust am verhalten-experimentellen Songstrukturen sowieso. Dieses Album schlägt immer wieder überraschende Schlenker.

Dabei gibt sich der schwedische Schlafwandler bescheiden und entschuldigt sich in vorauseilendem Gehorsam für alle Fäden, die er hier nicht wirklich zusammenführen kann. Gar nicht nötig, denn gerade das Nicht-Festlegenwollen macht hier den eigentlichen Reiz aus! Also gibt es ausreichend Grund zur Vorfreude, denn Songs For The Sleepwalkers spielen morgen im sympthischen Kulturraum Zucker in Darmstadt. Allerdings beginnt das Konzert schon um 19 Uhr, denn ein Zugeständnis an die Fußball-Europmeisterschaft machen die Zuckerleute doch: Spätestens um 21 Uhr wollen wir doch das Spiel Niederlande versus Deutschland sehen!

07. Juni 2012

Reykjaviks neue Lokalhelden? Tilbury

Aschewolke und Fast-Staatspleite sind Vergangenheit. Wenn Island dieser Tage in den Medien thematisiert wird, dann a) als leuchtendes Beispiel für ein Land, das nach der Finanzkrise reinen Tisch gemacht, seine Finanzen in den Griff bekommen hat und sich mittlerweile wieder auf einem langsamen, aber stetigen Aufwärtspfad befindet. Man möchte fast meinen, dass Griechen und Spanier demnächst massenweise gen Nordatlantik verschifft werden, um sich von den Insulanern in funktionierender Krisenbewältigung schulen zu lassen. Und b) als neues europäisches Neuseeland, was die Verfilmung von Phantasy- und Science-Fiction-Stoffen angeht. So ist ein Teil der Mittelalter-Saga »Game Of Thrones« vor der Kulisse isländischer Gletscher gedreht worden, und Ridley Scotts neues Epos »Prometheus« dito. Die isländische Tourismusbehörde freuts: Sie rechnet mit einem Anstieg der Besucher, die auf den Spuren ihrer Helden wandeln wollen.

Wir wollen aber nicht vergessen, dass Island kaum mehr als 300.000 Einwohner hat und in der Reykjaviker Musikszene jeder jeden kennt. Man läuft sich über den Weg, beschnuppert sich, findet größere Gemeinsamkeiten und gründet eben eine Band. So war es bei Tilbury, die in diesem Frühjahr angetreten sind, um die neuen Lokalhelden zu werden. Mit einer feinen Mischung aus hippieseligem End-60er-Retropop, leicht angefolkten Tagträumereien, angenehm überspannten Synthies und sanft-zauseligen Vocals. Der Musiker Þormóður Dagsson hatte Tilbury zunächst als Soloprojekt begonnen, aber siehe da, es scharten sich immer mehr Freunde um ihn und die spielten bei bereits etablierten Bands wie Hjaltalín, Sin Fang und Amiina. Und irgendwann war man zu fünft, und die örtliche Buntpresse will das Quintett voreilig zur neuen isländischen Soupergroup hochjubeln. Gemach, gemach, so weit sind diese Jungspunde noch lange nicht, aber ihr jüngst vorgelegtes Debütalbum »EXORCISE« kommt zwar zunächst samtpfötig daher, aber kann durchaus die Gitarrenkrallen ausfahren. Oder alternativ die Loneley Hearts Club Band in Trompeternklänge ausbrechen lassen. Die Single »Tenderloin« ist angenehmster Stoff für entspanntes Treibenlassen zu pladderndem Regen und huschenden grauen Wolken.