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Foto nordische Landschaft

27. August 2012

Trigonometrie für Fortgeschrittene: Flow Festival 2012

Bescheiden und trotzdem selbstbewusst wirken? Wie soll das denn gehen? Wer Zweifel an dieser Kombination hat, ist an diesem Nachmittag beim Flow Festival im blauen Zelt bei den Burning Hearts genau richtig. Sängerin Jessika Rapo steht im weißen Hängerkleidchen und schwarzen Stiefeln souverän zurückhaltend auf der Bühne und ist doch mit ihrer unterkühlt-eleganten Stimme ganz präsent. Gemeinsam mit ihrem musikalischen Partner Henry Ojala hat Jessika im Frühjahr unter dem Namen Burning Hearts das wunderbare zweite Album »EXTINCTIONS« vorgelegt: Sehr erwachsene, irgendwie sehr beherrschte und sehr intelligente Popmusik, die gleichwohl leichtfüßig daherkommt, ohne dabei an Vielschichtigkeit zu verlieren. Dass beide Musiker bis vor nicht allzu langer Zeit bei den finnischen Königen des smithigen Verliererpops mitgewirkt haben, nämlich bei Cats On Fire, ist weder auf Platte noch live auszumachen: Mit deren bisweilen ins Larmoyante und Oberschlaue kippende Leiden an Leben und Liebe haben Burning Hearts nichts zu tun, obwohl sie den Twee-Tönen keinesfalls abgeschworen haben. Denn durch das musikalische Wirken des Duos schwingt eine latente Beunruhigung, die sich im Flirren zwischen Poppigem, Angefolkten und Balladigen stets spürbar ist. Live haben sich die Zwei durch eine Band verstärkt, was zwar erdiger und unmittelbarer wirkt, aber vielleicht einen Ticken von der flirenden Leichtigkeit mitnimmt. Gleichwohl folgen wir ihnen ohne zu fragen in die Wildnis!

Über der Welt von French Films scheint derzeit sowieso die Sonne: Das sympathische dicke-Lippe-Quintett aus Espoo hat in den vergangenen zwölf Monaten nicht nur sein Debütalbum vorgelegt, sondern sich auch außerhalb Finnlands bekannt gemacht. Die Mischung aus Unbekümmertheit, hohem Spaßfaktor und rotzigen Surfpop-Krachereien mit Gassenhauer-Potenzial hat nun an diesem strahlend schönen Frühherbsttag dazu geführt, dass French Films sich unversehens auf der Hauptbühne vor geschätzten tausend Zuschauern wiederfinden und sich auf dem riesigen Fläche zunächst fast verlieren. Aber einschüchtern lassen? Wir doch nicht! Sänger Johannes Leppännen findet seine Frechheit nach anfänglichem Fremdeln schnell wieder. Rasch mit den Bandkollegen abgelacht und dann noch ein paar neue Stücke aus dem Ärmel geschüttelt, was nebenbei bemerkt auch mal Zeit wurde. Das Publikum aber liebt wie wohl fast überall das Bewährte und Etablierte und singt beim Tanzstücken »Golden Sea« textgenau mit. Macht auch Spaß an diesem unbeschwerten Nachmittag!

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21. August 2012

Mikko Joensuu. Und dann lange nichts. Flow Festival 2012

Sehr früh zum Festival kommen am Samstag. Seinetwegen. Weil Mikko Joensuu, Mastermind hinter dem experimentellen Neokrautrock-Trio Joensuu 1685, seit Jahren als Solokünstler in der Versenkung verschwunden ist. Joensuu 1685 als Band liegt auf Eis. Ob das Projekt wiederbelebt wird, ist unklar. Mikko Joensuu selbst, dieser ungemein begabte Musiker, hat sein Können zuletzt in die Dienste der Chanteuse Manna gestellt, die sich mit bislang mäßigem Erfolg als Femme Fatale der finnischen Indieszene etablieren will. Aber jetzt, nachmittags um drei, steht Mikko Joensuu allein auf der Bühne. Sieht mehr denn je aus wie eine Mischung aus gegenweltigem Waldschrat und wiedergeborenem Christen. Oder ein Pilger, dem alle Äußerlichkeiten egal sind. Was ihm jedoch mühelos gelingt: Die Bühne eine Stunde lang mühelos mit seiner Persönlichkeit zu füllen. Zuerst mit bluesig-kathartischen Songs zur Gitarre, in denen es um Tod, Verdammnis, Teufel, Gott und eine nur fern zu erahnende Erlösung geht. Nick Cave ist eine Frohnatur im Vergleich zu diesem Mann, dem das strähnige mausblondeHaar beständig ins Gesicht fällt. Rauhe Gefühle, tiefempfundene Seelenpein, fast fanatisch zu nennende Sinnsuche. Aber damit will es Mikko Joensuu nicht bewenden lassen. Er wechselt zu Orgel und elektronischem Verzerrgeräuschen und verliert sich in dronigen, süchtig machenden, repetitiven noisigen Klangmustern. Die aber ebenso von der Qual dieser gequälten, suchenden Seele künden. Und nein, das klingt keineswegs depressiv, es klingt ungemein lebendig, ungeheuer intensiv und haut einem rücklings auf den Boden. Ein gesamter Saal gespannt lauschender Zuhörer wäre Mikko Joensuu auch noch zwei weitere Stunden auf seiner Suche nach dem heiligen Gral oder der Verdammnis gefolgt. Am Schluss gibt es Standing Ovations. Und nein, die neuen Solotöne des Herrn Joensuu sind nirgendwo in den Weiten des Web zu hören, es gibt keine Website, es gibt nur diese Stunde. Und ein verwackeltes iphone-Foto der Polarbloggerin. Ansonsten ist das erste und wohl einzige Joensuu-1685-Album eines der besten, die in den vergangenen Jahren in Finnland erschienen ist.

Fast schüchtern wirken dagegen Black Twig. Die fuzzpoppigen Nachwuchs-Indierocker, eine der viel versprechendsten Bands auf Nick Trianis neuem Soliti-Label, fremdeln sichtbar mit der großen Bühne im blauen Zelt. Tja, es ist schon etwas anderes, vor 400 oder fünfhundert Zuschauern zu spielen als in kleinen Clubs! Die Jungspunde brauchen eine Anlaufphase, um ihre posthippieseken Songs sich entfalten zu lassen. Live wirken die Songs leichter und westküstiger als auf Platte. Und das aufblitzende Lächeln des Sängers entschädigt für einige Ungelenkheiten. Entspannt euch, Jungs, lasst die Gitarren scheppern und zelebriert lustvoll eure Uhuu-Gesänge, wir lauschen euch wohl!

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16. August 2012

Weltschmerz-Schick und Luftballon-Ästhetik: Flow Festival 2012

Erstmal die Jacke bis unters Kinn zuknöpfen und den leichten Schal möglichst dekorativ um den Hals schlingen: Mitte August gibt sich Helsinki am ersten Tag des Flow Festivals bereits herbstlich. Einzig die verschwenderisch in Suvilahti verteilen roten Luftballons verbreiten zunächst fröhliche Farbkleckse. Aber gemach: Wir sind ja nicht zum Sonnenbaden in die finnische Hauptstadt gekommen! Wie immer ist es eine Freude, dass sich die Menge auf dem ausgedehnten Festivalgelände so entspannt verteilen kann und es ausreichend ruhige Ecken zum Hinsetzen und Ausruhen gibt. Dass die Bierpreise mit sieben Euro plus Pfand beinahe schon isländisches Niveau erreichen, hält die Finnen und andere Besucher übrigens nicht vom ausführlichen Konsumieren ab. Die Firma Heineken dürfte das freuen.

Mit fliegenden Haaren am Freitag in Helsinki angekommen und gerade noch die letzten Minuten des Auftritts der finnischen Neo-Progsynthrocker Siinai mitbekommen, die an diesem Abend von Spencer Krug alias Moonface von Wolf Parade unterstützt werden. Die majestätisch ausufernden Klanglandschaften irgendwo in der Tradition zwischen Vangelis und Can sind nicht für alle Tage, aber warum nicht mit überlebensgroßen Gefühlen in das Festival einsteigen und das Haupthaar gemächlich schütteln?

Die Festival-Macher dürften dagegen an diesem Tag weniger glücklich gewesen sein: Nachdem mit Bobby Womack bereits vor einigen Wochen einer der international bekanntesten Acts seine Absage verkündet hatte, muss nun auch Nachwuchsstar Frank Ocean kurzfristig passen. Stimmprobleme! So muss die Neugier unbefriedigt bleiben. Lieber ins Unbekannte aufbrechen, in den ehemaligen Maschinenraum, der zu Festivalzeiten von Sami Sanpäkkilä vom experimentellen Fonal-Label in einen höhlenartigen Veranstaltungsort namens Cirko verwandelt wird. Dort lässt sich auf voluminösen Sitzkissen bequem absonderlichen Tönen lauschen. Die Musik wählt Meister Sanpäkkilä persönlich aus. Seremonia aus Finnland lassen es mit rauh-rockigen In-A-Gadda-Da-Vida-Geschrammel auf böse Buben- und Mädchenart angehen. Psychedelischer Hardrock mit fuzzigen Gitarren und dezidiert schwarz ummalten Augen. Da können aufmüpfige Mädchen unter Alkoholeinfluss schnell mal auf Abwege geraten!

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10. August 2012

Devil Side 2012: Sonntag – Poser, Stofftiere und viel Spaß

Der sonnigste Tag des Festivals fängt für mich mit der düstersten Band an: Kellermensch. Bisher habe ich die Dänen nur einmal an einem ebenso schönen Tag wie heute Open Air gesehen. Damals fand ich sie fast partytauglich. In der Turbinenhalle, einer ehemaligen Industrieanlage, und mit anderem Outfit – alle in schwarz – passt der Bandname viel besser. Die knatternden Gitarren und die Melodie- und Tempowechsel erzeugen einen bizarren Klang, der für das Publikum offensichtlich gewöhnungsbedürftig ist.

Direkt im Anschluss das Kontrastprogramm – Party mit Kissin’ Dynamite(D). Der Hair Metal kehrt zurück: enge Hosen, Schminke, Leopardenlook, auftoupiertes gestuftes Haar und perfektes Posing. Sehr amüsante Show. Ich wundere mich nur, was der silberne Riesendildo soll, den der Sänger Johannes Braun ständig durch die Luft wirbelt. Beim Lied »I Will be King« verstehe ich: Er hüllt sich einen Königsumhang – der silberne Stab ist ein Zepter.

Nach dem Konzert genieße ich die Sonne und komme erst zu Biohazard (USA) wieder zurück in die Turbinenhalle. Wie in den letzten beiden Tagen ist jetzt um 17 Uhr noch nicht viel los, aber für einen Mini-Circlepit reicht es immerhin.

Kaum hören Biohazard auf zu spielen, drängen sich Frauen mit Stofftieren in die erste Reihe. Ich wusste nicht, dass Powerwolf (D) solch einen Boy-Group-Faktor haben. Immerhin werden die Löwen und Tiger – warum eigentlich keine Wölfe? – nicht auf die Bühne geschmissen. Aber die Show ist sehr gut inszeniert, es macht Spaß zuzugucken und das Publikum beteiligt sich begeistert. Kompletten Beitrag lesen …

09. August 2012

Devil Side 2012: Samstag – Bier, Beruhigungsmittel und noch ein Bier

Am Samstag komme ich um 13 Uhr auf das Gelände, gerade rechtzeitig zu Alestorm. Wer meint, diese Band singe nur über britische Biertrinker, liegt falsch: Auch Lieder über Rum und norwegische Säufer sind dabei. Die Schotten haben sichtlich Spaß, trotz der wenigen Zuschauer, die sich um diese undankbare Uhrzeit eingefunden haben. Obwohl ich nüchtern bin, reißen sie mich durch ihre ansteckende gute Laune mit.

Saint Vitus dagegen, die sich in Zeitlupe über die Bühne bewegen, machen mich irgendwie müde. Erst hinterher erfahre ich, dass das neueste Album der Amerikaner »Lillie: F-65« nach einem starken Beruhigungsmittel benannt ist – wie passend.

Ich fahre auf den Zeltplatz, um zu The Carburetors (N) wieder auf das Gelände zurückzukehren. Die letzten Songs von Skindred (GB) bekomme ich gerade noch mit. Aber die Band irritiert mich, da sie sich anscheinend nicht entschieden kann, ob sie Metal, HipHop oder Reggae spielen soll.

The Carburetors ist eine der vielen skandinavischen Gruppen, die den klassischen Rock’n’Roll zurück auf die Bühne bringen. Inklusive aller Klischees: Sonnenbrillen, enge Jeans, Haartolle. Eigentlich partytauglich, aber die Menge kommt auch heute erst gegen 18 Uhr wieder in die Gänge. Kompletten Beitrag lesen …

 
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