Home
Foto nordische Landschaft

14. Oktober 2012

Aufbruch ins Unbekannte mit Delay Trees

Dauernieselregen und graue Himmel. Also keine Strafe, zuhause zu bleiben, dies und jenes zu kramen und erfreut festzustellen, dass der sympathischste Plattenladen Helsinkis, nämlich Stupido Records, das Ende kommender Woche erscheinende zweite Album von Delay Trees mit dem schönen Titel »DOZE« zur Gänze als Stream in sein Blog gestellt hat. Der selbstbetitelte Erstling der Finnen hatte es im Jahr 2010 auf meine Jahresbestenliste geschafft. Mit federleichtem, sanft traurigem und traumverlorenem, verhalten hymnischem Indiepop. Die Band aus Helsinki schaffte es zudem als erste finnische Band überhaupt, im Soundtrack von Grey´s Anatomy aufzutauchen, der leicht in die Jahre gekommenen US-Ärztesoap mit dem Händchen für anspruchsvolle Indieklänge.

Delay Trees haben inzwischen die Plattenfirma gewechselt und sind bei Nick Trianis Soliti-Label untergekommen, wo sich ohnehin schon (fast) alles tummelt, was in der Independent-Szene viel versprechend klingt. Und Triani hat dem Quartett offenkundig freie Hand gelassen, denn der Zweitling ist dezidiert anders ausgefallen als das im Vergleich deutlich gefälliger klingende Debütalbum. Delay Trees nehmen sich Zeit, gehen neue Wege, lassen die Songs auch mal postrockig ausufern oder schlagen härtere Klänge an. Die Band selbst sagt, dass man nicht bis zum Ende aller Tage in der Ecke »harmonischer Popsong« verharren will. Und dass »DOZE« deshalb ein Album des Übergangs ist. Etwa in Richtung instrumentaler Ambientklänge. Also muss man hier erstmal Geduld mitbringen und sich auf sperrigeres Liedgut einlassen. Aber wenn man die Ohren vorurteilsfrei aufsperrt, dann wachsem diesem Album allmählich Flügel. Ganz besonders im Song »Pause«, der ganz langsam Fahrt aufnimmt und dann geradezu triumphierend zu Synthieklängen abhebt. Nein, der Empfindsamkeit des Pop haben Delay Trees noch nicht abgeschworen!

Der Herbst übrigens ohnehin eine Jahreszeit, in der man besonders intensiv Musik hört (weil man wegen des schwindenden Lichts besonderen Seelentrost braucht?) und die Konzertdichte mitunter atemberaubend ist, während man selbst doch schon mit roten Bäckchen das Off-Venue-Programm des Iceland Airwaves-Festivals studiert und sich schon drei Wochen vorher kringelig darauf freut. (Blogkolloge IceBlah hat übrigens genau zu diesem Thema einen sehr lesenswerten Beitrag verfasst). Und so kommt es, dass man sich innerhalb einer Woche am sinfonischen Piano-Pop des wunderbaren Einar Stray erfreuen kann, des Mannes, der so schön ungelenk auf Strümpfen daherkommt und seine Beine am liebsten verknoten würde, wenn das nur ginge. Und an den kargen Klavier-Kangwelten von Ólafur Arnalds, der dieser Tage mit seinen Labelmates von Erased Tape Records unterwegs ist. Und gleich noch nach Mannheim flitzt, um einer mir bislang unbekannten norwegische Chanteuse namens Mari Kvien Brunvoll zu lauschen, die mit Vorliebe Zither- und Kalimbaklänge sampelt. Dürfte interessant werden!

08. Oktober 2012

Winter is coming: Ein Folk-Revival. Mit Eva & Manu, etwa

Der Winter kommt, der Wind bläst uns eisiger ins Gesicht, so dass wir fröstelnd die Schultern hochziehen und den Ringelschal enger um die Hals ziehen. Vielleicht sind es auch die sich eintrübenden Wirtschaftsaussichten, die viel junges Volk auf der diesjährigen Ausgabe des Hamburger Reeperbahnfestivals zu den Konzerten der Neo-Folker treiben. Vielleicht, um sich Herz und Hände ein wenig wärmen zu lassen. Von handgemachten, zarten Songs und selbstverständlicher Paarharmonie. Sind doch nicht zu verachten, scheinbar, diese altmodischen Werte. Jedenfalls ist es auffällig, dass die Augen der Zuhörer gerade bei den kleinen, akustischen Konzerten besonders glänzen.

Etwa beim Auftritt des supersympathischen finnisch-französischen Duos Eva & Manu im heimligen Kiez-Club Hasenschaukel, wo der nette Kayan den Eintritt regelt und dafür sorgt, dass sich nicht zu viele Menschen in den wohnzimmergroßen Raum drängeln. Eva & Manu haben ihr selbst betiteltes Debütalbum in Finnland, man staune, bei einem Major-Label herausgebracht. Kennengerlernt haben sich die zwei auf ausgedehnten Reisen, wo man die Seelen- und Herzensverwandtschaft entdeckte. In der Hasenschaukel kann man die zwei aus der drittletzten Reihe nur sehen, wenn man sich auf die Zehenspitzen stellt. Aber das tut wenig zur Sache, weil es hier um emotionale Wärme, selbstverständliches Harmonieren, ansprechende Schöngesänge und nicht zuletzt um intelligentes Songwriting geht. Und ums Erzählen von schwebend leichten Geschichten auf der Bruchkante zwischen Alltag und Wunderwelt. Und ums Erwachsenwerden, ums Suchen und Finden, natürlich!

Die beiden beherrschen ihre Zwischentöne, kommen mit ihrer Variante des akustischen Indie-Folkpops bewusst bescheiden daher. Sind von einer angenehmen Heiterkeit, von wehleidiger Nabelschau keine Spur. Boy meets girl. So einfach kann das gehen, dass sich das Glück selbstverständlich einstellt, weil es unspektakulär am Wegesrand darauf wartet, endlich gefunden zu werden. Wir lernen an diesem Abend: Es geht um die simplen Freuden. Wie die Füße im Wasser baumeln zu lassen. Hatten wir das zwischenzeitlich vergessen?

Eva & Manu – FEET IN THE WATER – EP version from MaxCM, Mighty Monkey on Vimeo.