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Foto nordische Landschaft

21. August 2012

Mikko Joensuu. Und dann lange nichts. Flow Festival 2012

Sehr früh zum Festival kommen am Samstag. Seinetwegen. Weil Mikko Joensuu, Mastermind hinter dem experimentellen Neokrautrock-Trio Joensuu 1685, seit Jahren als Solokünstler in der Versenkung verschwunden ist. Joensuu 1685 als Band liegt auf Eis. Ob das Projekt wiederbelebt wird, ist unklar. Mikko Joensuu selbst, dieser ungemein begabte Musiker, hat sein Können zuletzt in die Dienste der Chanteuse Manna gestellt, die sich mit bislang mäßigem Erfolg als Femme Fatale der finnischen Indieszene etablieren will. Aber jetzt, nachmittags um drei, steht Mikko Joensuu allein auf der Bühne. Sieht mehr denn je aus wie eine Mischung aus gegenweltigem Waldschrat und wiedergeborenem Christen. Oder ein Pilger, dem alle Äußerlichkeiten egal sind. Was ihm jedoch mühelos gelingt: Die Bühne eine Stunde lang mühelos mit seiner Persönlichkeit zu füllen. Zuerst mit bluesig-kathartischen Songs zur Gitarre, in denen es um Tod, Verdammnis, Teufel, Gott und eine nur fern zu erahnende Erlösung geht. Nick Cave ist eine Frohnatur im Vergleich zu diesem Mann, dem das strähnige mausblondeHaar beständig ins Gesicht fällt. Rauhe Gefühle, tiefempfundene Seelenpein, fast fanatisch zu nennende Sinnsuche. Aber damit will es Mikko Joensuu nicht bewenden lassen. Er wechselt zu Orgel und elektronischem Verzerrgeräuschen und verliert sich in dronigen, süchtig machenden, repetitiven noisigen Klangmustern. Die aber ebenso von der Qual dieser gequälten, suchenden Seele künden. Und nein, das klingt keineswegs depressiv, es klingt ungemein lebendig, ungeheuer intensiv und haut einem rücklings auf den Boden. Ein gesamter Saal gespannt lauschender Zuhörer wäre Mikko Joensuu auch noch zwei weitere Stunden auf seiner Suche nach dem heiligen Gral oder der Verdammnis gefolgt. Am Schluss gibt es Standing Ovations. Und nein, die neuen Solotöne des Herrn Joensuu sind nirgendwo in den Weiten des Web zu hören, es gibt keine Website, es gibt nur diese Stunde. Und ein verwackeltes iphone-Foto der Polarbloggerin. Ansonsten ist das erste und wohl einzige Joensuu-1685-Album eines der besten, die in den vergangenen Jahren in Finnland erschienen ist.

Fast schüchtern wirken dagegen Black Twig. Die fuzzpoppigen Nachwuchs-Indierocker, eine der viel versprechendsten Bands auf Nick Trianis neuem Soliti-Label, fremdeln sichtbar mit der großen Bühne im blauen Zelt. Tja, es ist schon etwas anderes, vor 400 oder fünfhundert Zuschauern zu spielen als in kleinen Clubs! Die Jungspunde brauchen eine Anlaufphase, um ihre posthippieseken Songs sich entfalten zu lassen. Live wirken die Songs leichter und westküstiger als auf Platte. Und das aufblitzende Lächeln des Sängers entschädigt für einige Ungelenkheiten. Entspannt euch, Jungs, lasst die Gitarren scheppern und zelebriert lustvoll eure Uhuu-Gesänge, wir lauschen euch wohl!

Dass die norwegische Sängerin Ane Brun in Finnland eine riesige Fangemeinde hat, ist eine der erstaunlichsten Überraschungen des Nachmittags. Nase an Nase drängen sich die Zuhörer und singen textgenau mit. Brun, die in ihrem weißen Walle-Gewand wie die Enkelin von Gandalf wirkt, kommt fast zu betulich daher. Oder liegt das nur an der andächtigen Stimmung im Zelt? Der Funke will nicht so recht überspringen.

Und endlich! endlich! an diesem Tag noch einem wahrhaften Zauberer lauschen. Lindstrøm! Bringt es der intelligente und unvorhersehbare norwegische Elektroniktanzmeister dazu, dass ein gesamtes schwarzes Zelt überkochend zu seinen kunstvoll vertricksten Beats abhottet? Aber ja! Dazu braucht es keine magischen Beschwörungsformeln, sondern nur Hingabe, eines unverschämtes Grinsen in den Mundwinkeln und der Bereitschaft, die Welt federleichter zu machen. Lass uns denken und wippen, Baby!

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