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Foto nordische Landschaft

07. November 2012

Von Monsterwellen und Katzenpipi: Iceland Airwaves 2012

Ein Phänomen spielt am dritten Festivaltag von Iceland Airwaves die Hauptrolle, und, Überraschung! es ist nicht die Musik: Ein Orkan mit Windgeschwindigkeiten von über 150 Stundenkilometern fegt über Reykjavik. Die Feuerwehr sperrt Teile der einzigen Einkaufsstraße des Landes, also des Laugavegur, vorsorglich ab. Dächer werden abgedeckt und die Wellen spritzen meterhoch über die Uferpromenade. Beim Biegen um besonders zugige Ecken muss man sich bisweilen an Laternenpfählen festhalten, um nicht umgeweht zu werden. Der Wetteramt gibt die Empfehlung aus, man möge doch bitte zuhause bleiben. Wird souverän ignoriert, das! Aber vergleichsweise schüchtern fragt man bei Einheimischen nach, ob man denn besonders empfindlich sei und ob derartig heftige Herbststürme auf der Atlantikinsel denn zum Standardwetterrepertoire gehörten. Und erhält die vordergründig beruhigende Antwort: Nein, so einen schlimmen Orkan habe man schon seit vielen Jahren nicht mehr erlebt! Na, da sind wir ja froh, keine Weichlinge zu sein! Einen kleinen Eindruck von der Heftigkeit der Naturgewalt gibt das offizielle Festivalvideo vom Freitag, unterlegt mit der von mir überaus geschätzten isländischen Postrockband For A Minor Reflection. Doch zu diesen live lange schmerzlich vermissten Jungspunden später mehr!

Da der Freitag zu den Hauptfestivaltagen gehört, goutiert man zunächst die Off-Venue-Konzerte in Jugendherbergen, Kinos, Buchläden oder Kulturzentren. Die kanadischen Nachwuchskräfte Jesuslesfilles spielen laut Festivalinfo »Franko-Garagenrock, getränkt mit der Glorie der 90er«. Na, wenn diese Mischung mal nicht wärmt an diesem heftigen Frühnachmittag! Und der Bandname trügt nicht, ein Mädel darf hier auch mitsingen. Das Quintett gibt die hippen Straßenköter im Grobstrickpullovern und mit hornissenzornigen Gitarren. Singt einen Song über das letzte Album von Beck. Aha. Pflegt aber inmitten allen Klampfenlärms eine poppige Unterströmung. Kein Wunder, klingt doch der Sänger wie der verschollene Enkel des legendären belgischen Heroen Plastic Bertrand! Schön strubbelig, das!

Sehr viel handgemachter und schüchterner geht es beim isländischen Kinderzimmer-Popnerd Þórir Bogason alias Just Another Snake Cult zu. Der experimentierfreudige Musiker, der seine Jugend in Kalifornien verbracht hat, erscheint hier nur mit zwei Mitmusikern und nicht wie beim letzten Mal in Großgruppenstärke. Auch gut! Wie weiland Lady Diana blickt Herr Bogason aus großen Kinderaugen von unten ins Publilkum und verliert sich in einem eigentümlich puckernden Weirdfolk-Universum. Sehr angenehm verträumt und charmant schief. Man kuschelt sich aufs Kinosofa im Bio Paradís, träumt von den Beach Boys und linden Lüften, während sich der Regen in Bataillonstärke gegen das Fenster klatscht. Zum Geschäftsmann in eigener Sache taugt Herr Snake Cult übrigens nicht: Mindestens zehn Konzertgänger wollen sein jüngstes Album kaufen, er hat aber nur zwei Restexemplare dabei. Das üben wir noch!

Selbstbewusstsein muss Hanne Kolstø dagegen nicht erst lernen: Die junge norwegische Sängerin strahlt vor übermütiger Lebensfreude. Setzt zwischendurch durchaus zur großen Geste an. Experimentiert gerne. Mit Synthies, mit akustischer Gitarre und souveräner Stimme. In ihren Liebesliedern verhauen sich zwei Mädchen oder tanzt ein Jeanstyp wie entfesselt durch unwirtliche Stadtlandschaften. Trotz aller latenten Aggressivität ist die Chanteuse doch fest im Poplager verankert, allerdings in einer Ecke, in der sich die dunklen Schatten versammeln und das Straßenschild schon Richtung Mordor weist. In der Jugendherherberge verrät sie, dass sie bei Gigs gerne ausufernd Dödekens erzählt. Wie die von der Lieblingsbluse, die sie strahlend kurz vorm Auftritt überzieht, nur um auf offener Bühne festzustellen, dass die Katze darüber gepinkelt hat. »Hello, my name is Hanne, and a cat just peed over my blouse«. Nette Anekdote, um sich dem Publikum zu präsentieren! Im Januar ist Frau Kolstø übrigens als Support von Veto unterwegs. Und wenn man von dem beherzten und intensiven Eindruck dieses kleinen akustischen Konzerts ausgeht, dann dürfte die Dame den Hauptact an die Wand spielen!

Das Headbangen ist normalerweise meine Sache nicht. Aber nach vielen Empfehlungen befreundeter Twitterer lasse ich mich vom Orkan zum akustischen Konzert der isländischen Black-Metal-Band Sólstafir treiben, die ihre Musik selbst als »atmosphärisch, episch, psychedelisch« beschreiben. Klug erkannt! Und bei heulendem Wind und bevorstehendem Weltuntergang in der weiten Bucht von Reykjavik kommen diese gar nicht markig-mannhaften Töne der langmähnigen Wikinger geradezu innig daher. Wärmen von innen. Machen sehnsüchtig. Treffen präzise da, wo sich die emptionalen Schwachstellen befinden. Balladig sind sie, diese Haudegen, ausufernd intensiv und präzise. Und man staunt ein weiteres Mal darüber, in wie vielen Genres der atlantische Inselstaat mit seinen knapp über 300.000 Einwohnern talentierte Musiker hervorbringt. Sólastafir haben seit diesem Spätnachmittag einen Fan mehr. Das Haareschütteln wird noch geübt!

Hjaltalín, die vielköpfige isländische Folkpoptruppe, haben sich in den letzten ein, zwei Jahren leider ziemlich rar gemacht. Womit sie in letzter Zeit beschäftigt waren, erweist sich zum Ende des Nachmittagsprogramms im schon bestens bekannten Kino Bio Paradís, übrigens das einzige Programm-Lichtspielhaus Islands: Hjaltalin haben eine Filmmusik komponiert! Und die wird zum Festival live von der Band eingespielt. Denn bei »DAYS OF GREY« handelt es ich um einen experimentellen Stummfilm in einer betörend grausamen Landschaft. Es geht hier, vor latent apokalyptischer Kulisse, ganz klassisch, ums Erwachsenwerden von Kindern, um eine hartherzige Umwelt, um die Bekanntschaft mit dem Anderen in Gestalt eines Wildlings-Mädchens. Sehr zart kommt dieser Soundtrack daher, voller geheimnisvoller Zwischentöne und dramatischer Piano-Ausbrüche. Tonmaterial liegt leider keines vor. Magisch ist der Eindruck trotzdem. Und das Hjaltalín auch abseits von Stummfilm-Scores wieder aktiv sind und durchaus Spaß am Dick-Auftragen haben, zeigen sie in ihrem neuen Video »Feels Like Sugar«.

Hjaltalín – Feels Like Sugar from Hjaltalín on Vimeo.

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1 Kommentare

1. Andreas schrieb am 11. November 2012 um 20:33

Ich glaube, von dem Festival hatte ich das 1. mal bei stylespion.de gelesen (da gibts auch viel über Islands Musikszene zu lesen/hören). Nicht alles mein Fall aber man entdeckt da immer wieder tolle Bands bei :)

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