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Foto nordische Landschaft

12. Juni 2012

Alternativprogramm mit Songs For The Sleepwalkers

Der finnische Singer-Songwriter Antti Reikko alias Koria Kitten Riot musste sich vor einigen Wochen doch sehr wundern: Nachdem er im Frühjahr erstmals eine kleine Deutschland-Tour gewagt hatte, wollte er im Frühsommer gerne wiederkommen, um sich hierzulande bekannter zu machen. Am liebsten Anfang bis Mitte Juni. Doch unerwarteterweise wollte ihn keiner buchen. Egal ob Nord oder Süd, ob großer oder kleiner Club. Des Rätsels Lösung: Die Fußball-Europmeisterschaft! Wenn der Großteil des potenziellen Publikums lieber in schwarz-rot-goldene Farben gewandet vor dem Bildschirm sitzt, dann bauen die Musikveranstalter lieber selbst Großleinwände auf, als Bands vor zwei oder drei Hanseln spielen zu lassen. Koria Kitten Riot kommen eben ein andermal.

Zu den wenigen Musikern, die in diesen Tagen auf Tour gehen, gehören die Tagträumer Songs For The Sleepwalkers, das Projekt des schwedisch-italienischen Songwriters Andrea Caccese aus Västerås am Mälarsee, der es sich heimelig auf den weiten Weiden zwischen Klampfen-Folkpop und schwärmerischen Indiepop eingerichtet hat. Zu diesen sanften Tönen lässt es sich trefflich träumen und ungestört schönen und eigewilligen Gedanken nachhängen. Das großäugige Staunen hat der Barde trotz aller Hindernisse, die das Leben vor ihm aufgetürmt hat, nicht verlernt. Das Debütalbum »OUR REHEARSED SPONTANEOUS REACTION« kommt zunächst samtpfötig daher, um erst in Songs wie »We Are Still Here« zu großer Geste und ebensolcher Instrumentierung auszuholen. Sigur Rós sind bei dieser emotionalen Dichte nie fern, aber auch Bon Iver lässt bei den zurückgenommeneren Songs grüßen. Die leise Traurigkeit zwischen den Zeilen bringt der Exil-Italiener schon von ganz alleine mit. Und die Lust am verhalten-experimentellen Songstrukturen sowieso. Dieses Album schlägt immer wieder überraschende Schlenker.

Dabei gibt sich der schwedische Schlafwandler bescheiden und entschuldigt sich in vorauseilendem Gehorsam für alle Fäden, die er hier nicht wirklich zusammenführen kann. Gar nicht nötig, denn gerade das Nicht-Festlegenwollen macht hier den eigentlichen Reiz aus! Also gibt es ausreichend Grund zur Vorfreude, denn Songs For The Sleepwalkers spielen morgen im sympthischen Kulturraum Zucker in Darmstadt. Allerdings beginnt das Konzert schon um 19 Uhr, denn ein Zugeständnis an die Fußball-Europmeisterschaft machen die Zuckerleute doch: Spätestens um 21 Uhr wollen wir doch das Spiel Niederlande versus Deutschland sehen!