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Foto nordische Landschaft

16. August 2012

Weltschmerz-Schick und Luftballon-Ästhetik: Flow Festival 2012

Erstmal die Jacke bis unters Kinn zuknöpfen und den leichten Schal möglichst dekorativ um den Hals schlingen: Mitte August gibt sich Helsinki am ersten Tag des Flow Festivals bereits herbstlich. Einzig die verschwenderisch in Suvilahti verteilen roten Luftballons verbreiten zunächst fröhliche Farbkleckse. Aber gemach: Wir sind ja nicht zum Sonnenbaden in die finnische Hauptstadt gekommen! Wie immer ist es eine Freude, dass sich die Menge auf dem ausgedehnten Festivalgelände so entspannt verteilen kann und es ausreichend ruhige Ecken zum Hinsetzen und Ausruhen gibt. Dass die Bierpreise mit sieben Euro plus Pfand beinahe schon isländisches Niveau erreichen, hält die Finnen und andere Besucher übrigens nicht vom ausführlichen Konsumieren ab. Die Firma Heineken dürfte das freuen.

Mit fliegenden Haaren am Freitag in Helsinki angekommen und gerade noch die letzten Minuten des Auftritts der finnischen Neo-Progsynthrocker Siinai mitbekommen, die an diesem Abend von Spencer Krug alias Moonface von Wolf Parade unterstützt werden. Die majestätisch ausufernden Klanglandschaften irgendwo in der Tradition zwischen Vangelis und Can sind nicht für alle Tage, aber warum nicht mit überlebensgroßen Gefühlen in das Festival einsteigen und das Haupthaar gemächlich schütteln?

Die Festival-Macher dürften dagegen an diesem Tag weniger glücklich gewesen sein: Nachdem mit Bobby Womack bereits vor einigen Wochen einer der international bekanntesten Acts seine Absage verkündet hatte, muss nun auch Nachwuchsstar Frank Ocean kurzfristig passen. Stimmprobleme! So muss die Neugier unbefriedigt bleiben. Lieber ins Unbekannte aufbrechen, in den ehemaligen Maschinenraum, der zu Festivalzeiten von Sami Sanpäkkilä vom experimentellen Fonal-Label in einen höhlenartigen Veranstaltungsort namens Cirko verwandelt wird. Dort lässt sich auf voluminösen Sitzkissen bequem absonderlichen Tönen lauschen. Die Musik wählt Meister Sanpäkkilä persönlich aus. Seremonia aus Finnland lassen es mit rauh-rockigen In-A-Gadda-Da-Vida-Geschrammel auf böse Buben- und Mädchenart angehen. Psychedelischer Hardrock mit fuzzigen Gitarren und dezidiert schwarz ummalten Augen. Da können aufmüpfige Mädchen unter Alkoholeinfluss schnell mal auf Abwege geraten!

Einige Freunde in der Menge treffen und andere (noch) verpassen, dafür mit Unbekannten ins Gespräch kommen. Wer sagt denn, das alle Finnen schweigende Stoffel sind? Unsinn! Derweil profitieren die Schweden und der Amerikaner von Miike Snow von der Absage des Herrn Ocean und schaffen es kurzfristig auf die Hauptbühne. So waldschratig hatte ich mir die Edel-Elektropopper aus Stockholm wirklich nicht vorgestellt! Aber Respekt, Respekt: Der dekorative Weltschmerz kommt live sehr ehrlich, sinnlich und unmittelbar daher. Und dabei durchaus tanzbar! Wir leiden vollen Herzens mit, wenn die Herren an einer Dame namens Silvia verzweifeln. Und nehmen uns vor, endlich ausführlicher in das neue Album hereinzuhören.

Miike Snow – Silvia – Official music video from Miike Snow on Vimeo.

Das Flow Festival will übrigens nicht nur mit Musik punkten. Man kann hier auf dem verwinkelten ehemaligen Fabrikgelände durchaus in eine Vernissage hereinstolpern oder sich anspruchsvolle Kurzfilme ansehen. Und dafür, dass das Festivalgelände bei Dunkelheit in magische Lichter getaucht wird, haben die Macher ebenfalls gesorgt. So tritt die schwedische Chanteuse Lykke Li vor der Kulisse eines künstlichen Mondes auf. Schön! Zu Frau Li habe ich ein etwas gespaltenes Verhältnis. Es ist de facto so, dass ich noch am nächsten Tag ihren Überhit »I Follow Rivers« vor mich hinsinge und von Songtexten wie »sadness, I am your girl« durchaus augenzwinkernd angetan bin. Aber an diesem Abend übertreibt es die in einen stylishen Lackledermantel und klobige 50-Zentimeter-Absätze-Schuhmonstren gezwängte Diseuse doch ein bisschen mit den überlebensgroßen Gesten. Die Bühnenpräsenz wirkt kalkuliert, unterkühlt, überraschungsfrei. Umso erfreulicher, dass der beste Auftritt des Abends unerwarteterweise von einer ebenso quietschlebendigen wie quietschbunten Truppe aus Neuseeland kommt: Dem Orchestra Of Spheres! Die in bunte Phantasiekostüme gekleidete, vierköpfige Truppe spielt gekonnt mit traditionellen Gamelan-Klängen, Marimba, elektronischen Glocken und anderem exotischen Instrumentarium, bis die Ohren und Füße heiß werden. Im Cirko hält es keinen mehr auf den bequemen Polstern: Der ganze Saal tanzt!

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