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Foto nordische Landschaft

07. August 2012

Schepper, Schlepper, Bauernfänger? Waldo & Marsha

Ein gewisses Faible für harmonisches Gitarrengeschepper kann ich nicht ganz verbergen. Besonders dann nicht, wenn es psychedelisch eingefärbt daherkommt, aber nicht allzu schafsblöd an der Vergangenheit klebt. Und ein weiches Herz für Großgruppen habe ich sowieso! Gute Voraussetzungen also, um Waldo & Marsha vorzustellen, die trotz ihres Bandnamens keinesfalls aus Height Ashbury stammen, sondern aus einem anderen Küstenstädtchen: dem dänischen Arhus. Die acht (!) jungen Männer (selbst bei längerem Betrachten kann ich auf dem Bandfoto unter den Zottelhaaren kein Mäddchen im Herrenklub ausmachen) kommen so unbekümmert daher wie kindliche Kirmesgänger und spielen eine leichte, entspannte Mélange aus Indiepop, Uhuu-Wohlklang, Wipperei, Früh-Seventies-Räucherstäbchenrock á la Caravan und bisschen Smells Like Teen Spirit. Das kommt alles vom Sound her sehr satt, aber durchaus locker und souverän daher. Man möchte sofort das grell orangefarbene, selbst gefärbte Batik-T-Shirt aus der hintersten Schublade hervorkramen und willig das Haupthaar schütteln. Und sich in angenehmen Tagträumen verlieren. Man fragt sich nur mitunter im Halbgedanken: Wo ist eigentlich Marsha?

Das muntere Oktett hat 2011 beim dänischen Spot Festival in seiner Heimatstadt so überzeugt, dass es vom Speed Of Sound-Label unter Vertrag genommen wurde und werkeln an ihrem Debütalbum. Und surfen im schönen Song »Made You« entspannt auf den Wolken.

Die Hauptstädter unter uns sind wieder einmal privilegiert, denn Waldo & Marsha treten am 5. September bei der Berlin Music Week im Rahmen einer Danish Invasion im Rosi´s auf. Eine gute Gelegenheit übrigens, um auch die angenehm verfreaktfolkten Nachwuchskräfte von Boho Dancer erstmals in Deutschland zu hören!

Die Provinz braucht sich im Gegensatz zu einem Albumtitel von Cats On Fire keineswegs zu beklagen, denn eines der bislang schönsten Konzerte des Jahres fand gestern abend auf heimischem Terrain in Darmstadt statt: Die wunderbar eigenwillige, garstige und sanftstimnmige isländische Sängerin Sóley war von den rührigen Machern von Bedroomdisco als eine der KünstlerInnen angefragt worden, die man sehr gerne mal im Rahmen der Wohnzimmerkonzerte präsentieren wollte. Der andere Kandidat antwortete nichtmal, Sóley sagte dagegen sofort zu. Das Konzert war vom Wohnzimmer in den abgwrackten Club 603qm verlegt worden, der eigentlich für Konzerte gesperrt ist (Vorgeschichte ist eine lange Lokaltragödie unter führender Beteiligung eines ruhebedürftigen Hotelneubaus in der Nähe). Und da die Isländerin die leisen Töne pflegt, wurde wohl eine Ausnahme gemacht. Die Bedroom-Leute schmückten die kahle Halle liebevoll mit Lampen, Lichterketten und grünen Filzbäumchen. Und schau einer an: An einem Montagabend ist der Club gerappelt voll von Leuten, die wie üblich nur per digitaler Mundpropaganda an der Kartenverlosung teilnehmen konnten. Schluck! Sóley selbst lässt sich von der heimeligen Atmosphäre andächtig und respektvoll lauschener Zuhörer, die auf Picknickdecken auf dem harten Betonboden ausharren, so sehr beeindrucken, dass sie sich zu den Worten hinreißen lässt: »I almost love you, Darmstadt. But you know, love is a complicated thing. So I say: Darmstadt, I like you very much!« Ansonsten ist es wie immer eine Freude, der bebrillten Isländerin zu lauschen, die uns auf wunderbarsten isländisch eingefärbten Englisch in wunderliche und keineswegs beschauliche Gegenwelten entführt, in denen Vögel durchaus einmal ihr Leben zwecks Herstellung eines neuen Kleides lassen müssen.

Sóley: Smashed Birds from morr music on Vimeo.

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