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Foto nordische Landschaft

09. September 2012

Oh, Russell und Patti! Oder doch lieber Asonat und Mr. Silla?

Island ist hip. So sehr, dass im südlichen Teil der Insel die Zahl der Touristenbusse so bedrohlich angestiegen ist, dass man lieber in den Norden flüchtet, wennn man seine Ruhe haben will, wie ein Freund berichtet, der jüngst auf der Insel war. Island ist so hip, dass das Iceland Airwaves Festival Ende Oktober bereits seit ein paar Wochen ausverkauft ist. Island ist hip als Drehort für Filme, so dass Stars wie Russell Crowe oder Tom Cruise Wochen an malerisch abgelegenen Orten verbringen. Crowe, der dort gerade die Titelrolle einer Verfilmung des Lebens von Noah (ja, dem mit der Arche!) spielt, war von Island so angetan, dass er im Rahmen der Kulturnacht Reyjkavik gleich drei Mal als Sänger auftrat und ganz zum Schluss noch Patti Smith als special guest auf die improvisierte Bühne bat. Weil sie zufällig gerade auch in Reykjavik war. Man spielte natürlich den Klassiker »Because The Night«. Ja, so hip ist Island!

Den Hauch von Hollywood-Glamour braucht man in Reykjavik eigentlich nicht. Weil die lokale Musikszene weiter ganz alleine leuchtet und die Sternschnuppen nur so aufblitzen. Unter den Künstlern, die zum ersten Mal auf dem Festival auftreten, sind gleich wieder einige dabei, die neugierig machen. Wie Asonat und Mr. Silla, die ich auf Empfehlung das erste Mal höre. Fangen wir doch gleich mit Asonat an, einem übermütigen Electronic-Duo, das über ebenso viel Spielfreude wie Anarchie verfügt und sich irgendwo im Niemandsland zwischen Kettenkarussell und Geisterbahn bewegt. Der 22-Minüter »Arni Vector – Arni Raftonar« ist eine Tour de Force durch die Populärmusik, bis einem die Ohren nur so schlackern, wenn der Track bei einem ausufernden Zitat von Donna Summers I Feel Love« landet. Uff! Fannar Ásgrímsson und Jónas Thór Guðmundsson sind bestens vernetzte Musiker, die sich für ihr Debütalbum »LOVE IN TIMES OF REPETITION« Unterstützung von der französischen Chanteuse Olena Simon und der japanischen Sängerin Chihiro gesichert. Das klingt alles sehr strange und dann doch wieder zugänglich. Warum das Duo den unter dem Label »Countrystep« abgelegten Song »Austurviður« partout nicht herausbringen wollen, bleibt allerdings unverständlich.

Bei Mr. Silla geht es einmal mehr um die Kraft des Kollektivs. Das Sextett besteht aus Musikern, die sich bei Veteranen der isländischen Musikszene wie Múm, Amiina, Seabear oder Kimono ihre Meriten verdient haben. Die Musiker um Sängerin und Gitarristin Sigurlaug Gísladóttir spielen verlangsamten, unterkühlten, leicht countryesken Rock. So weit, so unaufregend. Nachtmusik eben. Sehnsuchtsmusik, die sich Zeit lässt. Und darüber sinniert, warum man bloß so lange dageblieben ist. Ohne die geliebte Person. Das klassische Dilemma. Aber trotzdem: Ab und zu braucht man diese klassischen Töne. Um sich zu wärmen und weiterzumachen.