Trigonometrie für Fortgeschrittene: Flow Festival 2012
Bescheiden und trotzdem selbstbewusst wirken? Wie soll das denn gehen? Wer Zweifel an dieser Kombination hat, ist an diesem Nachmittag beim Flow Festival im blauen Zelt bei den Burning Hearts genau richtig. Sängerin Jessika Rapo steht im weißen Hängerkleidchen und schwarzen Stiefeln souverän zurückhaltend auf der Bühne und ist doch mit ihrer unterkühlt-eleganten Stimme ganz präsent. Gemeinsam mit ihrem musikalischen Partner Henry Ojala hat Jessika im Frühjahr unter dem Namen Burning Hearts das wunderbare zweite Album »EXTINCTIONS« vorgelegt: Sehr erwachsene, irgendwie sehr beherrschte und sehr intelligente Popmusik, die gleichwohl leichtfüßig daherkommt, ohne dabei an Vielschichtigkeit zu verlieren. Dass beide Musiker bis vor nicht allzu langer Zeit bei den finnischen Königen des smithigen Verliererpops mitgewirkt haben, nämlich bei Cats On Fire, ist weder auf Platte noch live auszumachen: Mit deren bisweilen ins Larmoyante und Oberschlaue kippende Leiden an Leben und Liebe haben Burning Hearts nichts zu tun, obwohl sie den Twee-Tönen keinesfalls abgeschworen haben. Denn durch das musikalische Wirken des Duos schwingt eine latente Beunruhigung, die sich im Flirren zwischen Poppigem, Angefolkten und Balladigen stets spürbar ist. Live haben sich die Zwei durch eine Band verstärkt, was zwar erdiger und unmittelbarer wirkt, aber vielleicht einen Ticken von der flirenden Leichtigkeit mitnimmt. Gleichwohl folgen wir ihnen ohne zu fragen in die Wildnis!
Über der Welt von French Films scheint derzeit sowieso die Sonne: Das sympathische dicke-Lippe-Quintett aus Espoo hat in den vergangenen zwölf Monaten nicht nur sein Debütalbum vorgelegt, sondern sich auch außerhalb Finnlands bekannt gemacht. Die Mischung aus Unbekümmertheit, hohem Spaßfaktor und rotzigen Surfpop-Krachereien mit Gassenhauer-Potenzial hat nun an diesem strahlend schönen Frühherbsttag dazu geführt, dass French Films sich unversehens auf der Hauptbühne vor geschätzten tausend Zuschauern wiederfinden und sich auf dem riesigen Fläche zunächst fast verlieren. Aber einschüchtern lassen? Wir doch nicht! Sänger Johannes Leppännen findet seine Frechheit nach anfänglichem Fremdeln schnell wieder. Rasch mit den Bandkollegen abgelacht und dann noch ein paar neue Stücke aus dem Ärmel geschüttelt, was nebenbei bemerkt auch mal Zeit wurde. Das Publikum aber liebt wie wohl fast überall das Bewährte und Etablierte und singt beim Tanzstücken »Golden Sea« textgenau mit. Macht auch Spaß an diesem unbeschwerten Nachmittag!
Vor Mannas klischeehaften Vampgehabe flüchten wir nach zwei, drei Stückchen, obwohl bei der finnischen Chanteuse mit arabischen Wurzeln der Mann des Vortages an der Gitarre steht: Mikko Joensuu. Der Dame fehlt es letztendlich an Ausstrahlung. Lieber ab ins schwarze Zelt, wo mit Sin Cos Tan eines der interessantesten neuen Projekte der finnischen Elektronik-Musikszene erst zum zweiten Mal überhaupt auf der Bühne steht, wie Freunde glaubhaft versichern. Soundtüftler und Altmeister Jori Hulkkonen hat sich hier mit Villa-Nah-Sänger Juho Paalosmaa zusammengetan, und im Ergebnis klingen diese in Düstertöne gehüllten Soundtüfteleien schlau, urban und sehr tanzbar! Für Freunde mathematischer Formeln bietet das Duo auch noch angenehme Erinnerungen an die Welt der der Trigonometrie (wir erinnern uns, ich nur schwach: Sinus, Cosinus und Tangens) Herr Hulkkonen und Herr Paalosmaa sind selbstverständlich schwarz gewandet, tänzeln sparsam, leiden mit Stil an der Liebe und ästhetisieren diese Erfahrung. Im Ergebnis kommen die Songs gleichwohl sehr leicht und garnicht verkopft daher, und am Ende tanzt fast das ganze Zelt entrückt, mit halb geschlossenen Augen. Durchaus eine Entdeckung. Björk hat übrigens später auch noch gespielt und sich sehr für die Kolleginnen von Pussy Riot eingesetzt. Aber das ist eine andere Geschichte.
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