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Foto nordische Landschaft

02. November 2012

Bei Minusgraden auf der Straße tanzen: Iceland Airwaves 2012

Auf Island redet man eigentlich nicht über das Wetter. Man nimmt es einfach hin. Aber dieses Mal ist es auf dem Iceland Airwaves Festival doch etwas anders: Über Reykjavik bläst ein Orkan, der das normale Überqueren einer Straße zum Kraftakt macht. Und die weite, offene Fläche auf dem Weg zum Konzerthaus Harpa erst! Man klammert sich am Arm von körperlich stabil aussehenden Unbekannten fest und lässt sich geleiten. Denn benutzte ich einen Regenschirm, dann hätte mich der Sturm wie den fliegenden Robert im Struwelpeter bereits davongetragen. Doch das Positive der unterschätzten Naturgewalt Wind soll nicht verschwiegen werden: Der Himmel über der isländischen Hauptstadt ist so blankgeblasen, dass des Nachts die Nordlichter herauskommen: Sie sind tatsächlich absinthgrün! Aaah und oooh!

Wettergewalten halten Isländer und Gäste aber nicht von Open-Air-Konzerten Anfang November ab: Neben der gemütlichen Bar Hemmi Og Valdi ist ein Zelt aufgebaut, mit reichlich Platz zum Tanzen. Das ist bei Temperaturen knapp unter dem Gefrierpunkt ohnehin zwingend notwendig. Zum Beispiel zu den rotzfrechen elektronischen Bliepereien eines ortsansässigen Rumpelstilzchens namens Hermigervill, der die 80er-Jahre-Spielekonsolenklänge auf anarchische Weise zum Hüpfen bringt und selbst den größten Spaß daran hat. Der als Zwischenansage launige Betrachtungen über die Flugbahn von Spucke bei Orkanwindstärke anstellt und seinen elektronischen Gerätschaften die absonderlichsten Töne im Glasharfenstil entlock. Und das alles bei schneidendem Wind ohne Handschuhe: Respekt!

Hermigervill – Little House Of Music – Iceland Airwaves from

Eine dieser alljährlichen Airwaves-Überraschungen, in die man beim Gang über die Gasse einfach hereinstolpert, wenn man der lauten Musik folgt, sind übrigens Shiko Shiko aus Frankreich. Die höchst minderjährig aussehenden Jungs müssen aus der Bretagne kommen, denn auch sie spielen bei Minusgraden draußen im improvisierten Zelt. Wickeln einem in Sekundenschnelle um den kleinen Finger mit ihrem temporeichen Wave-Punk, der nur eine Richtung kennt: Vorwärts im Siebenmeilenstiefel-Modus! Mit ironisch südlichem Gitarrenflair als mitunter netter Dreingabe. Gegen die Dynamik dieser Jungspunde, die kräftig ihr Schlagwerk bedienen, wirken die Strokes wie eine Altherrenkapelle. Das revolutionäre Potenzial von Jungsein: Shiko Shiko reizen die Sache gnadenlos aus, bis endlich das ganze Zelt tanzt. Übrigens weiß man nicht, wo man hier zuerst hingucken soll: Auf diese quirligen Jungs aus dem Camenbert-Land oben auf der Bühne, oder auf den atemberaubend schönen jungen Mann, der schräg hinter einem steht und der aussieht wie der kleine Bruder von Benedict Cumberbatch. Aaah und oooh!

Dabei hatte der Tag sozusagen auf Katzenpfoten angefangen, mit einem sehr leisen Konzert vom neuen Lokalmatadoren unter den Singer-Songwriter, dem gerade 20jährigen Asgeir Trausti. Der schüchtern die Schultern hochzieht und kaum ins Publikum blickt, wenn er seine zurückgenommenen Songminiaturen interpretiert. Den Blick nach innen richtet. Wenn im Nordic House jetzt ein Taschentuch auf die Erde fiele, man würde den Aufprall als Explosion empfinden. Trausti hat kürzlich sein Debütalbum vorgelegt, das sich übrigens still und bescheiden an der Spitze der Charts hält. Sorgsam arrangiert und auf nachdenkliche Weise schön von innen wärmend, das!

Während am anderen Ende der Stadt Ólafur Arnalds im völlig , überfüllten KEX spielt, betritt vor überschaubarer Zuschauerzahl im Nordic House ein ernst zu nehmender Wettbewerber die Bühne, von dem man bedauerlicherweise bislang noch nichts gehört hat: Der ungelenke junge Schwede Mikael Lind, für mich die positive Überrschaschung des Tages. Der Musiker lebt schon seit einigen Monaten auf Island und entlockt Klavier und Konsole zarte, ausufernde Wunderdinge. Hier muss man fast den Atem anhalten, damit sich diese fragilen Klangmalereien gebührend entfalten können. Meditativ und tief. Erfreulich unkitschig. Intelligent und ernsthaft. Bisweilen von fast sakraler Feierlichkeit. Dass draußen der Wind ums Haus heult, haben wir schnell vergessen.

Und zurück ins Zentrum und beherzt in die Menge im 12-Tonar-Plattenladen gedrückt: All die Mäkeleien, dass das Festival allmählich an seine Grenzen stößt, hier scheinen sie sich zu bewahrheiten. Es hat sich breitflächig auf dem gesamten Erdball herumgsprochen, dass die 12-Tonar-Macher über einen ausgeprägt guten Geschmack verfügen und ein Händchen für hochwertige Newcomerbands haben. Allein, es passen höchstens 50 Leute in Laden, und die stehen bereits gedrängt wie die Heringe. Gleichwohl: Boogie Trouble, eine dieser vielen quietschbunten isländischen Großgruppen, lassen sich ihren Spaß trotz der Enge nicht nehmen und stehen, in dicke Pullover gehüllt, selbstbewusst dazu, dass sie das Disco-Zeitalter lieben. Auch ohne Glitzerkugel und auf isländisch singend. Das kommt sehr leichtfüßig und angenehm naiv daher und flirrt so unbeschwert wie die Sonnenstrahlen im Hochsommer. Schön!

Abends scheinen alle übergroßen Befürchtungen vor einem übervollen Festival dann doch übertrieben. Im Idno am See ist reichlich Platz, um das Projekt Cheek Mountain Thief in Aktion zu sehen. Mike Lindsay, der umtriebige US-Folker und Gründungsmitglied von Tunng, hat sein Herz an die Atlantikinsel verloren und dort jede Menge neuer Freunde gefunden. Die bringt er hier mit auf die Bühne, wo es auf angenehme Weise heimelig und handgestrickt, aber keineswegs eindimensional zugeht. Am innigsten wird es hier zu Trompetenklängen, wenn er Sindri Már Sigfússon alias Sin Fang zum Duett bittet. Oder die halbe Gästeschar des legendären Kaffeehauses Kaffibarinn rauhkehlig den Begleitchor gibt.

Es gäbe von diesem Abend der handfesten Wetterkapriolen noch viel zu berichten. Etwa vom mit bislang Abstand grauseligsten Konzert des Festivals, einem sich grandios selbst überschätzenden Duo names The Echo Vamper aus Dänemark. Das eine belanglose Mischung aus Goth-Blues bietet und die eigene musikalische Inkompetenz damit zu übertünchen versucht, dass der weibliche Teil barbusig über die Bühne hoppelt und sich in Zuckungen windet, die wohl erotisch aussehen sollen. Schnell die Flucht ergriffen! Und zurück ins Idno, wo sich ein minderjähriges, sehr unstylish strubbeliges isländisches Kollektiv namens Caterpillarmen mit ironischem Funkeln in den Augen als die wahren Erben von King Crimson outet. Holla, was ein Spaß!

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2 Kommentare

1. Franziska schrieb am 21. November 2012 um 18:09

Hej Eva,

danke für die Berichte übers Iceland Airwaves. Die können einen zumindest solange trösten, bis man es selbst mal dahin schafft. Worauf du definitiv große Lust gemacht hast. Auch zu übermäßigem vimeo-video Konsum übers Eldhus hast mich verleitet. Besonders von Ásgeir Trausti bin ich schon jetzt ganz beseelt. Eine Frage: Ist sein Album hierzulande erhältlich? Wenn ja, wo? Die üblichen Quellen inklusive cdon hab ich schon erfolglos abgegrast…
Um im Gegenzug noch eine Empfehlung loszuwerden. Ihr solltet mal Linnea Olsson testen. Wurde mir grad empfohlen und find ich sehr lohnend.

Viele Grüße, Franziska

2. Eva-Maria Vochazer schrieb am 22. November 2012 um 12:17

Hallo Franziska, wir waren alle von Ásgeir Trausti so begeistert, dass wir sein Debüt zu unserem “Album des Monats” bei Nordische Musik gekürt haben. Das Album kann man über http://www.shopicelandic.com in physischer Form kaufen, oder über http://www.tonlist.is als Download. Übrigens: Ab 1. Dezember starten die Frühbucher-Schnäppchen fürs Iceland Airwaves 2013! & Danke für den Tipp mit Linnea Olsson!

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