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Foto nordische Landschaft

01. November 2012

Let´s talk about Pop Music: Iceland Airwaves 2012

Was zwei Wochen ausmachen können: Die vergangenen Jahre fand das Iceland Airwaves Festival stets Mitte Oktober statt. Dies bedeutete, aufs Wetter bezogen, Sturm und heftigen Regen. Kein Wunder, Spätherbst mitten im Atlantik! Dieses Mal findet das alljährliche Spektakel, das Islands Hauptstadt fünf Tage lang in ein Wunderland für Musikfans verwandelt, erst Anfang November statt. Die gute Nachricht: Es gibt keine nassen Füße! Die schlechte: Es ist lausekalt! Wer bislang noch nicht wusste, was es mit dem Wind Chill Factor auf sich hat, wird hier in kürzester Zeit auf unangehmste Art aufgeklärt. Schneidender Wind von allen Seiten! Mit dem Verb frieren ist dieser Zustand nur unzureichend beschrieben. Zwanghaftes Zähneklappern kommt der Sache schon näher!

Ganz abgesehen davon, dass Hurricane Sandy den Festivalmachern Kopfzerbrechen bereitet. Ganze Flugzeugladungen voller Festivalgäste von der US-Ostküste müssen ebendort bleiben. Und die Swans, einer der Headliner, sitzen ebenfalls irgendwo fest. Dagegen haben die gehypten Indierocker Poliça jetzt auf Island einige Fans weniger, weil sie kurzfristig absagten, um im britischen Fernsehen aufzutreten. Das nehmen ihnen die Insulaner wirklich übel!

Aber langweilig oder inhaltlich ärmer wird das Festival deshalb noch lange nicht! Weil man sich von der Vielzahl von bekannten und unbekannten Bands überraschen lassen kann. Und deshalb sind wir schon beim Thema: Über Popmusik reden, wie es die legänderen M vor vielen Jahren taten, bunt blubbernd und krischelig aufgedreht. Dergleichen lebenslustiger Firlefanz gefällt auch der isländischen Jugend von heute, wie den fünf adrett im Früh-80ies-Look frisierten Jungspunden von Retrobot, die heftigst in den Plattenschränken ihrer Eltern gekramt haben müssen, irgendwo zwischen den New Romantics, Tears For Fears und Depeche Mode. Die Popgeschichte neu definieren, das tun die Jungspunde sicherlich nicht und wissen es auch. Aber mit einem selbstironischen Grinsen im Augenwinkel geht es ihnen um Spaß am Abtanzen, ungehemmte Lebensfreude und freches Klauen aus der Schatzkiste der Stile. Und um flotte Künstlichkeit! Dagegen ist nichts einzuwenden!

Um Popmusik im Zuckerbäckerstil geht es übrigens auch den kanadischen Passwords, der vielleicht schönsten Entdeckung des ersten Festivaltages, die im improvisierten Setting des wunderbaren 12-Tonar-Plattenladens zunächst arge Probleme haben, ihre Elektronik in den Griff zu bekommen. Und danach überhaupt nicht mehr aufhören wollen, zu spielen: Mit zwei Synthies und jeder Menge Mut zu überlebensgroßen Gefühlen. Mit einem feinen Händchen für hymnische Stückchen, die wie Luftballons gen einem rosa Horizont schweben, an dem die Sonne nicht untergehen will. Das ist gehobene Tunnel-Of-Love-Musik von der Wunderland-Kirmes, voller Euphorie und übermütigen Emotionen in Cinemascope. Der kleine Plattenladen ist an diesem eisekalten Nachmittag übrigens proppenvoll, der Wind heult ums Häuschen und die Polarbloggerin fraternisiert aufs Angenehmste mit einem viel zu dünn angezogenen Pärchen aus Australien und einem äußerst gesprächigen Schotten. Airwaves eben!

Zartere Töne schlägt dagegen Lily and Fox an, das neue Projekt einer der Sängerinnen von Rökurró. Auf Katzenpfoten kommen diese Töne daher, vorsichtig und verhuscht. Eigenwillig und feenhaft. Es klingklongt und geistert bei dieser Märchenstunde aus dem Lo-Fi-Freakfolk-Märchenbuch. Wo man zu elektronischen Klängen behutsam auf Abwege geführt wird. Aber so gar nicht ins Frösteln gerät! Natürlich hat die junge Dame einen Dutt. Der gehört zur modernen isländischen Sangesfee wie wie der Besen zur kleinen Hexe von Otfried Preussler!

Es ist Mittwoch, und das heißt: Noch nicht so überlaufen. Die Massen fallen erst Donnerstag ein. So kan man die Lokalheroen Tilbury fast unbedrängt goutieren und feststellen, dass sie ihren gehobenen, verträumten Folkpop live auf eher gediegene Weise zum Besten geben. An der Bühnenpräsenz müsst ihr noch ein bisschen arbeiten, Jungs! Das haben die Highasakite nicht nötig: Die Norweger zelebrieren ebenfalls: Popmusik! mit tribalem Einschlag und nachdenklichen Untertönen, was die euphorisierenden Elemente nur noch stärker zu Geltung bringt. Analog zum Indianer-Thema ihres heimlichen Hits »Indian Summer« treten die Bandmitglieder in dezenter Kriegsbemalung auf. Dem Gitarristen mit dem nackten Oberkörper steht das nicht wirklich, aber das ist das Einzige, was es hier zu meckern gibt.

Lieber noch weiter auf Entdeckungsreise gehen! In der Jugendherberge um die Ecke wird solide Hausmannskost im härteren Singer-Songwriterstil geboten. My Brother Is Pale heißen diese Gutmenschen aus der isländischen Hauptstadt, zu deren elektrisch verstärkten neo-folkrockigen Tönen man trefflich von allzu überkandkidelten Seelenzuständen herunterkommen kann. Hier geht es zur Gitarre um die grundsätzlichen Fragen des Lebens. Bei den Blind Auditions für The Voice Of Germany würde sich Rae Garvey sofort umdrehen. Ehrliche Gefühle, tiefempfunden dargeboten, schöne Sache, das.

Wenn nur nicht die Tanzfüße ihr Recht verlangen würden! Denn im Idno am See ist Labelnacht von Morr Music, und da gibt es nicht nur den eigenwilligen und umtriebigen Sin Fang zu hören, der sich so wundervoll in vertrackten elektrofreakfolkigen Wunderwelten verlieren kann und unverdrossen mit seinen Freunden immer wieder Neues ausheckt. Und die Party-Kracher von FM Belfast, deren Hit vom Urlaub in der Karibik noch nie so wohltat wie in dieser Nacht, nachdem man bibbernd und mit klatschmohnroter Nase zehn Minuten angestanden hat.

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